Ärzte Zeitung, 24.09.2011

Dr. Sócrates vor seinem schwersten Kampf

Sócrates zauberte auf dem Fußballplatz wie kaum ein anderer. Der Fußballgott mit abgeschlossenem Medizinstudium begeisterte Fans auf der ganzen Welt. Aber er trank und rauchte auch unmäßig. Jahrzehntelang. Das rächt sich jetzt.

Von Helmut Reuter

Dr. Sócrates vor seinem schwersten Kampf

Sócrates 1981 beim Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft.

© dpa

SãO PAULO. Der Ex-Fußballstar Sócrates steht vor seinem wohl schwersten Kampf. Es geht um sein Leben. Der 57-Jährige weiß, dass er nicht mehr trinken darf. Leberzirrhose lautet die Diagnose der Ärzte.

Es ist die Folge jahrzehntelangen starken Alkoholkonsums. Zwei Mal kurz nacheinander lag er seit Mitte August mit inneren Blutungen in São Paulo auf der Intensivstation. Seine Alkoholabhängigkeit machte er vor einigen Wochen öffentlich und nannte gleich das Gegenmittel: "Totale Abstinenz".

Ärzte kämpften um sein Leben

Das renommierte Albert-Einstein-Hospital veröffentlichte seit dem 19. August insgesamt elf medizinische Bulletins über den Zustand des prominenten Patienten. Der ist selbst vom Fach, studierter Mediziner, weshalb er von den Fans auch den Spitznamen "Doutor" bekam.

"Ja ich war Alkoholiker. Ich war abhängig von Alkohol", räumte der Seleção-Kapitän der Fußball-Weltmeisterschaften von 1982 und 1986 in einem Exklusiv-Interview des Online-Portals Fantástico ein.

Insgesamt war er bis zu seiner Entlassung am Donnerstag fast ununterbrochen 25 Tage im Krankenhaus. Er wurde zeitweise ins künstliche Koma versetzt und konnte nur mit Hilfe von Geräten atmen. Die Ärzte kämpften um sein Leben.

Diät und Physiotherapie

Er muss jetzt strenge Diät halten und zudem Physiotherapie machen. In Medien wird darüber spekuliert, ob der nächste Schritt eine Lebertransplantation sein wird. Doch dafür muss der Patient sechs Monate "trocken" sein.

Zudem ist die Warteliste für ein Spenderorgan lang. Sócrates muss Acht geben, dass ihn nicht das selbe Schicksal ereilt wie seinen berühmten Landsmann Garrincha. Der Stürmer-Star mit dem Spitznamen "Freude des Volkes" (Alegria do Povo) war ebenfalls alkoholabhängig und starb 1983 mit 49 Jahren an Leberzirrhose.

Dr. Sócrates vor seinem schwersten Kampf

Schwer alkoholkrank: Sócrates.

© Cityfiles / imago

Für Sócrates war jahrelang der Wein ständiger Begleiter: "Ich trank morgens ein wenig, dann am Nachmittag. Während ich arbeitete, trank ich eine Flasche Wein im Laufe des Tages. Wenn ich die Flasche nicht gehabt hätte, hätte dies nichts geändert, aber es war eben Gewohnheit."

"Ich bin kein Athlet. Ich bin Fußball-Künstler"

1984 vor der Abreise nach Italien, wo der 1,92-Meter-Mann kurze Zeit für Florenz spielte, trank er während eines Interviews große Mengen Bier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Auf die Frage, ob dies angemessen für einen Athleten sei, sagte er mit einem Lächeln: "Ich bin kein Athlet. Ich bin Fußball-Künstler."

Den Rat seiner Ärztin ignorierte er. Sie behandelte ihn im Juni 2010, als die Magenblutungen erstmals auftraten, und gab ihm eine Reihe von Empfehlungen. "Er hat nichts gemacht, was ich verlangt habe: Er trank weiter und ließ auch keine Endoskopie machen, um das Ausmaß des Problems zu diagnostizieren", sagte die Medizinerin der Zeitung "Folha de São Paulo".

Leber bereits geschädigt - Bier gegen Wein getauscht

Sein Zustand sei schon seit einem Jahr sehr ernst. "Er hätte das Trinken aufgeben müssen, um seine Gesundheit nicht zu verschlechtern. Seine Leber war schon sehr geschädigt. Aber was machte er? Er ging nach São Paulo und, nach Angaben von Freunden, tauschte er das Bier gegen Wein", wunderte sich die Ärztin.

Vor einigen Jahren antwortete der Ex-Spieler auf eine Frage des österreichischen Magazins "Null Acht - Magazin für Rasenpflege", wer Sócrates wirklich sei, so: "Ein Wahnsinniger. In Wahrheit bin ich wirklich verrückt. Grundsätzlich lerne ich sehr gerne und je mehr Gebiete man anschneidet, desto mehr lernt man." Jetzt muss er schnell lernen, ohne Alkohol auszukommen. (dpa)

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