Ärzte Zeitung, 19.03.2012

Ein TÜV-Kontrolleur ohne Höhenangst

Arbeitsplatz in 40 Metern Höhe: Wo andere aufgeregt schreien, muss Christian Falk Ruhe bewahren. Der TÜV-Prüfer soll bei Freizeitpark- und Volksfesttechnik sicheren Fahrspaß garantieren. Zurzeit testet er die neue Holzachterbahn "Wodan" im Europa-Park, die ab Ende März täglich rasen soll.

Von Jürgen Ruf

Ein TÜV-Kontrolleur ohne Höhenangst

Überprüft 100.000 Schraubenverbindungen: Christian Falk ist Sicherheitsingenieur beim TÜV.

© Seeger/ dpa

RUST. Christian Falk stürzt sich für seinen Beruf auch mal in die Tiefe. Er dreht sich häufig im Kreis und hat vielleicht auch mal Spaß auf der Achterbahn. Aber das spielt für ihn meist keine Rolle. Der Sicherheitsingenieur der Münchner Prüforganisation TÜV Süd ist Spezialist für Fahrattraktionen in Vergnügungsparks und auf Volksfesten.

Er nimmt das Kinderkarussell ebenso unter die Lupe wie den Freifallturm oder die Wildwasserbahn. Zurzeit begutachtet er in Deutschlands größtem Freizeitpark, dem Europa-Park im badischen Rust, eine neue Holzachterbahn. Sie soll am 31. März in Betrieb gehen. Falk und seine Kollegen haben schon vor der Premiere das Vergnügen.

21.000 Holzbalken sind verbaut worden

"Wir arbeiten, damit sich andere sorgenlos ins Vergnügen stürzen können. Unser Job ist es, auch die kleinste lockere Schraube zu entdecken", sagt Falk. Er hat sich einen Bauhelm aufgezogen und ist 40 Meter in die Höhe geklettert.

Auf die Spitze von "Wodan". So heißt die neue Achterbahn. Sie ist die Hauptattraktion des Parks zum Start der diesjährigen Sommersaison. Für Bauingenieur ungewohntes Terrain: Neue Achterbahnen aus Holz in dieser Größenordnung sind selten.

"Es ist eine Menge Holz, die hier verbaut wird", sagt der 40-Jährige. 21 000 Holzbalken bilden den Rahmen für die mehr als ein Kilometer lange, aus Stahlschienen bestehende Strecke. Bis zu 18 000 Menschen pro Tag sollen später die Bahn nutzen und mit bis zu 100 Stundenkilometern über das Holzgerüst rasen. TÜV-Prüfer Falk, Vater zweier Mädchen, soll ihre Sicherheit garantieren.

Bevor ein Fahrgeschäft freigegeben wird, wird es wie jede andere Maschine vom TÜV auf Herz und Nieren getestet. Falk macht diese Arbeit rund um den Globus. "Erstens prüfen wir die technischen Unterlagen und zweitens die Anlage an sich", sagt er.

Ein TÜV-Kontrolleur ohne Höhenangst

Gefährlicher Einsatz in luftiger Höhe: Die neue Holzachterbahn im Freizeitpark Rust ist fast vierzig Meter hoch.

© Seeger/dpa

Für den Sicherheitscheck klettern die Ingenieure über Schienen und auf Türme. Ein mulmiges Gefühl dürfen sie nicht haben. Und sie müssen schwindelfrei sein. Das wird regelmäßig von einem Arzt überprüft.

Falk schaut sich die insgesamt 100.000 Schraubenverbindungen der Holzachterbahn in Rust an, die 315 Tonnen schweren Stahlbauten, er nimmt Elektronikteile unter die Lupe, das Bremssystem genauso wie die Sicherheitsbügel der Sitze.

Mitfahren gehört auch dazu. Doch bevor Falk und seine Kollegen zusteigen, bringen sie Testpuppen in Fahrt. Diese sind mit Wasser gefüllt, werden auf den Achterbahnsitzen platziert und simulieren mit Größe und Gewicht Menschen.

Die Fahrt mit Achterbahnen und anderen Fahrgeschäften soll bewusst als gefährlich empfunden werden. In Wirklichkeit ist sie es nicht, sagt Falk. Nach menschlichem Ermessen könne kein Unfall passieren: "Wenn die Besucher mit dem Auto kommen, dann haben sie den gefährlichen Teil des Tages eigentlich schon hinter sich."

Hundertprozentige Sicherheit gebe es bei riskanten Fahrgeschäften jedoch auch nicht. Im Fachjargon heißt dies "Überlebenswahrscheinlichkeit". Allerdings nicht von Fahrgästen, sondern von Bauteilen.

Einmal pro Jahr kommt der TÜV

Fahrattraktionen in Freizeitparks und aufs Volksfesten müssen mindestens einmal jährlich vom TÜV überprüft werden. Denn sie sind im Dauereinsatz, transportieren Millionen Menschen. Ausgelegt sind sie auf eine Laufzeit von mindestens 20 Jahren, die meisten sind aber weitaus länger in Betrieb.

Extreme Neuheiten erwartet Falk nicht mehr: "Bei der Beschleunigung ist die Grenze erreicht", sagt er. "Mehr geht nicht, das sagen uns die Werte der Flugmedizin." Privat steigen die Achterbahntester eher selten in Fahrgeschäfte. Mit seinen beiden Töchtern geht es aber jedes Jahr aufs Oktoberfest - Fahrt im Karussell oder der Achterbahn inklusive. (dpa)

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