Ärzte Zeitung online, 17.05.2016
 

Fossil entdeckt

Urzeittier legt Nachwuchs an die Leine

Um seine Nachkommen zu schützen, hat ein kleines Wassertierchen vor fast einer halben Milliarde Jahren eine besondere Strategie entwickelt.

Von Kim Alexander Zickenheiner

NEW HAVEN. Wie kleine Drachen hat ein Urzeittierchen seinen eingekapselten Nachwuchs an Leinen hinter sich hergezogen. Von keinem anderen Tier sei ein solches Vorgehen bekannt, berichten Forscher der Universitäten Yale, Oxford, Leicester und des Imperial College London im Fachblatt "Proceedings" der Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Sie benannten den 430 Millionen Jahre alten "Drachenläufer" (Kite Runner) nach einem Roman von Khaled Hosseini.

Wie befestigte Drachen

Das Fossil des Gliederfüßers wurde in England gefunden, heißt es in der Studie. Das Exemplar des gut einen Zentimeter langen Tierchens mit dem wissenschaftlichen Namen Aquilonifer spinosus hatte demnach zehn Nachkommen.

"Wenn sich das Elterntier bewegt hat, haben die Jungen wie Dekoration oder befestigte Drachen ausgesehen", so Erstautor Derek Briggs von der Universität Yale.

"Heutige Krebstiere haben eine Reihe von Strategien, um ihre Eier und Embryos vor Räubern zu schützen - sie befestigen sie an ihren Gliedmaßen, halten sie unter dem Panzer oder umgeben sie mit einer besonderen Tasche", erklärt er. "Aber dieses Beispiel ist einzigartig."

Die Methode habe sich im Laufe der Evolution vielleicht als weniger erfolgreich erwiesen und sei daher verschwunden.

Die zehn Nachkommen des Drachenläufers seien unterschiedlich weit entwickelt, schreiben die Forscher. Die größte Kapsel ist demnach rund zwei Millimeter lang.

Die Forscher gehen davon aus, dass der Drachenläufer bis zum Schlüpfen aller Jungen wartete, ehe er sich im Zuge seines Wachstums häutete - sonst hätten die Kapseln schutzlos herumgelegen.

Weibchen oder Männchen?

Wahrscheinlich handele es sich bei dem Fossil um ein Weibchen, allerdings kümmerten sich bei manchen heutigen Verwandten des Drachenläufers auch die Männchen um den Nachwuchs.

Die Idee, dass es sich bei den zehn kleinen Lebewesen auch um Parasiten handeln könnte, verwarfen die Forscher wieder.

Sie ordnen den Drachenläufer bei den Mandibeltieren ein, einer Tiergruppe, zu der auch Krebstiere und Insekten gehören. Wahrscheinlich habe er am Boden von Gewässern gelebt. Die detailreiche Darstellung erreichten die Forscher durch eine virtuelle Rekonstruktion: Schicht für Schicht rieben sie das Fossil ab und erstellten Aufnahmen. (dpa)

Topics
Schlagworte
Panorama (31030)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »