Ärzte Zeitung, 10.10.2016
 

(K)ein Ende in Sicht

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Können Menschen unbegrenzt leben oder gibt es eine natürliche Obergrenze? Forscher streiten über diese Frage – und liefern mit einer Studie neuen Zündstoff für Diskussionen.

Von Anja Garms

Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Dem Tod davonradeln - das geht wohl nicht.

© Fstop / imagesource.com

NEW YORK. Die Lebenszeit des Menschen hat eine natürliche Obergrenze. Dies zumindest glauben US-Forscher nach der Analyse von umfassenden demografischen Daten aus mehr als 40 Ländern. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch jemals älter als 125 Jahre werde, sei extrem gering, schreiben sie im Fachblatt "Nature".

Der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, James Vaupel, hält dagegen: Die Studie trage nichts bei zum wissenschaftlichen Verständnis davon, wie lange wir leben.

30 Jahre mehr Lebenszeit seit 19. Jahrhundert

Was ist der Hintergrund? Seit dem 19. Jahrhundert ist die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt kontinuierlich gestiegen. Lag sie bei Menschen, die im Jahr 1900 etwa in Frankreich geboren wurden, noch bei wenig mehr als 45 Jahren, werden im Jahr 2000 geborene Kinder ein durchschnittliches Alter von mehr als 75 Jahren erreichen.

Den Anstieg der Lebenserwartung um 30 Jahre innerhalb eines Jahrhunderts führen Experten vor allem auf medizinischen und technologischen Fortschritt zurück. Der habe zunächst die Säuglingssterblichkeit eingedämmt, heute die Sterblichkeit im höheren Alter.

Auch das maximale Alter zum Zeitpunkt des Todes ist in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gestiegen. Der Mensch mit dem bisher höchsten erreichten Lebensalter ist die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren gestorben war.

Lebenszeit-Limit ein Streitpunkt

Doch wie geht es weiter? Nähern wir Menschen uns mittlerweile einem Lebenszeit-Limit? Oder können wir unter optimalen Bedingungen noch älter werden? Diese Fragen sind bisher unbeantwortet.

Forscher um Jan Vijg vom Albert Einstein College of Medicine in New York hatten zunächst Geburts- und Sterbedaten aus der Human Mortality Database zu mehr als 40 Ländern analysiert. Sie fanden erwartungsgemäß, dass der Anteil alter Menschen (über 70 Jahre) an einem Jahrgang von Jahr zu Jahr größer wird.

Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Betrachteten die Forscher die Daten sehr alter Menschen (über 100 Jahre), war das nur noch begrenzt der Fall.

Anschließend analysierten sie Daten aus Frankreich, Japan, Großbritannien und den USA zum maximalen Lebensalter. Das Ergebnis: Seit den 1990er Jahren ist das maximale Lebensalter nicht weiter gestiegen.

Forscher: 125 Jahre ist die maximale Obergrenze!

"Demografen und Biologen haben argumentiert, es gebe keinen Grund anzunehmen, dass der derzeitige Anstieg der maximalen Lebensspanne demnächst endet", erläutert Studienleiter Vijg.

Und weiter: "Aber unsere Daten sprechen dafür, dass das bereits geschehen ist, und zwar in den 1990er Jahren" – das bekannt gewordene Maximalalter eines Menschen liege für diese Zeit im Durchschnitt bei 115 Jahren.

Aus weiteren statistischen Berechnungen schlossen die Forscher, dass ein Alter von 125 Jahren mit großer Sicherheit die absolute Obergrenze sei. Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem gegebenen Jahr irgendeine Person auf der Welt dieses Alter überschreite, liege bei weniger als 1 zu 10.000, schreiben die Forscher.

Max-Planck-Institut: Studie zieht einseitige Schlüsse

Die Publikation basiere auf der selektiven Nutzung von Daten und ziehe einseitige Schlüsse, die durch die Daten nicht gedeckt werden, kommentiert Vaupel, der am Max-Planck-Institut für demografische Forschung die Arbeitsbereiche Altern und Langlebigkeit sowie Evolutionäre Demografie leitet.

Vaupel argumentiert: "Es ist entmutigend, wie oft der gleiche Fehler in der Wissenschaft gemacht und in angesehenen Fachjournalen publiziert werden kann." Studien wie diese würden veröffentlicht, weil es vielen Leuten plausibel erscheine, dass die maximale Lebensspanne nicht viel weiter ansteigen kann.

Seiner Ansicht nach gibt es keine Hinweise auf eine natürliche Obergrenze der Lebenszeit. In der Vergangenheit ausgerufene Grenzen seien wiederholt widerlegt worden.

"Vor 100 Jahren nahm man an, dass die durchschnittliche Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten werde. Als dann der Gegenbeweis sichtbar wurde, wurde die Grenze wieder und wieder nach oben verschoben", so Vaupel.

Das Team um Vijg hingegen ist überzeugt: "Weitere Fortschritte bei der Bekämpfung von Infektions- und chronischen Krankheiten können die durchschnittliche Lebenserwartung weiter anheben, aber nicht die maximale Lebenserwartung."

Die genauen biologischen Gründe für die Begrenzung der Lebensspanne kennt man indes nicht. Es gebe keine Gene, die unmittelbar das Altern oder den Todeszeitpunkt festschrieben.

Gibt es jedoch ohnehin biomechanische Grenzen?

In einem ebenfalls in "Nature" publizierten Kommentar zu der Studie vergleicht Jay Olshansky von der University of Illinois in Chicago diese Lebensbeschränkung mit der begrenzten Laufgeschwindigkeit des Menschen. Es gebe keine genetische festgelegte Maximalgeschwindigkeit, aber unser Körperbau, der sich evolutionär für andere Zwecke entwickelte, setze ihr biomechanische Grenzen.

Die Menschheit arbeite hart – und mit einigem Erfolg – daran, die Lebenszeit zu verlängern. Aber wir sollten anerkennen, dass genetische Beschränkungen einer radikalen Lebensverlängerung im Wege stehen. Ist nun ein Ende der maximalen Lebenszeit in Sicht? Zumindest in der Diskussion darüber nicht. (dpa)

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Albert Einstein (49)
[10.10.2016, 20:15:40]
Wolfgang P. Bayerl 
Statistik ist eine Kausalität
Erst mit dem "warum" kann eine Grenze behauptet werden.
Immerhin gibt es mehr Zivilisationskrankheiten (z.B.Übergewicht) als Ärzte,
ich gebe daher dem Max-Planck-Institut recht.
Ein wirklicher Grund für diese Grenze ist nicht genannt.
@Michael Peuser Vegetarismus verkürzt die Lebenserwartung :-)
Richtig ist aber die Bedeutung der Ernährung,
die scheint eher schlechter zu werden. zum Beitrag »
[10.10.2016, 14:13:22]
Michael Peuser 
Lebenszeit-Limit
Der medizinische Fortschritt hat unsere Lebenszeit bereits stark erhöht, aber bei der Lebensqualität lässt sich noch sehr viel verbessern. Man kümmert sich noch viel zu wenig um die Mikrozirkulation in den 100 Milliarden Kapillaren in denen der Metabolismus, der Stoffaustausch stattfindet zur Versorgung der 75 Billionen Zellen. Man muss für den gesunden und normalen Innendurchmesser von 7 Mikron sorgen (das Vitalgetränk der Aloe hat sich dafür bewährt), man muss für die Fliessfähigkeit der roten Blutkörperchen sorgen (Omega-3 und/oder Nachtkerzenöl hat sich dafür bewährt), man muss für den artgerechten pH-Wert sorgen von 6,8 - 7,0 (gemessen vom morgentlichen Speichel und Urin), damit die roten Blutkörperchen nicht ihre Elastizität verlieren (Ernährungsumstellung oder basisische Produkte haben sich dafür bewährt, und man muss für die Festigkeit der hauchdünnen Kapillarenwände sorgen, damit diese nicht zusammenfallen (dafür hat sich Siliziumdioxid in kollodialer Form (SILICEA), Extrakte aus stark siliziumhaltigen Pflanzen wie z.B. der Brennnessel bewährt oder Weizenkleie). Die heutige moderne Menschhheit leidet unter Siliziummangel.
Wenn die Kapillaren, der Hauptentscheidungsträger unserer Gesundheit (immerhin 3 Liter unseres Körpers) perfekt sind, dann sollte man sich auch noch um die Mikroversorgungsleitungen zwischen den Kapillaren und den Zellen im Interstitium kümmern. Durch den Exzess vom Genuss von tierischem Eiweiss sind diese oft wie mit Sperrmüll voll gemüllt, verengt und verstopft. Diese müssen alle paar Jahre mal geleert werden durch eine 3-monatige Kur ohne Genuss von tierischem Eiweiss wie Fleisch, Fisch, Käse, Wurst, Milch, Jogurt und Eiern.
Wer sich an diese Regeln hält hat ein längeres Leben voll Vitalität, kann Siechenheime vermeiden und wird auch weniger ein Pflegefall.
 zum Beitrag »
[10.10.2016, 13:15:29]
Claus F. Dieterle 
Psalm 90,10.12
"...Wie schnell ist alles vorbei und wir sind nicht mehr! Lass uns erkennen, wie kurz unser Leben ist, damit wir zur Einsicht kommen!" Bibel in heutigem Deutsch zum Beitrag »
[10.10.2016, 11:04:09]
Thomas Georg Schätzler 
Allgemeine Lebenserwartung weder schön- noch schlechtreden!
Dass die Lebenserwartung der Weltbevölkerung seit 1980 um mehr als zehn Jahre auf 69,0 Jahre bei Männern und 74,8 Jahren bei Frauen gestiegen ist, lässt sich nicht als lineare Funktion fortsetzen. Über diese Problematik schweigt sich die Deutsche Presse Agentur (dpa) aus. Dagegen stehen Umweltproblematik, Überbevölkerung, Versorgungs- und Ressourcenknappheit, Migration, Genetik, Epigenetik und exogene bzw. endogene Einflüsse der Entropie.

Dies scheint auch bei dem im Wesentlichen von der Bill & Melinda-Gates-Stiftung geförderten Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) unter der Leitung von Christopher Murray noch nicht angekommen zu sein.
http://www.healthdata.org/news-release/increase-global-life-expectancy-offset-war-obesity-and-substance-abuse
Wesentlich für die Limitierung der weltweiten Lebenserwartung sind nicht nur Krieg, Adipositas und Drogenmissbrauch ["Increase in global life expectancy offset by war, obesity, and substance abuse"].

Sondern auch Diabetes mellitus, Alkohol- und Zigaretten-, Zucker- und Kohlenhydratkonsum, Bewegungsmangel, Fehlernährung, Endothelschäden, neue Krankheitserreger, Umweltbelastungen, Armut, Hunger und Not, Mangelversorgung, Terrorismus, Fundamentalismus und der globale Verteilungskampf um die ökonomische und politische Vorherrschaft: Ja selbst die Spaltung zwischen Arm und Reich oder der Zugang zu sauberem Trinkwasser und unbelasteten Nahrungsmitteln können zusätzlich die Lebenserwartung verringern oder "quality of life"-Ansprüche schmälern.

Musterbeispiel USA: Die immer weiter aufgehende Schere zwischen der Unterschicht mit stark sinkender Lebenserwartung kann gar nicht mehr durch die wesentlich höhere Lebenserwartung der Oberschicht kompensiert werden, so dass die allgemeine Lebenserwartung aktuell stagniert und in sozialen Brennpunkten deutlich sinkt.

Paradox ist auch folgendes: Konzerne, die ihre Geschäftspolitik im Informatik-Zeitalter nahezu ausschließlich auf Konsumentinnen und Konsumenten in postindustriellen Gesellschaften mit hoher Innovationgeschwindigkeit ausgerichtet haben, tragen eher zur Verschwendung der "Habenden" als zur Umverteilung für die "Nicht-Habenden" bei, und limitieren damit die Lebenserwartung einer globalen Unterschicht von Unterprivilegierten. Sie sollten dies nicht auch noch durch Förderung von wissenschaftlichen Einrichtungen verschleiern, welche versuchen, die Lebenserwartung schön zu reden.

Die Global Burden of Disease Studie, ebenfalls gefördert von der Bill & Melinda Gates Foundation, von 2015 mit dem Titel "Global, regional, and national life expectancy, all-cause mortality, and cause-specific mortality for 249 causes of death, 1980–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015", publiziert als
'GBD 2015 Mortality and Causes of Death Collaborators, and others
The Lancet'
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)31012-1/fulltext
formuliert es wesentlich vorsichtiger als das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME): Interpretation:

...Trotz der Fortschritte bei der Reduzierung altersstandardisierter Sterberaten bedeuten Bevölkerungswachstum und Älterwerden, dass die Zahl der Todesfälle bei den meisten nicht-übertragbaren Krankheiten in den meisten Ländern zunehmen und damit zunehmende Herausforderungen für die Gesundheitssysteme darstellen. ["Interpretation - At the global scale, age-specific mortality has steadily improved over the past 35 years; this pattern of general progress continued in the past decade. Progress has been faster in most countries than expected on the basis of development measured by the SDI. Against this background of progress, some countries have seen falls in life expectancy, and age-standardised death rates for some causes are increasing. Despite progress in reducing age-standardised death rates, population growth and ageing mean that the number of deaths from most non-communicable causes are increasing in most countries, putting increased demands on health systems.
Funding - Bill & Melinda Gates Foundation."] Also nix mit problemlos steigender Lebenserwartung!

Es gibt insbesondere in der Medizin- und Versorgungsforschung weitaus mehr Einfluss-, Risiko- und Stellgrößen, als sich alle pseudowissenschaftlichen Schön- und Schlechtredner zusammenreimen wollen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[10.10.2016, 08:01:20]
Günter Schmolz 
Was schon in der Bibel steht..
In 1. Mose 6, - 3 lesen wir (stuttgarter Eerklärungsbibel in der Fassung von 1984)
Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden,da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, wlche sie wollten. Da sprach der HERR: mein geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. ich will ihm als Lebenszeit geben einhundertundzwanzig Jahre.

Für den Einen göttliche Offenbarung - für den Anderen uraltes Menschheitswissen.
Jedenfallsnfarppierende Übereinstimmung.
Prof.Dr.Günter Schmolz zum Beitrag »

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