Ärzte Zeitung online, 21.02.2017

Kurs der Polizei

Zivilcourage kann man lernen

In Rollenspielen können Münchner lernen, wie sie mit Zivilcourage in schwierigen Situationen einschreiten – und sich dabei schützen.

Von Florian Wittmann

Zivilcourage kann man lernen

Lernen wie man beherzt eingreift, wenn andere Menschen Hilfe benötigen, ohne sich selbst zu gefährden: Münchens Polizei bietet dazu Kurse an.

© Robert Kneschke / Fotolia

MÜNCHEN. Ein aggressiver Mann pöbelt in einer Münchner S-Bahn Fahrgäste an. Ernste oder gar verängstigte Mienen gibt es trotzdem nicht: Der Pöbler ist ein Polizist, der in die Rolle des Querulanten geschlüpft ist. Seine "Opfer" sind Teilnehmer eines Kurses zum Thema Zivilcourage, den der Verein Aktion Münchner Fahrgäste zusammen mit der Polizei anbietet.

Nach dem gewaltsamen Tod des 50-jährigen Dominik Brunner am Münchner S-Bahnhof Solln im September 2009 initiierte der Verein das Training "Mit Herz und Verstand". Dort sollen Menschen den Ernstfall trainieren. "Oder verhindern, dass es erst dazu kommt", sagt Martin Marino von der Aktion Münchner Fahrgäste. Das Ziel: Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.

Der Kurs beginnt mit einem Theorie-Block. Darin sammeln Veranstalter und Teilnehmer Gefahrenquellen und Motive für Gewalt in der S- oder U-Bahn. Die Polizisten erklären, wie man eine Notfallmeldung in der Bahn absetzt und wie eine gute Täterbeschreibung aussieht. "Es gibt zehn Punkte, die sich jeder Zeuge merken sollte", sagt Hartmut Brach von der Bundespolizei München. Dies seien vor allem äußerliche Merkmale des Täters, aber auch sprachliche Auffälligkeiten wie der Dialekt.

Im Fall einer sexuellen Belästigung raten die Polizisten, laut zu schreien. Etwa "Lassen Sie mich in Ruhe", weil dadurch auch deutlich werde, dass ein Unbekannter gegenüberstehe. "Geben Sie der Person, was sie will", empfiehlt Polizist Mike Kaufmann für Situationen, in denen ein Angreifer mit dem Messer droht. Brach ergänzt: "Helfen Sie nur, wenn sie es sich selbst zutrauen. Auch mit unauffällig aufgenommenen Fotos oder Videos."

Statt Pfefferspray empfehlen die Polizisten eine Trillerpfeife. Die sei effektiver, schneller – und mache auf die Notlage aufmerksam.

Die Kurse sind begehrt, über Monate hinweg ausgebucht. "Aber keine Sorge", sagt Kaufmann. "Erstens zählt München zu den sichersten Städten Deutschlands und oft hilft es schon, wenn man sich auf sein Bauchgefühl verlässt." Dennoch überreicht er jedem Teilnehmer eine Trillerpfeife – nur für den Fall der Fälle.(dpa)

Topics
Schlagworte
Panorama (32510)
Personen
Robert Kneschke (192)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Fehldiagnose lässt "Thrombophilie"-Patientin zittern

Bei einer Frau mit Venenthrombose wurde eine Thrombophilie-Diagnostik vorgenommen. Der Verdacht erhärtete sich und bescherte ihr angstvolle Wochen. mehr »

Schärfe und Säure kurbeln das Immunsystem an

Was wir essen, beeinflusst maßgeblich, wie gut die Immunabwehr im Speichel funktioniert. Das haben Münchener Forscher untersucht. mehr »

Was tun gegen sexuelle Belästigung?

Anzügliche Bemerkungen, obszöne Witze, schlüpfrige Mails bis hin zu Berührungen: Sexuelle Aufdringlichkeit gehört auch in Praxen und Kliniken manchmal zum Alltag. Statt die Belästigungen zu ignorieren, sollten sich Betroffene wehren - dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. mehr »