Ärzte Zeitung online, 12.04.2019

Auf zu "Dr. Wald"

Wenn Bäume zum Wellness-Mekka werden

Erst kam das Yoga, dann folgten Achtsamkeits-Apps – nun soll uns das "Waldbaden" helfen, wieder zu uns selbst zu finden. In Japan ist das "Shinrin-Yoku" schon deutlich weiter. Über die Entdeckung des Waldes als Therapie-Ort.

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Raus aus der Hektik – rein in die Natur. Immer mehr Menschen suchen Erholung im Wald (hier als „Steinzeitreisende“).

© picture alliance / dpa

WEBERSTEDT/MÜNCHEN. Als Erstes tönt ein Rauschen aus den Baumwipfeln. Trockene Blätter, die im Wind knistern. Vögel, die tschilpen, trillern, glucksen: Wer im Wald einmal zehn Minuten still ist, hört ein lebendiges musikalisches Wirrwarr.

Gerade hat der Waldführer Jürgen Dawo seine Kursteilnehmer im Thüringer Nationalpark Hainich aufgefordert, sich einen Baum auszusuchen und sich zehn Minuten dort anzulehnen. Die Teilnehmer sollen der Stille lauschen – einer Stille, die eigentlich gar keine ist.

Danach können sie sich beim Baum für die Stütze bedanken, seinen Stamm streicheln oder klopfen, wie Dawo sagt. Was er und seine Begleiter da machen, nennt sich Waldbaden: ein langsamer Spaziergang durch den Wald mit diversen Achtsamkeitsübungen.

Dawo möchte, dass die Gruppe mit allen Sinnen wahrnimmt, was sie zwischen den Bäumen erlebt. Denn der Wald, den Dawo auch gerne „Dr. Wald“ nennt, hat für ihn eine Heilkraft. Und mit dieser Sicht ist er nicht alleine.

Hype um Waldtherapie kommt aus Japan

Es gibt momentan einen Hype um das Thema Waldtherapie, wie die medizinische Klimatologin Angela Schuh sagt. In Zeiten, in denen sich einer repräsentativen Studie zufolge jeder Zweite in Deutschland von Burnout bedroht fühlt und die Zahl der Krankentage wegen psychischer Probleme steigt, ist die Beliebtheit solcher Angebote nicht verwunderlich.

Professorin Schuh forscht mit einer Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Public Health der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zum Thema Waldtherapie. Die Universität bietet neuerdings in einem Ärztezentrum Weiterbildungen zum „Waldgesundheitstrainer“ an. Eine Ausbildung zum Waldtherapeuten für Menschen mit medizinischer Berufsausbildung soll folgen.

In Japan ist Waldbaden, das „Shinrin-Yoku“, schon lange eine gängige Therapieform. In Deutschland entwickelt sich gerade eine kleine Industrie um die Methode. Was Dawo im Nordwesten Thüringens anbietet, gibt es inzwischen auch am Taunus, auf Usedom oder im Schwarzwald.

In Hessen gibt es sogar eine „Deutsche Akademie für Waldbaden“. In Bayern will der Bayerische Heilbäder-Verband (BHV) Kur- und Heilwälder einrichten. Einen solchen gibt es schon auf der Ostsee-Insel Usedom im Seebad Heringsdorf. In Thüringen am Rande des Hainich können Menschen in einem Waldresort nicht nur Waldbaden, sondern sich in der Sauna, bei der Meditation oder dem Kräutersammeln entspannen.

Feuchte Luft, milde Temperaturen, unendliche Grün-Schattierungen: Dass sich der Wald positiv auf die Sinne auswirkt, ist wissenschaftlich erwiesen. „Verlässlichen Studien zufolge kann man davon ausgehen, dass das Waldbaden Stress reduziert und die Erholung fördert“, sagt Schuh.

Was macht das Walderlebnis mit dem Körper?

Einer Studie der US-amerikanischen Universität Michigan zufolge reichen schon 20 bis 30 Minuten in einer Umgebung, die einem ein Gefühl von Natur vermittelt, um den Cortisolspiegel im Körper zu senken. Gesicherte medizinische Erkenntnisse, die darüber hinausgehen, fehlen aber bisher weitgehend. Schuh will sie sammeln.

In Thüringen sollen die Waldbader in Deutschlands größtem zusammenhängenden Laubwaldgebiet schauen, was rechts und links um sie herum so passiert. „Tut so, als wärt ihr noch nie im Wald gewesen“, rät Waldführer Dawo. In den kommenden zwei Stunden werden die Kursteilnehmer nicht nur Baumstämme streicheln, sondern auch Verwurzelungsübungen machen, Bärlauch und Scharbockskraut essen und im Gehen meditieren.

Fühlen sie sich danach schon entspannter? Ganz so leicht gehe es nicht, sagt ein Teilnehmer, der als Geschäftsführer eines Modeunternehmens arbeitet. Das Runterkommen sei eine Arbeit an vielen Baustellen, die Auszeit im Wald aber ein Anfang.

Und allein im Wald?

Warum aber braucht man jemanden, der einen an die Hand nimmt und geht nicht einfach alleine im Wald spazieren? „Man kann durchaus die positiven Effekte des Waldklimas bei einem Spaziergang allein auf sich wirken lassen“, sagt Schuh.

„Wald-Gesundheitstrainer oder Waldtherapeuten erklären aber alles und leiten vor allem die Menschen zu den entsprechenden Übungen, die während des Waldbadens vorgenommen werden - wie Tai Chi oder Achtsamkeitsübungen - an.“ Oder, wie Dawo es formuliert: „Wir haben verlernt, mit unseren Sinnen wahrzunehmen, was um uns herum in der Natur passiert.“ (dpa)

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