Krebskongress
Tumorchirurgie: Geschlecht zählt auf beiden Seiten des Skalpells
Geschlechtsunterschiede werden in der Krebsmedizin zu wenig beachtet. Das gilt auch für die Tumorchirurgie, wo weibliches Geschlecht auf beiden Seiten des Skalpells einen Unterschied macht.
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Wer hat operiert: eine Frau oder ein Mann? Auch bei den postoperativen Ergebnissen gebe es Unterschiede zwischen den Geschlechtern, heißt es beim Krebskongress.
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Personalisierte Medizin ist in der Onkologie oft gleichbedeutend mit molekulargenetisch optimierter Therapie. Dass es auch an anderen Stellen Personalisierungsbedarf gibt, machte Prof. Ines Gockel von der Viszeralchirurgie am Universitätsspital Basel am Freitag beim Deutschen Krebskongress (DKK) am Beispiel der Krebschirurgie deutlich.
„Männliches Geschlecht ist weiterhin der Standard, was Zugangswege, Operationen, Leitlinien und perioperative Chemotherapien angeht“, so Gockel. Das sei ein Problem, weil es zahlreiche tumorchirurgierelevante Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe, die bisher kaum Berücksichtigung fänden.
Ein Thema, das zuletzt einige Aufmerksamkeit bekommen hat, sind die perioperativen Krebstherapien. Deren Toxizität sei bei Frauen relevant höher, sagte Gockel. Untersucht wurde das u.a. für gastroösophageale Tumoren.
Hier ist das Risiko von Toxizitäten ab Grad III bei Frauen um rund ein Drittel höher, und dies gilt für Chemotherapie, Immuntherapie und gezielte Therapien mehr oder weniger gleichermaßen (J Clin Oncol 2022; 40(13):1474-86).
Bei Chemo-Dosis stärker das Geschlecht beachten?
Zugrunde liegen könnten metabolische und pharmakokinetische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die dazu führen, dass die übliche Dosisberechnung für perioperative Krebstherapien anhand der Körperoberfläche (Body Surface Area, BSA) zu pauschal ist.
Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, kürzlich angeregt, BSA-basierte Dosisberechnungen geschlechtersensibel vorzunehmen: Die Dosis gemäß Standard-BSA-Berechnung könnte bei Frauen pauschal um 10 % gesenkt und bei Männern pauschal um 10 % erhöht werden, dann würden sich die Toxizitätsunterschiede angleichen (Chemotherapy 2025; 70:92-101).
Auch bei den postoperativen Ergebnissen gebe es Unterschiede zwischen den Geschlechtern, sagte Gockel, und zwar Unterschiede im Hinblick auf die Frage, ob eine Frau oder ein Mann operierte.
Dafür spricht zumindest eine kürzlich publizierte Metaanalyse auf Basis von 15 retrospektiven Kohortenstudien (Ann Surg 2024; 280(6):945-53). Hier war sowohl nach 90 Tagen als auch nach einem Jahr die postoperative Mortalität um statistisch signifikante 7 % geringer, wenn eine Frau operiert hatte – nach Adjustierung für patienten-, prozeduren- und einrichtungsspezifische Störgrößen.
Unterschiede nicht überdramatisieren
Der leichte Vorteil für weibliche Operateure ließ sich dabei sowohl bei elektiven Operationen als auch bei Notfalleingriffen zeigen, bei elektiven Eingriffen war der Unterschied aber größer.
Keinen Unterschied machte das Geschlecht des Operateurs dagegen für Komplikationsrate und Wiederaufnahmerate. Patientenseitig wiederum, das zeigen andere Studien, sind unmittelbar postoperative Mortalität und Morbidität bei Frauen in der Viszeralchirurgie geringer als bei Männern.
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Überdramatisieren möchte Gockel die Daten zum Operations-Outcome in der Tumorchirurgie aber nicht: „Auf die Langzeitergebnisse scheint das Geschlecht insgesamt nur einen minimalen Einfluss zu haben.“
Allerdings: Die Datenlage zu diesem Thema ist suboptimal. Der viel beschworene Gender Data Gap, er existiert in der Tumorchirurgie genauso wie in vielen anderen Bereichen.
Wissenschaftspolitisch wurde dieses Problem erkannt. So hat das Bundesforschungsministerium Geschlechtsunterschiede in der medizinischen Versorgung zu einem von mehreren Schwerpunktthemen des neuen Wissenschaftsjahrs gemacht. Davon dürften auch Krebspatientinnen und Krebspatienten profitieren. (gvg)





