Ärzte Zeitung online, 03.09.2019

Zeitumstellung

Wer hat an der Uhr gedreht? Noch niemand!

Mit großer Geste kündigte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker vor einem Jahr an, die halbjährliche Umstellung der Uhren abschaffen zu wollen. Mittlerweile stockt das Projekt. Woran hakt es denn nun?

Von Alkimos Sartoros

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Adieu, Winterzeit? Die Entscheidung lässt in der EU noch auf sich warten.

© izzzy71 / stock.adobe.com

BRÜSSEL. Die Zahlen sehen auf den ersten Blick beeindruckend aus: 4,6 Millionen Teilnehmer, 84 Prozent davon für die Abschaffung der Zeitumstellung. Als die EU-Kommission am 31. August 2018 die Ergebnisse ihrer erfolgreichsten je durchgeführten öffentlichen Befragung bekannt gibt, ist Behördenchef Jean-Claude Juncker voller Elan. „Die Menschen wollen das, wir machen das“, sagt er.

Flugs präsentiert die Kommission einen offiziellen Gesetzesvorschlag, wonach die halbjährliche Umstellung der Uhren baldigst abgeschafft werden soll. Ein Jahr später steht die Umsetzung allerdings in den Sternen. Vor allem an einer Stelle gibt es Probleme.

Teilgenommnen: ein Prozent der EU-Bevölkerung

Ein großer Teil der EU-Staaten habe noch immer keine Position, heißt es aus Diplomatenkreisen in Brüssel. Es gebe die Sorge, dass die Auswirkungen einer Änderung nicht ausreichend erforscht und analysiert seien.

Dabei schien die Sache einfach: „Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass es so sein sollte, dass die Sommerzeit in Zukunft für alle Zeit gilt“, sagte Juncker bei der Vorstellung der Befragungsergebnisse. Dass die 4,6 Millionen Teilnehmer weniger als ein Prozent der EU-Bürger darstellen, dass allein drei Millionen von ihnen aus Deutschland kommen – geschenkt. Das Europaparlament stimmte mit breiter Mehrheit für die Abschaffung 2021.

Die ewige Sommerzeit schlug die Kommission allerdings gar nicht vor. In ihrem Entwurf ist nur vorgesehen, dass die halbjährliche Umstellung abgeschafft wird. Die Staaten werden selbst wählen können, ob sie dauerhaft Sommer- oder Winterzeit wollen.

Und genau hier liegt wohl das größte Problem. Derzeit gibt es in Mitteleuropa eine große Zeitzone von Polen bis Spanien, zu der Deutschland und 16 weitere EU-Länder gehören. Einige Staaten – etwa Griechenland – sind eine Stunde voraus, andere – zum Beispiel Portugal – eine Stunde zurück. Ein wichtiges Anliegen etlicher Staaten ist es daher, einen Zeit-„Flickenteppich“ zu vermeiden. Dafür müssen sie sich nicht nur jeweils intern, sondern auch untereinander abstimmen – und das braucht Zeit.

Petitesse in stürmischen Zeiten

Hinzu kommt, dass die Staaten derzeit ganz andere Probleme haben: Am 31. Oktober droht ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU, die stockende Reform des EU-Asylrechts droht die Union weiter zu spalten, bei den heiklen Verhandlungen über den künftigen EU-Finanzrahmen gibt es wenig Fortschritte. Und am 1. November soll auch noch die neue Kommission unter der designierten Präsidentin Ursula von der Leyen die Arbeit aufnehmen. Diese könnte den Vorschlag dann theoretisch auch wieder zurückziehen.

Hinter vorgehaltener Hand wird in Brüssel getuschelt, der Vorschlag sei eine verhüllte Retourkutsche von Kommissionschef Juncker.

Aus seiner Sicht musste die Behörde in den vergangenen Jahren oft als Sündenbock für vermeintliches Versagen der EU herhalten, wenn es eigentlich die Staaten waren, die sich in verschiedenen Fragen untereinander nicht einigen konnten. Als Antwort auf die zunehmende Forderung aus den Staaten nach nationaler Souveränität habe er ihnen daher eine Nuss vorgelegt, die allein keiner von ihnen knacken kann, so die Vermutung.

Die EU-Kommission kommentiert die Angelegenheit sachlicher. „Die Kommission hat die Sommerzeit-Frage nach vielen Forderungen von Bürgern und Staaten, einer Resolution des Europaparlaments, einer Zahl an Studien und einer öffentlichen Befragung auf die politische Agenda gehievt“, sagt ein Sprecher. Es sei nun an den EU-Staaten, eine gemeinsame Position zu finden. Genau dies gestaltet sich schwierig.

Für Finnland, das bis Ende des Jahres den Vorsitz unter den EU-Staaten hat, ist es eine undankbare Aufgabe. Die Finnen haben Themen wie den Klimaschutz zur Priorität erklärt. Die nächste offizielle Gelegenheit für die EU-Staaten, das Thema abzuschließen, bietet sich beim Treffen der Verkehrsminister im Dezember. Wenn sie das nicht schaffen, könnte es irgendwann bei den Staats- und Regierungschefs landen. (dpa)

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[03.09.2019, 15:46:21]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
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Die EU-Kommission empfahl die Abschaffung der 2-maligen jährlichen Zeitumstellungen bereits am 31. August 2018.

Doch die Europäischen Gesellschafts-, Polit-, Ökonomie-, Logistik-, EDV- Wissenschafts- und Bildungs-Eliten hegen offenbar mehrheitlich seit 1980 weiterhin den "kindlichen" Wunderglauben, dass mit der Einführung von Sommer- bzw. Winterzeit die reale Sonnenschein-Dauer im Sommer und die Dunkelheitsphasen im Winter beeinflusst werden könnten.

Die Führungseliten der Europäischen Union würden bei Abschaffung der Zeitumstellung allerdings ihr Gesicht verlieren: Nach nunmehr 39 Jahren wollen 500 Millionen EU-Einwohner nicht mehr an einen Energiespareffekt glauben, wenn im Sommer nachts allein jahreszeitlich bedingt künstliche Beleuchtungen deutlich kürzer eingeschaltet bleiben, um sie im Winter wieder wesentlich länger anlassen zu müssen. Und dass die Züge beim nächtlichen Zurückstellen von 3 Uhr auf 2 Uhr eine ganze Stunde stehen bleiben müssen, damit sie nicht früher als geplant ankommen, ist im EDV-Zeitalter eine Absurdität ersten Ranges!

Selbstverständlich muss es zwischen Griechenland und Portugal unterschiedliche Zeitzonen geben, aber bitte ohne die bisherigen 78 Sommer- und Winterzeiten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)  zum Beitrag »

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