Ärzte Zeitung, 06.09.2013
 

Nach Reaktorkatastrophe in Fukushima

Erste Beweise für mehr Krebs?

Die atomkritischen Ärzte der Vereinigung IPPNW sehen bereits Beweise für erhöhte Krebsraten bei Kindern im Zuge der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Sie stützen sich auf erste Reihenuntersuchungen.

Von Matthias Wallenfels

BERLIN. 300 Tonnen kontaminierten Wassers laufen angeblich seit mehr als zwei Jahren täglich aus speziellen Tanks auf dem Gelände des havarierten nordostjapanischen Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi in den Pazifik.

Die Diskussion darüber nimmt die deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) zum Anlass, auf eine deutliche Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern unter 18 Jahren im Nachgang der Natur- und Atomkatastrophe hinzuweisen.

Wie IPPNW einschränkt, gibt es zwar immer noch keinen guten Überblick über die tatsächliche Anzahl von Schilddrüsenkrebsfällen in Fukushima.

Auffällige Befunde bei Kindern

Bisher seien aber in der Präfektur Fukushima, die quasi umgehend auf gesundheitliche Bedenken der Bevölkerung reagiert und medizinische Reihenuntersuchungen angestoßen hatte, insgesamt 192.886 Kinder auf Schilddrüsenkrebs untersucht worden. Bei ungefähr 44 Prozent hätten die Ärzte im Ultraschall Auffälligkeiten gefunden.

Insgesamt sollen in der Präfektur alle zwei Jahre rund 360.000 Kinder begutachtet werden. Mehr als 100.000 Kinder aus weiter entfernten Ortschaften in Fukushima warteten aber immer noch auf ihre Erstuntersuchung, so der IPPNW.

1280 Kinder mit auffälligen Befunden seien für Zweituntersuchungen wieder einbestellt worden, wobei aber 655 von diesen Kindern bislang noch nicht nachuntersucht worden seien. "Besonders besorgniserregend" ist nach Ansicht der atomkritischen Ärzte die Situation in der Stadt Koriyama.

Dort seien 442 Kinder bei auffälligen Befunden in der Erstuntersuchung für eine Zweituntersuchung einbestellt worden. Nur fünf von ihnen hätten jedoch bis dato die Zweituntersuchung beendet. Bei zweien dieser Kinder laute die Diagnose allerdings schon auf bösartigen Schilddrüsenkrebs.

"Nach dem Unfall hatte es die japanische Regierung versäumt, die Behörden anzuweisen, Jodtabletten auszugeben", lautet der Vorwurf von Seiten des IPPNW.

Lob für japanisches Krisenmanagement

In der Tat gab es in der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe von der japanischen Regierung - damals unter dem Sozialdemokraten Naoto Kan - die Überlegung, prophylaktisch Jodtabletten unter der Bevölkerung zu verteilen.

Allerdings waren damals auch die Ärzte in Tokio verunsichert, welche Rolle sie bei der Verteilung der Tabletten und im Fall einer Verstrahlung der mit Yokohama 35 Millionen Menschen zählenden Metropolregion spielen sollten, wie damals einige im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" berichteten.

Insgesamt erfuhr die damalige japanische Regierung Lob von offizieller Seite für ihr Krisenmanagement - vor allem für die Einrichtung der Sperrzone im Umkreis von 20 Kilometern um Fukushima-Daiichi und die Evakuierung der dort lebenden Bevölkerung.

Die beiden Maßnahmen hob das United Nations Scientific Committee on the Effect of Atomic Radiation Ende Mai dieses Jahres in einem Bericht zu den Kurzzeitfolgen der Nuklearkatastrophe von Fukushima hervor.

Das beherzte und umsichtige Handeln habe viele Katastrophenopfer vor Langzeitschäden durch freigesetzte Strahlung bewahrt. Der Bericht ist allerdings noch nicht von der Vollversammlung der Vereinten Nationen offiziell abgesegnet.

Lesen Sie dazu auch:
Flickschusterei in Fukushima: Irrer Kampf gegen das radioaktive Wasser
Nach Reaktorkatastrophe in Fukushima: Erste Beweise für mehr Krebs?
Kommentar zum Fukushima-Desaster: Wissenschaft am Zuge

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