Ärzte Zeitung, 16.06.2010

Was sind die Risikofaktoren für eine Rechenschwäche?

Eine Rechenschwäche ergibt sich nicht von selbst. Sie ist auch nicht durch zusätzliches Üben zu beheben. Entscheidend ist, dass Auffälligkeiten beim Rechnen im ersten oder zweiten Schuljahr erkannt werden, um rechtzeitig gezielte Fördermaßnahmen einzuleiten.

Von Hans-Joachim Lukow

Was sind die Risikofaktoren für eine Rechenschwäche?

Aller Anfang ist schwer: Grundschüler beim Rechnen.

© Felix Jason / Imago

OSNABRÜCK. Die meisten Kindergartenkinder freuen sich auf ihren ersten Schultag. Sie wollen Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Aber nicht allen Kindern gelingt das. Kinder mit einer Rechenschwäche zeigen in der ersten Klasse schon Auffälligkeiten beim Rechnen, beim Umgang mit Mengen und Zahlen.

In der zweiten Klasse treten gravierende Probleme durch die Erweiterung des Zahlenraumes bis 100 auf, die - nicht therapiert - im dritten Schuljahr oft mit Mutlosigkeit und Frustration einhergehen und den Mathematikunterricht für Kinder zur Hölle werden lassen.

"Das führt zum Teil soweit, dass Kinder den Schulbesuch ganz verweigern und nur mit medizinischer und psychologischer Hilfe wieder ,schulfähig‘ gemacht werden, ohne dass das eigentliche Problem, die Rechenschwäche, überhaupt erkannt worden ist," so Inge Palme, Referentin für Beratung und Fortbildung des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. "Die Kinder werden als Schulversager abgestempelt und entwickeln Symptome wie Ängste und Schulunlust bis hin zur Schulphobie."

Hier liegen auch die Unterschiede zu den üblichen Problemen, die viele Kinder in der Schule haben. Dyskalkuliker sitzen beispielsweise oft stundenlang an ihren Mathe-Hausaufgaben. Nicht nur die Schule, sondern auch Kinder- und Jugendärzte sind häufig mit den psychischen und psychosomatischen Folgesymptomen einer Rechenschwäche befasst.

"Die Probleme gehen nicht spurlos an den Kindern vorüber. Einige Kinder ziehen sich zurück, zeigen depressive Züge, entwickeln Schulangst, andere werden aggressiv und zeigen Auffälligkeiten im Sozialverhalten", so Carlos Cordero d`Aubuisson, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus dem niedersächsischen Melle. Ebenso könne es zu einer kompletten Lernverweigerung kommen. Diese Kinder brauchen gezielte und qualitative lerntherapeutische Hilfe und zwar so früh wie eben möglich, um diese "Hölle" erst gar nicht entstehen zu lassen.

Eine Rechenschwäche ergibt sich nicht von selbst. Sie ist schon gar nicht durch zusätzliches Üben zu beheben. Entscheidend ist ein frühes Erkennen der vielfältigen Auffälligkeiten beim Rechnen im ersten oder zweiten Schuljahr, um rechtzeitig gezielte Fördermaßnahmen für das Kind einzuleiten. Das setzt allerdings ein spezielles Wissen über die Diagnostik und therapeutischen Möglichkeiten voraus.

Schon im Kindergarten und in den ersten zwei Schuljahren sollten Pädagogen auf Anzeichen der Rechenschwäche achten. In diesem Alter werden die Fundamente für ein mathematisches Verständnis gelegt. Experten fordern, dass im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen - eventuell im Rahmen der Anamnese - Eltern gezielt gefragt werden, inwieweit altersentsprechend die notwendigen Vorkenntnisse für ein mathematisches Verständnis entwickelt sind.

Es gibt einige mathematische Grundvoraussetzungen für Vorschulkinder (5-Jährige, die auch zur U9 (5-5 1/4 Jahre) vorgestellt werden:

Zähl- und Ziffernschreibfähigkeit im Zahlenraum bis zehn: Das Kind sollte die Zahlen bis zehn kennen und darüber hinaus auch bis zehn zählen können. Es muss absehbar sein, dass das Kind die Ziffern auch schreiben kann.

Zahlverständnis: Das Kind sollte die Zahl als Stellvertreter für Mengen verstehen. Eine Simultanerfassung der Mengen bis vier sollte möglich sein oder bis zur Einschulung hergestellt werden.

Mengenkonstanz und Invarianz: Das Kind sollte verstehen, dass eine räumliche Veränderung von Elementen keinen Einfluss auf die Anzahl der Elemente hat und daher nicht nach einer Raum-Lage-Veränderung erneut gezählt werden muss.

Fehlen diese Fähigkeiten, sind die Schwierigkeiten der Kinder, dem Stoff der Klasse eins zu folgen, programmiert. Durch verschiedene schulpolitische Maßnahmen, nicht zuletzt durch das Abitur in 12 Jahren, hat auch in der Grundschule die Stofffülle zugenommen und damit die Zeit für zusätzliche Erklärungen abgenommen. Liegen diese Fähigkeiten beim Kind vor, sind die Prognosen für die Klasse eins gut. Eine Garantie dafür, dass das Rechnen ohne Probleme funktioniert, ist das allerdings nicht. Da vor der Einschulung nur Risikofaktoren einer möglichen Rechenschwäche feststellbar sind, kann die Förderung von rechenschwachen Kindern erst in der ersten und zweiten Klasse beginnen.

Die Kinder- und Jugendärzte spielen eine sehr wichtige Rolle auch bei der Beurteilung von Teilleistungsstörungen, da sie die Kinder im Vorschulalter kontinuierlich bei Früherkennungsuntersuchungen beobachten. Durch ihre fachliche Qualifikation und Intervention können sie helfen, Defizite oder Entwicklungsrückstände zu erkennen und Fördermaßnahmen einzuleiten.

Da sich eine Rechenschwäche nicht "auswächst", sind Symptome, wie sie in der Grundschule auftreten, auch in den weiterführenden Klassen zu finden. Der Arbeitskreis des Zentrums für angewandte Lernforschung gemeinnützige GmbH hat Symptomfragebögen für Eltern herausgegeben, die unentgeltlich unter www.arbeitskreis-lernforschung.de abgerufen werden können. Darüber hinaus wird ein umfassender, kostenpflichtiger Katalog (Klasse eins bis fünf) angeboten, der sich an Ärzte, Lehrer und Beratungsstellen wendet.

Hans-Joachim Lukow ist Leiter des Zentrums für angewandte Lernforschung gGmbH und des Osnabrücker Zentrums für mathematisches Lernen.

www.arbeitskreis-lernforschung.de

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