Ärzte Zeitung, 01.04.2009

Wie will ich leben, wenn ich alt bin - wer denkt darüber mit 50 schon ernsthaft nach?

Keine Panik, es wird schon alles so weitergehen wie gewohnt? Viele Menschen haben nicht den geringsten Plan für ein Leben im Alter. Und das kann fatale Folgen haben.

Von Christoph Fuhr

Mehrere Generationen unter einem Dach: In Deutschland entwickeln sich nur langsam alternative Wohnformen.

Foto: imago

Der sterbende Patient liegt an Geräte angeschlossen in einem fensterlosen, gekachelten Raum. Eine hektische Schwester, die mehrere Schwerstkranke parallel betreut, kommt in kurzen Abständen herein und kontrolliert: Lebt er noch oder ist er schon tot? "Nein", sagt Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf. "Um alles in der Welt, das ist ein Alptraum, so will ich nicht sterben."

"Umgeben von Menschen, die man anfassen kann"

Umgeben von Freunden, "von Menschen, die man anfassen kann", das ist Scherfs Vision von den Stunden, in denen sich das eigene Leben dem Ende zuneigt. Und er weiß, dass diese Form des Abschiednehmens längst nicht jedem vergönnt ist. "Alles müssen wir dransetzen, dass Menschen beim Sterben nicht allein gelassen werden", sagt er, "das ist eine Herausforderung, der sich diese Gesellschaft stellen muss."

Vor 21 Jahren ist Scherf (70) mit seiner Frau in eine generationenübergreifende Wohngemeinschaft eingezogen. Er gilt als Experte, wenn es um das Thema "Wie wollen wir im Alter leben?" geht, das jetzt beim Gesundheitskongress des Westens in Essen diskutiert worden ist.

22 Millionen Bürger in Deutschland sind heute über 65 Jahre alt, in einigen Jahren werden es bereits 30 Millionen sein. Nur 10 Prozent des Wohnungsbestands sind nach Auffassung von Experten für Ältere geeignet, 90 Prozent leben dagegen - oft allein - in inzwischen viel zu großen Familienwohnungen.

Längst nicht alle alten Menschen sind chronisch krank und gebrechlich, stellt Professor Ludger Pientka, Ärztlicher Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation am Marienhospital Herne klar. Viele Ältere hätten keine größeren Gesundheitsprobleme. Und: "Je älter die Menschen werden, um so weniger Angst haben sie vor dem Tod", so Pientkas Erfahrung. "Medizin ist darauf fokussiert, den Tod zu verhindern, aber für einen 85jährigen ist das kein gutes Argument, wenn er dafür medizinische Versorgung in Anspruch nehmen muss, die ihn in seiner Selbstständigkeit und Lebensqualität einengt."

Lebensqualität beginnt fast immer zu Hause.

Lebensqualität beginnt in der eigenen Wohnung - und das im Idealfall selbstbestimmt. Wie aber kann das funktionieren? Henning Scherf hat in Essen klare Vorstellungen formuliert: Nicht Altenwohnungen auf der grünen Wiese sind aus seiner Sicht gefragt, auch nicht perfekt konstruierte "Sun-Cities", wie sie etwa in den USA neu gebaut werden. Ziel, so Scherf, müsse es vielmehr sein, vorhandene Bausubstanz bedarfsgerecht zu optimieren. Dazu gehöre Barrierefreiheit und eine attraktive Infrastruktur in der Wohnumgebung, die Kontakte zwischen den Generationen fördere. Die technischen Ansprüche hängt der Altbürgermeister nicht besonders hoch: "Man muss erreichbar sein, Telefon, PC..." Viel wichtiger ist Scherf ein anderer Aspekt: "Soviel menschliche Nähe wie möglich!"

Architekt Eckhard Feddersen schlug in Essen vor, leerstehende Bürohäuser in den Citys wieder zurückzubauen zu gemischten Wohnquartieren, in denen Alt und Jung zusammen leben. An Technik wünscht er sich einfach zu bedienende Geräte, die auch im "normalen" Leben genutzt werden, etwa Bildtelefone.

Werner Korte von empirica - Gesellschaft für Kommunikations- und Technologieforschung, Bonn, warnte, die Technologieentwicklung zu verteufeln. Technik könne durchaus nützlich sein, sie ermöglicht Kommunikation, Information, Sicherheit und Komfort Aber Technik komme nicht ausreichend beim Verbraucher an - viele Möglichkeiten werden von Senioren gar nicht erst genutzt.

Altersmediziner Pientka hat die Erfahrung gemacht, dass viele ältere Menschen auch mit den zur Verfügung gestellten Hilfsmitteln kaum umgehen können. Der Geriater erlebt ältere Menschen oft als wenig flexibel: "Versuchen Sie mal, einer älteren Dame die Brücke in ihrem Wohnzimmer wegzunehmen, über die sie bereits zweimal gestolpert ist. Das grenzt fast an häusliche Gewalt."

Viele bauen auf vertraute Alltags-Routine

In Essen wurde deutlich: Für Menschen, die in der Vergangenheit versäumt haben, für das Alter klug zu planen, wird es auch mit professioneller Hilfe schwer, nachträglich Lebenskonzepte zu ändern. Die Konsequenz liegt für Pientka auf der Hand: "Bereits mit 50 Jahren sollten wir uns Gedanken machen, wie wir mit 70 leben wollen und nicht einfach mit der Fortsetzung der Routine in den eigenen vier Wänden rechnen".

Aber viele Menschen, berichtet er aus Erfahrung, hätten nicht einmal im Ansatz einen Plan, wie sie alt werden wollen. "Und das" , warnt Pientka, "kann fatale Folgen haben."

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