Ärzte Zeitung, 16.07.2009

Gastbeitrag

Deutschland schrumpft, Horst Köhler spricht Klartext

Im Sommerinterview des ZDF fand der Bundespräsident erstaunlich offene Worte zur demografischen Entwicklung.

Von Fritz Beske

Ein präsidiales Wort wiegt schwer. In dem Sommerinterview des ZDF mit führenden Repräsentanten des politischen Lebens interviewte Peter Hahne in der Sendung "Berlin direkt" am 5. Juli den Bundespräsidenten Horst Köhler.

Peter Hahne sprach dabei eine Demografiestudie an, zunächst mit der Bemerkung, dass die Regierung diese Studie schnell in die Tasche gesteckt habe, dann mit der Frage: "Kann man den Leuten diese Wahrheit zumuten? Oder ist sie zu feige, den Leuten die Wahrheit zu sagen?"

Die Antwort des Bundespräsidenten lautete: "Ich glaube, dass wir langfristige Probleme dieses Landes nicht offen genug, auch nicht ehrlich genug mit dem Volk diskutieren (…). Wir wissen, dass die deutsche Bevölkerung schrumpfen wird. Bis zum Jahr 2050 vielleicht in der Größenordnung acht bis zehn Millionen. Das heißt: Schrumpfungsprozesse gibt es nicht nur in Ostdeutschland. Es gibt sie auch in Westdeutschland."

Und auf die Frage: "Was kann man dagegen tun?", sagte der Bundespräsident: "Klarmachen, dass die bisherigen Verhaltensweisen, alles anzubieten, was denkbar ist und den Leuten Spaß macht, nicht möglich ist. Das Wichtigste in dieser Situation ist, dass die Bürger sich damit befassen - ob es um die Alterung der Bevölkerung oder den Rückgang der Bevölkerung geht."

Dieses Interview und die klaren Worte des Bundespräsidenten helfen in der Debatte über die Ausrichtung der gesundheitspolitischen Diskussion auf die Probleme der Gesundheitsversorgung von morgen. Eine alternde Bevölkerung mit der Zunahme von Multimorbidität und chronischen Krankheiten einerseits und die ständige Abnahme der im Erwerbsleben stehenden Bevölkerung - von Steuer- und Beitragszahlern - andererseits, erfordert eine langfristige Planung, erfordert aber auch Ehrlichkeit der Bevölkerung gegenüber, die sich auf diese Entwicklung einstellen muss. Dies, wie es die Bundesgesundheitsministerin getan hat, als menschenverachtend und als Panikmache zu bezeichnen, geht an der Wirklichkeit vorbei.

Etwas zu leugnen ist ein Abwehrmechanismus, mit dem die eigene Betrachtungsweise gestützt wird. Dies mag so bis zur Bundestagswahl gehen. Danach sind Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit gefordert, denn nur so sind die Probleme der Zukunft zu lösen.

Unserem Bundespräsidenten sei gedankt.

 

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Alltags-Chemikalien schaden dem Sperma

In einer Studie an Spermien haben Forscher schädliche Effekte von Alltagschemikalien festgestellt. Problematisch: Die Einzelstoffe potenzieren ihre Wirkung gegenseitig. mehr »

Nervenärzte schlagen Alarm

Der Spitzenverband ZNS ist besorgt: Die Versorgung von Demenz-, Parkinson- und Schlaganfallpatienten gerate in Gefahr, warnen die Nervenärzte. mehr »

Das läuft falsch bei der Diabetes-Vorsorge

Viele Versuche, Diabetes und Adipositas vorzubeugen, sind zum Scheitern verurteilt: Gesundheitstage an Schulen und eine Zuckersteuer gehören dazu. Diabetes-Experte Prof. Stephan Martin würde die Ressourcen anders verteilen. mehr »