Ärzte Zeitung, 08.05.2011

"Wir haben schließlich noch ein Privatleben"

Arbeiten bis spät in die Nacht und auch das ganze Wochenende: Für junge Mediziner ist das keine Option mehr. Viele wollen mehr Zeit für Familie und Engagement. Nicht nur die Kliniken müssen sich auf die Wünsche des Nachwuches einstellen, sagen Experten.

Von Marion Lisson

"Wir haben schließlich noch ein Privatleben"

Attraktive Arbeitsbedingungen werden immer wichtiger, sagt Professor J. Rüdiger Siewert aus Heidelberg.

© nanopixx / imago

HEIDELBERG. "Es weht ein neuer Zeitgeist", macht Professor J. Rüdiger Siewert, Leitender Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Heidelberg deutlich.

Er selbst hat es noch anders erlebt. "Ich habe früher immer ganz selbstverständlich bis spät in die Nacht und auch an Wochenenden durchgearbeitet und meiner Frau vollständig die Erziehung der Kinder und das Familienleben überlassen", gesteht er. Seine mittlerweile erwachsenen Kinder erinnerten ihn immer wieder daran, stöhnt Siewert.

Zum Symposium "Arzt werden - Arzt sein, Reflexionen über einen unmöglichen, aber schönen Beruf" hat die Universität Heidelberg anlässlich des 80. Geburtstages von Professor Peter Hahn eingeladen.

Die junge Generation - dazu zählen die seit 1981 geborenen - ticke einfach anders, ist man sich im Hörsaal in Heidelberg einig. Alte wie junge Mediziner sind gekommen.

"Dieses Umdenken liegt nicht nur daran, dass der Anteil der Frauen in der Medizin zunimmt", berichtet Professor Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Inneren Medizin VI, aus Tübingen. In Tübingen verzeichnete die Uni im Sommersemester 2010 beispielsweise 64 Prozent Frauen unter den Studienanfängern in der Medizin. Männer denken ebenfalls um.

"Wir wollen mit ganzem Einsatz unsere Patienten versorgen und sehen die Arbeit als einen erfüllenden Teil unseres Lebens. Doch wir möchten uns nicht völlig für den Beruf aufgeben und schon gar nicht strukturelle Fehlplanungen von Seiten der Klinikchefs oder Politiker ausbügeln", macht Karl Kleinknecht aus Sicht eines Medizinstudierenden in Heidelberg deutlich. Und schiebt nach: "Wir haben schließlich noch ein privates Leben!"

Bereits während des Studiums hat Kleinknecht es vermisst, nicht mehr Zeit für Angebote und Seminare anderer Fakultäten zu haben. Sehr schnell sei ihm und seinen Kommilitonen klar geworden, dass es in der Medizin enorm viel Faktenwissen brauche, berichtet er.

Das Studium erfordere viel Disziplin und lasse nur wenig Zeit und Raum für "charakterbildende Maßnahmen außerhalb der Medizin". Studenten lernten schließlich nicht nur ein Handwerk aufgrund der Wissenschaft. Es sei ebenfalls essentiell die ärztliche Tätigkeit früh zu üben, so Kleinknecht.

Bei allen Anforderungen schaffte es der Mediziner dennoch, sich immerhin im Vorstand der Sozietät Jasper - benannt nach dem Heidelberger Philosophen und Psychiater Karl Jaspers (1883-1969) - zu engagieren. Im Berufsleben soll dies nicht anders werden.

Arbeitgeber haben diesen Wunsch ihrer Mitarbeiter nach mehr Entfaltung im außermedizinischen Bereich erkannt. Hinzu kommt: Die Suche nach geeigneten Bewerbern für offene Stellen ist für Kliniken und Praxen - besonders außerhalb der Unistädte - nicht immer leicht.

Junge Ärzte können sich zunehmend ihre Arbeitsplätze aussuchen. Überlegungen zur Arbeitszeit, zum Gehalt oder falls benötigt zu nahe liegenden Kinderbetreuungseinrichtungen fallen dabei unter Umständen ebenfalls ins Gewicht.

Wer gute Leute an seinem Haus halten wolle, sollte daher ebenso über die Schaffung von Kindergartenplätzen sowie über attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter nachdenken, warnt Unichef Siewert.

"Manche Mitarbeiter wünschen berufsbegleitend auch noch einen Masterstudiengang Healthcare Management aufzunehmen", berichtet er. Auch hier sei man gut beraten, mit flexiblen Arbeitszeitmodellen entgegen zu kommen.

"An der Universitätsklinik Heidelberg haben wir vor eineinhalb Jahren eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit dem Thema Human Resource Management beschäftigt", sagte Siewert. Attraktive Arbeitsplätze zu schaffen, um begabte Ärzte und Wissenschaftler an der Universität zu halten, ist ein wichtiges Ziel der Einrichtung.

"Hier geht es um eine völlig neue Gestaltung von Arbeitszeit. Job-Sharing steht hier ebenso zur Diskussion wie die Freistellung von Kollegen für die Babypause", erklärt Siewert.

Man müsse Rücksicht darauf nehmen, dass junge Menschen oft in gleichgewichtigen Partnerschaften lebten, in denen beide Ehepartner ihren Beruf und Kinder bewusst erleben wollten. Selbstbewusst forderten immer mehr junge Mediziner entsprechende Voraussetzungen für ihr neues Lebenskonzept ein.

"In Folge sind auch die Zeiten hierarchischen Denkens an der Klinik endgültig vorbei", fasst Siewert seine Beobachtung zusammen. Heute könne kein Chefarzt seinen Mitarbeitern mehr ankündigen: "Ich komme am Sonntag um 11 Uhr zur Visite und ihr seid alle dabei!"

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