Ärzte Zeitung online, 16.01.2018

Geschmack oder Gesundheit

Zucker, ein schwieriger Abschied

Zu viel Zucker ist ungesund: Das weiß jeder. Große Lebensmittelhändler wollen den Zuckergehalt in ihren Eigenmarken reduzieren, um Fettleibigkeit und Diabetes vorzubeugen. Doch Verbraucherschützern reicht das nicht.

Zucker, ein schwieriger Abschied

Zuckersüße Versuchung: Der westliche Geschmack ist so sehr auf Süßes geprägt, dass die Gewöhnung an zuckerreduzierte Lebensmittel vielen schwer fällt.

© Anton Maltsev / stock.adobe.com

DÜSSELDORF. Deutschlands Lebensmittelhändler haben dem Zucker den Kampf angesagt, zumindest ein bisschen. Allein der Handelsriese Rewe will in diesem Jahr bei rund 100 Eigenmarken-Produkten neue zuckerreduzierte Rezepturen einführen.

Und Rewe ist damit nicht einmal der Vorreiter. Der Discounter Lidl etwa hatte schon Anfang 2017 angekündigt, den Anteil an zugesetztem Zucker und Salz in seinen Eigenmarken um je 20 Prozent verringern zu wollen – allerdings erst bis 2025. Auch Edeka und Aldi schrauben an ihren Rezepturen.

Der Hintergrund ist klar: Die Deutschen essen zu viel Zucker. Die Folgen sind oft genug Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck. Doch der Kampf gegen den übermäßigen Zuckerkonsum ist mühsam. Auch weil es für Verbraucher gar nicht so einfach festzustellen ist, wie viel Zucker sie wirklich zu sich nehmen. Nur der geringste Teil wird bewusst als Würfelzucker, Kandis oder Kristallzucker konsumiert. Ein weit größerer Teil steckt in den Produkten der Lebensmittelindustrie.

Dem Kunden Zeit geben zur Umstellung

Für Lebensmittelhändler ist die Zuckerreduzierung bei Schokopuddings, Fruchtjoghurts, Cerealien und Erfrischungsgetränken eine Gratwanderung. Denn selbst wenn sie etwas für die öffentliche Gesundheit tun wollen, so fürchten sie sich doch davor, ihre Kunden mit neuen Rezepturen zu verschrecken.

Letztlich lasse sich die "gelernte" Geschmackserwartung nur über einen längeren Zeitraum ändern, heißt es im Handel. Man müsse dem Kunden Zeit geben, sich auf die veränderten Zusammenstellungen einzurichten.

Rewe geht das Problem in dieser Woche offensiv an – mit einer werbeträchtigen Mischung aus Marktforschung und Marketing. Der Handelsriese bietet seinen Kunden unter dem Motto "Wie viel Zucker brauchst Du noch?" einen Schokopudding im Viererpack an.

Doch enthält nur ein Becher den üblichen Zuckeranteil, bei den anderen Portionen ist der Zuckergehalt um 20, 30 und im vierten Becher sogar um 40 Prozent reduziert. Im Internet können die Verbraucher darüber abstimmen, welche Variante am Ende in die Regale kommt.

Rewe will nach Geschmack gehen

Rewe-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog geht davon aus, dass am Ende bei der Abstimmung eine der zuckerreduzierten Varianten gewinnen wird. Doch macht er auch deutlich: "Wenn die Kunden am Ende die Originalrezeptur wollen, werden wir dem entsprechen. Wir wollen die Zuckerreduktion nicht auf Kosten des Geschmacks machen."

Der Ernährungsexperte Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg sieht das Engagement der Handelsketten deshalb mit gemischten Gefühlen. Prinzipiell sei es natürlich zu begrüßen, wenn die Unternehmen versuchten mitzuhelfen, den Zuckerkonsum zu senken. Doch reiche dies bei weitem nicht aus.

Hier sei der Gesetzgeber gefordert, meint Valet. Notwendig sei eine klare Ampel-Kennzeichnung bei Lebensmitteln, die dem Verbraucher auf den ersten Blick ermögliche, den Zuckergehalt eines Produkts einzuordnen.

Schließlich mache auch eine kräftige Reduzierung des Zuckergehalts aus einer Kalorienbombe noch keinen gesunden Snack: "Wenn man in ein hochgezuckertes Müsli 20 Prozent weniger Zucker reintut, wird es nicht viel gesünder."

Foodwatch will an Werbung ansetzen

Oliver Huizinga von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch geht noch einen Schritt weiter. Er verlangt: "Die Politik muss Rahmenbedingungen für alle setzen. Dabei geht es nicht nur um die Zuckerreduktion und die Kennzeichnung des Zuckergehalts in Lebensmitteln, sondern auch um die Werbung für stark zuckerhaltige Artikel – besonders wenn sie auf Kinder zielt." (dpa)

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[16.01.2018, 15:44:27]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Diese Diskussion geht mir sowas von auf den ...
Jetzt wollen große Lebensmittelhändler schon freiwillig den Zuckergehalt in ihren Eigenmarken reduzieren, um noch mehr Fettleibigkeit, metabolisches Syndrom und Typ-2-Diabetes mellitus präventiv zu verhindern. Und werden damit sicherlich so manche Kundinnen und Kunden, die auf total übersüßte Sachen stehen, verlieren.

Doch auch das ist den selbstherrlichen, sich selbst überschätzenden, oft besserwisserischen, jeden beliebigen Alarmismus aufgreifenden Verbraucherschützern mal wieder viel zu wenig. Haben die Oberlehrer und Oberaufpasser der Nation denn nichts Besseres zu tun, als uns Essen, Trinken, Genießen, Geselligkeit bzw. Ess- und Trink-Kultur zu vergällen?

Natürlich sind Wurstkonsum ohne Kenntnis des Fettgehalts in Trockenmasse (bei Käsesorten selbstverständlich), Grillorgien mit minderwertigem Fleisch aus Massentierhaltungen, Rauchen, Schnaps- und Bier-Saufen bis zum Anschlag krankheitsfördernd und in hohem Maße unvernünftig.

Aber wer glaubt, allein mit moralisch-ethisch-ökologischen Überlegungen und Monetik-freien Argumenten als Verbraucherschutzzentrale Hamburg oder als Foodwatch ausgerechnet bei denen punkten zu können, bei denen es bis hin zur Oberschicht heißen kann: "Erst kommt das Fressen und dann die Moral" (B. Brecht), der hat die Mechanismen primitiver, entsublimierter fleischlicher Lust, zu Frustration geronnener Sinnlichkeit und basaler Bedürfnisbefriedigung durch Essen, Trinken, Drogen in einer immer eintönig uniformer werdenden postmodernen Gesellschaft einfach nicht begriffen.

Die überbordende Fülle immer subtilerer und raffinierterer TV-Koch-Shows und -Events gegenüber der multimedialen Dominanz des Nahrungsmittel-Marktes durch Lebensmittelindustrien mögen als einer von vielen möglichen Belegen herhalten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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