Ärzte Zeitung online, 24.11.2017
 

Forschende Arzneimittelhersteller

Neue Strategien im Kampf gegen Adipositas

Hoffnung auf durchschlagende Erfolge im Kampf gegen Adipositas und Diabetes vermittelte der Gastreferent bei der vfa-Mitgliederversammlung, Professor Matthias Tschöp vom Helmholtz-Zentrum der TU München.

Berlin. Die steigende Prävalenz von Diabetes auf inzwischen rund zehn Prozent und von Adipositas auf bereits mehr als 50 Prozent könnten zu einer Trendumkehr führen: Die bislang jedes Jahr steigende Lebenserwartung kann durchaus sinken, wenn es nicht gelingt, die Volkskrankheit effektiv zu behandeln. Doch es besteht Hoffnung, in etwa fünf bis zehn Jahren eine stratifizierte Therapie gegen Adipositas verfügbar zu haben.

Mit ihr sollen die Ursachen von Adipositas kausal, gezielt ohne die bislang nicht akzeptablen Nebenwirkungen behandelt werden können, so Professor Matthias Tschöp vom Deutschen Zentrum für Diabetes-Forschung am Helmholtz-Zentrum der TU München bei der Mitgliederversammlung des Verbandes forschender Pharma-Unternehmen (vfa) in Berlin.

Ausgangspunkt neuer Forschungsansätze sind Beobachtungen bei Patienten nach einer bariatrischen Operation: ihr Stoffwechsel verbessere sich extrem, die Folge sei ein unerwartet starker Gewichtsverlust. Die Wissenschaftler in München, die in einem weltweiten interdisziplinären Forschungsverbund arbeiten, haben die dahinterstehenden biochemischen Prozesse aufzuhellen versucht.

Sie fanden heraus, dass Adipositas eine neurologische Erkrankung ist. Inzwischen sei es gelungen, Wirkstoffe und Kombinationen zu entwickeln, die hochspezifisch nur an die erwünschten Wirkorte im Gehirn, im Pankreas oder in der Leber andocken und die gestörten Stoffwechselfunktionen wieder in Gang setzen – ohne die bislang bei Adipositas-Medikamenten beobachteten schweren Nebenwirkungen zu erzeugen.

Im Maus-Modell sei es zum Beispiel gelungen, dem Hirn zu signalisieren, es sei kalt – mit der Folge, dass der Körper mit verstärkter Fettverbrennung reagiert. Kombiniere man dies mit einem Nikotin-Analogon, lasse sich der Appetit hemmen und die Gewichtsabnahme noch effektiver bewerkstelligen.

Noch befindet sich die Forschung in der präklinischen Phase. Doch Tschöp zeigte sich optimistisch, dass jetzt "Hoffnung auf eine personalisierte Stoffwechselmedizin in einigen Jahren besteht" besteht.

Für Han Steutel, den für zwei Jahre wiedergewählten Vorsitzenden des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, ist die Forschung am Helmholtz-Zentrum in München ein Beleg dafür, dass in Deutschland eine neue Generation von Wissenschaftlern herangewachsen ist. Diese denke global und interdisziplinär und sei offen für Kooperationen mit der Industrie ist. (HL)

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