Ärzte Zeitung, 06.04.2009

"Ich musste wieder ganz von vorn anfangen"

In immer mehr Regionen fehlen Ärzte - gleichzeitig bestehen für ausländische Ärzte viele bürokratische Hürden. Ein Projekt in Brandenburg soll helfen.

Von Angela Mißlbeck

"Ich musste wieder ganz von vorn anfangen"

Natalia Spurzem ist froh: Sie darf endlich in Deutschland als Ärztin arbeiten.

Foto: privat

"Ich musste mein Leben hier fast von vorn anfangen", berichtet Natalia Spurzem. Noch nicht einmal der Führerschein wurde der 35-jährigen Russin anerkannt, als sie vor sechs Jahren nach Deutschland kam.

Keine Gültigkeit hatte auch ihr russisches Medizinstudium, die Facharztausbildung und die vierjährige Berufserfahrung als Gynäkologin in Nischni Nowgorod, einer der größten Städte Russlands. Mit einer vorübergehenden Berufserlaubnis durfte Natalia Spurzem nur unter Aufsicht arbeiten.

Diese Möglichkeit hat sie genutzt. Doch damit sie ihren Beruf als Ärztin auch in Deutschland vollwertig ausüben kann, fehlte die Approbationsurkunde. Die wird Ärzten aus Nicht- EU-Ländern nur nach einer Kenntnisstandsprüfung erteilt. "Man wird wie ein Mediziner zweiter Klasse behandelt. Es war, als wenn alle Welt daran interessiert wäre, mich am Arbeiten zu hindern", so Spurzem.

Viele Inhalte des zweiten Exemens werden abgefragt

Jetzt dauert es wohl nicht mehr lange, bis die russische Ärztin das wichtige Dokument in ihren Händen hält. Vor kurzem hat sie die Gleichwertigkeitsprüfung vor der Ärztekammer Brandenburg mit Erfolg abgelegt. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Außer Sprachkenntnissen werden viele Inhalte des zweiten Staatsexamens abgefragt. "Ziemlich anstrengend" sei die Prüfungsvorbereitung gewesen, sagt die Ärztin. Aber sie hat es geschafft: Geholfen hat ihr dabei ein Kurs, den das brandenburgische Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen gemeinsam mit der Otto Benecke Stiftung speziell für zugewanderte Ärzte entwickelt hat.

Das zehnmonatige Projekt hat in den ersten drei Monaten vor allem medizinische Fachsprachkenntnisse und Deutsch für den medizinischen Berufsalltag vermittelt. Dann folgten vier Monate Praktikum und schließlich drei Monate Prüfungsvorbereitung in den Bereichen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Chirurgie, Pathologie, Labormedizin, Pharmakologie, Radiologie, Pädiatrie und Notfallmedizin. "Wir mussten ganz viel wiederholen, weil für fast alle der Studienabschluss bereits zehn bis 25 Jahre her war", so Spurzem.

Ohne gezielte Vorbereitung scheitern viele Ärzte

Außer Natalia Spurzem haben 16 weitere von insgesamt 21 Teilnehmern an dem Modellprojekt nun die Prüfung absolviert. Ohne eine gezielte Vorbereitung scheitern Ärzte aus dem Ausland an dieser Hürde oft, besonders wenn sie fachspezifisch gearbeitet haben und ihre Ausbildung schon eine Weile zurückliegt. Sie selbst hatte besonders mit der deutschen Fachsprache zu kämpfen, vor allem die Abkürzungen und Anglizismen machten ihr zu schaffen. Dann doch lieber Latein.

Die Mutter zweier kleiner Kinder bräuchte jetzt eigentlich erstmal Urlaub. Gleichzeitig kann sie es aber auch kaum mehr erwarten, wieder als Ärztin zu arbeiten. Sie wird zunächst in Teilzeit als Assistenzärztin in einer brandenburgischen Allgemeinarztpraxis mitarbeiten. Die Zusage hat Natalia Spurzem schon.

Die russische Ärztin kennt in Berlin und Brandenburg viele Kollegen aus ihrem Land, die ebenfalls gern wieder als Ärzte arbeiten würden. Deshalb hofft sie, dass der Kurs, den das Land Brandenburg und der Europäische Sozialfonds als Modellprojekt gefördert haben, auch weiterhin angeboten wird.

Auch die brandenburgische Gesundheitsministerin Dagmar Ziegler (SPD) hofft auf eine Fortsetzung des Projekts: "Wir müssen das Potential von gut ausgebildeten Einwanderern stärker nutzen und Zuwanderern, die Schwierigkeiten haben, auf ihrem Fachgebiet Fuß zu fassen, unterstützen", sagt Ziegler. Sie wertet das Ärzte-Integrationsprojekt als einen erfolgreichen Baustein im Kampf gegen den Ärztemangel in ihrem Bundesland.

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