Ärzte Zeitung, 08.03.2013
 

Jung und engagiert

"Für Frauenpolitik zu sensibilisieren ist schwer"

Junge Frauen gibt es kaum in der Berufspolitik. Umso mehr fällt es auf, wenn sich eine 28-Jährige auf dem Ärztetag für die Interessen des Nachwuchses stark macht - das schreckt Katharina Kulike aber nicht ab.

Das Interview führte Johanna Dielmann-von Berg

Katharina Kulike

"Für Frauenpolitik zu sensibilisieren ist schwer"

© Privat

Position: Assistenzärztin an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Krankenhaus Hedwigshöhe Berlin

Ehrenamtliche Tätigkeit: seit 2010 Mitglied der Fraktion Gesundheit der Ärztekammer Berlin, Mitglied in den Ausschüssen Krankenhaus und Weiterbildung III (für chirurgische Fächer)

Von 2006 bis 2009 Mitarbeit bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland und der International Federation of Medical Students` Associations

Ausbildung: Studium der Humanmedizin; derzeit im 4. Jahr der Weiterbildung zur Fachärztin für Viszeralchirurgie

Ärzte Zeitung: Jung, links und eine Frau - damit stechen Sie aus der Riege meist älterer Herren in der Berufspolitik heraus. Vor- oder Nachteil?

Katharina Kulike: Ich glaube, es ist eher ein Vorteil. Am Anfang machen es einem die meisten relativ leicht, weil sie einen nicht als "Gefahr" oder Konkurrenz wahrnehmen. Man freut sich über neue junge Gesichter.

Irgendwann kommt aber sicher der Punkt, an dem sich das ändert. Man merkt, dass einem Seilschaften fehlen, die konservative ältere Männer in der Gesundheitspolitik gebildet haben. Ich bin aber auch für die Genderthematik sensibilisiert, meine Mutter leitet die Genderstelle in Freiburg.

Auf Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern macht auch der heutige Weltfrauentag (8. März) aufmerksam. Wie verbringen Sie ihn?

Den Weltfrauentag feiere ich schon, seit ich klein bin. Damals habe ich die Veranstaltungen meiner Mutter besucht. Es gab immer einen Stand auf dem Rathausplatz, an dem Frauengruppen diskutierten und Vorträge hielten. Dieses Jahr habe ich "leider" einen Ultraschallkurs.

Bei der Berliner Ärztekammer sind Sie in zwei Ausschüssen tätig, für die dortige Fraktion Gesundheit fahren Sie als Delegierte zum Ärztetag. Was reizt Sie an der "Männerdomäne" Berufspolitik?

Das war für mich die logische Konsequenz aus meinem studentischen Engagement. Seit 2006 habe ich bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und dem internationalen Dachverband mitgearbeitet.

Bei der bvmd habe ich mehrere Jahre die Bundesarbeitsgruppe Medizinische Ausbildung geleitet und die Zusammenarbeit hat mir viel Spaß gemacht. Außerdem muss man selbst für die eigenen politischen Interessen eintreten, wer soll es sonst tun?

Entscheidend war für mich aber auch die Fraktion Gesundheit. Ich dachte, in der konservativ behafteten Kammerpolitik kann man sicher nicht mitgestalten. Mit den linksorientierten Werten der Fraktion kann ich mich aber identifizieren.

Ein weiterer Vorteil war, dass ich in der Klinik anfangs nur eine halbe Stelle bekommen habe. Dadurch hatte ich im Gegensatz zu anderen Berufsanfängern Zeit, noch etwas nebenher zu machen.

Sie bringen viel Erfahrung in der Berufspolitik mit. Macht es aus Ihrer Sicht überhaupt einen Unterschied, ob man Mann oder Frau ist?

Auf jeden Fall. Es ist aber sehr ambivalent. Ich habe sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen gesammelt. Im Krankenhausausschuss oder bei der Fraktion Gesundheit wurde ich sofort eingebunden, habe quasi offene Türen eingerannt.

In anderen Kammerausschüssen nehmen einen hingegen Chefärzte nicht zwingend ernst. Anfangs habe ich oft gehört: "Was haben Sie mir zu sagen, Sie sind doch erst im ersten Jahr." Oder: "Ach, haben wir jetzt studentische Beisitzer?"

Für mich ist es schwer abzugrenzen, geht es darum, dass ich noch jung bin (Anm. Red.: 28 Jahre) oder dass ich eine Frau bin. Im Prinzip glaube ich aber, dass das Geschlecht einen Unterschied im Ansehen macht.

Gerade in der Kammerpolitik und in der Medizin, die so ein konservatives Fach ist, sind es die meisten Männer noch gewohnt, mit Männern zusammenzuarbeiten. Natürlich auch, weil es nur wenige Frauen in Führungspositionen gibt. Bei uns im Fakultätsrat etwa gab es damals nur zwei Professorinnen.

Mit welchen Hürden haben berufspolitische Anfänger zu kämpfen?

Frauen, junge Kollegen oder Assistenzärzte gibt es nur wenige in den Ausschüssen - da ist erstmal jeder willkommen. Gerade in großen Organisationen wie dem Marburger Bund scheint es aber lange zu dauern, bis man selbst mitgestalten kann.

Ich kenne einen jungen Kollegen, der seit Jahren beim MB Gesundheitspolitik macht. Dort ist es aber unvorstellbar, dass er als Delegierter zum Ärztetag fahren darf. Da muss man also eine lange Durststrecke durchstehen, bis man eigene Ideen einbringen kann.

Das verstärkt natürlich das Problem, dass es sehr wenige junge Männer und Frauen in der Berufspolitik gibt. Die "jungen" Männer, die ich kenne, sind schon 40 Jahre alt.

Viele Ausschusskollegen sind niedergelassene Ärzte im Ruhestand, somit fehlt in der Politik häufig die Perspektive der praktizierenden Ärzte und des Nachwuchses. Die Standespolitik wird so langsamer, weil sie sich nicht den aktuellen Bedürfnissen in der Praxis anpasst.

Ein Bedürfnis von Ärztinnen ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was muss sich ändern?

Das ist schwierig. Ich denke, "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" trifft es nicht mehr, eher "Vereinbarkeit von Familie und Karriere". Für Ärztinnen gibt es kaum eine Perspektive, mit Kindern Karriere zu machen. Mit nur mehr Teilzeitstellen ist es nicht getan.

Wir brauchen kreative Ideen zum Beispiel für den Bereitschaftsdienst, wie eine alleinerziehende Ärztin auch nachts ihre Kinder betreuen lassen kann, wenn sie um drei Uhr in den OP gerufen wird. Gerade kleine Kliniken werden da stark herausgefordert. Oder warum sollen Oberarztstellen nicht auch in Teilzeit möglich sein?

Wir müssen für Ärztinnen Wege finden, dass eine Oberarzt- oder Chefarztstelle auch mit Familie zu erreichen ist. In erster Linie geht es dabei nicht um finanzielle Aspekte, sondern darum sich weiterentwickeln zu können.

Das ist eine starke Motivation, gibt es aber erst in wenigen Kliniken. Andere Länder wie Spanien oder Schweden zeigen, wie es geht.

Ich habe ein Tertial meines Praktischen Jahrs in Spanien gemacht. Dort endet die reguläre Dienstzeit gegen 14:30 Uhr. So hatten dort auch viele Oberärztinnen Kinder, weil die Arbeitszeiten der Familienorganisation entgegen kommen.

Zudem versorgen dort im ambulanten Sektor Krankenschwestern zunächst die Patienten, nur in bestimmten Fällen kommen diese überhaupt zum Arzt. Die Ressource "Arzt" wird also anders genutzt. Natürlich wäre es zu teuer, diese Ansätze eins zu eins auf Deutschland zu übertragen. Aber sie können Denkanstöße geben.

Folgen bereits Taten oder braucht es dafür mehr Frauen in der Politik?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sich bereits sehr viel geändert hat. Aber es ist gut, dass das Thema die Öffentlichkeit erreicht und diskutiert wird. Dennoch hängen wir bei Arbeitszeit- oder Kinderbetreuungskonzepten hinterher.

Mir ist es aber wichtig, dass die Frauenperspektive in der Politik mehr beachtet wird. Bei Frauenpolitik muss man aber auch aufpassen, dass es nicht einen biederen, vorbelasteten Touch bekommt, dass man sich als Frau nur aus Prinzip für Frauenthemen starkmacht.

Leider haben die meisten Frauen das Gefühl, Frauenpolitik hat nichts mit ihnen zu tun. Erst wenn sie selbst merken, sie werden nicht so gefördert wie männliche Kollegen oder in der gleichen Position schlechter bezahlt, stellen sie fest, dass Frauenpolitik auch sie betrifft. Das macht es sehr schwer, dafür zu sensibilisieren.

Gäbe es mehr Frauen in Führungspositionen, sei es in Kliniken oder Verbänden, würden Frauenthemen anders angegangen, weil sie es aus eigener Erfahrung kennen. Gerade für die medizinische Versorgung führt daran kein Weg vorbei.

In Zeiten des Ärztemangels kann man es sich nicht leisten, dass Ärztinnen aus familiären Gründen nicht in die Versorgung zurückkehren.

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