Ärzte Zeitung online, 10.01.2019

HIV

Brandenburger oft ahnungslos

Viele HIV-Infizierte in Brandenburg kennen laut Robert Koch-Institut ihren Status nicht.

Von Angela Mißlbeck

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Ein junger Mann macht einen HIV-Heimtest. Brandenburgs Gesundheitsministerin ruft dazu auf, diese öfter zu nutzen, um Klarheit zu bekommen.

© Britta Pedersen / dpa-Zentral

BERLIN / POTSDAM. Krasser könnten die Gegensätze kaum sein: Während Berlin sich freut, dass fast 90 Prozent der HIV-Infizierten ihren Status kennen, liegt der Anteil der diagnostizierten HIV-Infektionen in Brandenburg mit 27,5 Prozent extrem unter dem Durchschnitt.

Das geht aus den aktuellen Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zu HIV und Aids in Deutschland hervor.

Demnach schwankt der Anteil der Menschen mit diagnostizierter HIV-Infektion in den westdeutschen Bundesländern und Berlin zwischen 83 und 90, in den ostdeutschen Bundesländern (außer Brandenburg) zwischen 73 und 78 Prozent.

Berlin steht in dieser Statistik gut da. Es hat demnach die Ziele der internationalen Fast-Track-City-Initiative der Vereinten Nationen (UNAIDS) fast erreicht.

Mit der Initiative streben rund 100 Städte weltweit an, dass bis 2020 zunächst 90 Prozent ihren Status kennen, davon 90 Prozent in Behandlung sind und 90 Prozent der Behandlungen erfolgreich sind.

In Berlin kennen laut RKI 89 Prozent der geschätzten 14.900 HIV-Infizierten ihren Status. Von ihnen sind 92 Prozent in antiretroviraler Behandlung, und 95 Prozent der Therapien verlaufen erfolgreich.

Angst vor Stigmatisierung

„Ein großartiger Erfolg aller Beteiligten, die in Berlin eng zusammenarbeiten“, sind diese Werte mit den Worten der Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD).

Die Senatorin erinnerte aber auch daran, dass bis 2030 jeweils 95 Prozent in den drei Gruppen erreicht sein müssen, um die Aids-Epidemie zu beenden. „Dazu müssen wir dafür sorgen, dass mehr Menschen, die sich dem Risiko einer Infektion ausgesetzt haben, sich auch testen lassen“, meint Kolat.

Dieses Ziel verfolgt auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) – jedoch bei einer völlig anderen Ausgangslage. In Brandenburg kennen von geschätzten 400 HIV-Infizierten laut RKI lediglich 110 ihren Status. In Behandlung befinden sich 100, und bei 95 von ihnen verläuft die Therapie erfolgreich (siehe nachfolgende Grafik).

Karawanskij rief die Brandenburger auf, die seit Oktober frei verkäuflichen HIV-Tests zu nutzen. Sie will zudem durch Aufklärung Vorurteile abbauen.

„Betroffene können mit der Krankheit heute dank verbesserter Therapien gut leben, aber die Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung ist enorm belastend“, so die Brandenburger Ministerin.

Tests werden oft in Berlin gemacht

Ob die Angst vor Stigmatisierung dazu führt, dass sich im ländlich strukturierten Brandenburg weniger Menschen testen lassen, kann weder das Ministerium noch das Robert Koch-Institut sagen. Das RKI weist aber darauf hin, dass viele Brandenburger für HIV-Tests und –Versorgung Einrichtungen in Berlin in Anspruch nehmen.

Somit profitiert die Hauptstadt von einem statistischen Effekt, der Brandenburg als Problemfall erscheinen lässt. Denn ein großer Teil der Menschen, die eine HIV-Diagnose in Brandenburg erhalten haben, wird im RKI-Modell Berlin zugewiesen.

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