Ärzte Zeitung online, 07.08.2012

Kindesmissbrauch

Risiko Behinderung

Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen haben ein ausgesprochen hohes Risiko, misshandelt oder missbraucht zu werden. Das belegt eine aktuelle Metaanalyse von WHO-Forschern.

Behinderte Kinder sind oft Gewaltopfer

Gewalt: Kinder mit einer Behinderung sind laut WHO öfter betroffen.

© Barbara Winzer / fotolia.com

LIVERPOOL/GENF (rb). Zu Gewalt bei Behinderten haben Wissenschaftler der Universität Liverpool und des Fachbereichs "Prävention von Gewalt und Verletzungen" der WHO in Genf 17 Studien mit 18.374 behinderten Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ausgewertet (Lancet 2012; online 12. Juli).

Laut den Resultaten erfahren knapp 27 Prozent der behinderten Kinder Gewalt in irgendeiner Form, sei es körperlich, sexuell, emotional oder durch Vernachlässigung.

Der Anteil körperlich misshandelter Kinder mit Behinderung erreicht hiernach 20 Prozent, die Rate des sexuellen Missbrauchs liegt in dieser Gruppe bei 14 Prozent.

Im Vergleich zu Kindern, die keine Behinderung aufweisen, laufen behinderte Kinder 3,7-fach größere Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden. Das Risiko für körperliche Gewalt ist 3,6-fach, jenes für sexuelle Gewalt 2,9-fach erhöht.

Obwohl die meisten der Studien sich mit geistig behinderten Kindern beschäftigt hatten und daher differenzierte Aussagen über die verschiedenen Behinderungsarten schwierig sind, fanden die Forscher Hinweise auf eine besondere Gefährdung geistig behinderter junger Menschen.

Heterogene Daten

Beispielsweise liegt ihr Risiko, sexuell missbraucht zu werden, 4,6-fach über jenem von Kindern ohne Behinderung.

Die Wissenschaftler geben allerdings zu bedenken, dass die vorhandenen Daten sehr heterogen sind. Entsprechend groß sind die Schwankungsbereiche der Risikoschätzungen, die von 4 bis 68 Prozent reichen.

Dass behinderte Kinder eine Hochrisikogruppe dafür darstellen, Gewalt an Leib und Seele zu erfahren, steht aber außer Zweifel.

Generell ist Gewalt gegen Kinder ein Problem, dessen Ausmaß die Aufmerksamkeit, die es erfährt, weit überschreitet - von Extremfällen abgesehen.

Die deutsche Leitlinie "Kindesmisshandlung und Vernachlässigung" nennt Zahlen, wonach 12 Prozent der Jungen und 10 Prozent der Mädchen während ihrer Kindheit körperliche Gewalt erleben.

Und eine Studie zur Prävalenz sexuellen Missbrauchs kam vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass rund 7 Prozent der Buben und 19 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag missbraucht werden (Clin Psychol Rev 2009; 29: 328).

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Engagement, das Früchte trägt

Jungen Menschen fehlt es an Gespür für ehrenamtliches Engagement? Ein Vorurteil, wie sich bei der Springer Medizin Gala gezeigt hat. Deutlich wurde auch, dass Engagement für Hilfsbedürftige auch den Sinn für das Politische schärft. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »