Ärzte Zeitung, 27.01.2012

Die Welt der Pflege vor Erschütterungen

Pflegekammern, Pflegegewerkschaften, ein attraktiveres Bild des Berufes: Die Pflegebranche kündigt an, sich neu aufzustellen, und mahnt lautstark Reformen an, um einen drohenden Fachkräftemangel aufzufangen. Doch gibt es den wirklich?

Von Anno Fricke

Die Welt der Pflege steht vor heftigen Erschütterungen

Unionspolitiker Willy Zylajew (links) diskutiert mit Dr. Max Kaplan, Wolfgang van den Bergh, Andreas Westerfellhaus und Thomas Ballast.

© Stephanie Pilick

BERLIN. In wenigen Jahren fehlen im Gesundheitswesen in Deutschland 280.000 Pflegekräfte und rund 56.000 Ärzte, schätzen berufsständische Organisationen.

Die Zahlen sind nicht unumstritten. Angst machen gilt nicht, sagen Politiker und Vertreter von Krankenkassen. Sie halten Beiträge, die von drohender oder bereits akuter Mangelversorgung in Krankenhäusern sprechen, sogar für ein falsches Signal an die Bevölkerung.

"Pflegenotstand ist ein immerwährender Prozess", sagte der pflegepolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Willi Zylajew, bei der Auftaktpressekonferenz zum von Springer Medizin und Pflegemagazin "Heilberufe" in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Pflegerat ausgerichteten Kongress "Pflege 2012" am Donnerstag in Berlin.

Wenn Fachkräfte in den Abteilungen fehlten, sollten die Krankenhäuser schließen anstatt mit Notbesetzungen weiterzuarbeiten.

"Lokal und punktuell" gebe es Fachkräftemangel, sagte Thomas Ballast, Chef des Verbandes der Ersatzkassen (vdek). Generell wachse derzeit die Zahl der Pflegekräfte sogar noch. Die Jahrgänge, aus denen Nachwuchs rekrutiert werden könnte, würden mit der Zeit aber kleiner.

Mehr Zeit, mehr Personal, mehr Geld

Dass Handlungsbedarf besteht, die Strukturen der Pflege zu stärken, lässt sich an der aktuellen Gesetzgebung deutlich ablesen. Sie soll sich von der - auch aus Personalmangel - eng getakteten Minutenpflege zu einer zuwendungsorientierten Betreuung wandeln.

Mehr Zeitaufwand erfordert aber mehr Pflegekräfte und mehr Geld, um sie zu bezahlen, sind sich alle Beteiligten einig.

Derzeit entwickelt die Regierung das Pflegeneuausrichtungsgesetz, das Demenzkranke finanziell besser stellen soll, neue Wohnformen unterstützen und mehr Wettbewerb auf dem Markt der Pflegegutachten schaffen soll.

Dafür soll der Beitragssatz ab 2013 um 0,1 Prozentpunkte steigen, was der Pflegeversicherung im Jahr rund 1,1 Milliarden Euro ein bringen wird.

Was Pflege einmal tatsächlich kosten wird, steht damit aber nicht wirklich fest. Das hängt von der Neudefinition des Pflegebedürftigkeitsbegriffes ab und davon, wieviele Menschen dann Ansprüche auf Leistungen aus der Pflegeversicherung haben werden.

Diese Definition hat die Koalition vorerst auf die lange Bank geschoben, "auf eine Zeitschiene gesetzt", wie sich Willi Zylajew ausdrückte.

Jahr der Pflegenden

In Teilen der Branche hält man die Koalition auf diesem Auge sogar für blind. "Die Regierung nimmt sich der Probleme nicht an", empörte sich der Präsident des Deutschen Pflegerates, Andreas Westerfellhaus am Donnerstag.

Die Selbstverwaltung der Pflege durch eine Pflegekammer sei die Konsequenz aus dieser Haltung. Nach dem missglückten "Jahr der Pflege" sei nun das "Jahr der Pflegenden" gefordert.

Dazu gehöre unter anderem, ein Berufsgesetz Pflege auf den Weg zu bringen. Die Pflegenden bräuchten mehr Rechtssicherheit und seien bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Um die Position der in der Pflege arbeitenden Menschen zu stärken, kündigte Westerfellhaus im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" an, den Aufbau einer Pflegegewerkschaft nach dem Vorbild des Marburger Bundes zu unterstützen.

Ärzte und Pflegeverbände gehen derweil aufeinander zu. "Wir müssen Synergien nutzen", um Ärztemangel und Fachkräftemangel aufzufangen, sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Dr. Max Kaplan.

Dazu gehöre für die Ärzte auch, Aufgaben und Verantwortung an besonders qualifizierte Pflegekräfte abzugeben. Die Arbeitsbedingungen müssten auf beiden Seiten attraktiver werden.

Mehr Geld für Ärzte dürfe nicht auf Kosten der Pflegeseite gehen. Das Problem sei die gedeckelte Krankenhausfinanzierung.

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