Ärzte Zeitung, 29.09.2014

Lungenkrebs

Länger überleben dank personalisierter Medizin

Ärzte des Netzwerks für Genomische Medizin an der Uniklinik Köln nutzen die Fortschritte der Genforschung zur Behandlung von Lungenkrebspatienten - mit Erfolg. Die AOK Rheinland/Hamburg trägt die Kosten der aufwendigen Diagnostik.

Von Thomas Hommel

BERLIN / KÖLN. Lungenkrebs ist weltweit die häufigste Krebs-Todesursache. Allein in Deutschland sterben daran jährlich knapp 50.000 Männer und Frauen.

Zwei Dinge machen Medizinern besonders zu schaffen: Bei etwa 80 Prozent der Betroffenen wird die Krankheit in einem Stadium diagnostiziert, in dem es für eine Operation schon zu spät ist. Bei diesen Patienten blieb bisher als einzige Option nur die medikamentöse Chemotherapie.

Die aber - und da schließt sich das zweite Problem an - ist bei Lungenkrebs nur sehr schwach wirksam, ein großer Teil der Patienten profitiert davon nicht. So beträgt die mediane Überlebenszeit bei fortgeschrittenem Lungenkrebs höchstens 12 Monate.

Das heißt: 50 Prozent der Erkrankten versterben binnen eines Jahres. Und an dieser traurigen Statistik hat sich seit Jahrzehnten nichts wesentlich geändert.

Ein Funken Hoffnung

Begründete Hoffnung auf verbesserte Überlebenschancen von Lungenkrebspatienten macht indes ein neuer Diagnose- und Therapieansatz, den Wissenschaftler des Netzwerks für Genomische Medizin an der Universitätsklinik Köln auf Basis genetischer Untersuchungen entwickelt haben.

In dem Kölner Verfahren bestimmen zunächst Pathologen in einer Analyse des Tumorgewebes in der Lunge, welche genetische Veränderung den Tumor entstehen beziehungsweise wachsen lässt. Denn Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs. Es gibt zahlreiche Unterformen.

"Um dies meinen Patienten zu erklären, male ich ihnen immer einen großen Kuchen auf ein Blatt Papier", sagt der Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) an der Uniklinik Köln, Professor Dr. Jürgen Wolf. "Und dieser Kuchen besteht aus vielen unterschiedlich großen Stückchen."

Jedes einzelne Kuchenstück stelle eine Subgruppe von Lungenkrebspatienten dar, bei denen die Krebszellen eine bestimmte Mutation - also eine spezielle Veränderung im Erbgut - durchlaufen.

Diese sogenannten Treibermutationen seien dafür verantwortlich, dass der Tumor bei der jeweiligen Subgruppe weiter wachse, erläutert der Onkologe. "Treibermutationen sind quasi das bösartige Prinzip der Krebszelle, aber auch deren Achillesferse.

Denn wenn es uns gelingt, die Funktion des mutierten Gens auszuschalten, das für das Wachsen des Tumors verantwortlich ist, bekommen wir auch eine starke Kontrolle über den Tumor."

Effektiver und verträglicher

In der Kölner Pathologie werden daher jährlich annähernd 4000 Lungenkrebsproben molekulardiagnostisch untersucht. Das entspreche etwa sieben Prozent aller neuen Lungenkrebserkrankungen bundesweit, versichert Wolf.

Bislang sei es den Ärzten gelungen, bei über der Hälfte der Patienten therapeutisch relevante Mutationen zu finden, die man anschließend mit speziellen Medikamenten - auch solchen, die noch klinisch getestet werden - gezielt bekämpfen könne. "Das ist effektiver und verträglicher als die Chemotherapie."

Ziel der Wissenschaftler sei es, "noch mehr Kuchenstücke", sprich Treibermutationen, ausfindig zu machen, um noch mehr Patienten mit Lungenkrebs ein längeres Überleben zu ermöglichen. Erste Ergebnisse zeigten immerhin eine im Vergleich zur Chemotherapie um bis zu dreimal längere Überlebenszeit, berichtet Wolf.

Es sind auch solche Zahlen, die die AOK Rheinland/Hamburg dazu veranlasst haben, die Kosten für die aufwendige Diagnostik zu übernehmen.

Die Gesundheitskasse sei überzeugt davon, dass mit dem neuartigen Verfahren die Lebensdauer der Patienten verlängert, deren Leiden gelindert und die Lebensqualität verbessert werden könne, betont Vorstandsmitglied Matthias Mohrmann.

Die Kasse zahlt für die molekulare Diagnostik 1750 Euro pro Patient. Holt dieser sich eine Zweitmeinung ein, wird dies mit 200 Euro vergütet.

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