Ärzte Zeitung online, 12.10.2018

Interview

Familiencoach Depression gibt Angehörigen Kraft

Kostenfrei und anonym: Der Familiencoach Depression hilft, den Alltag mit depressiv erkrankten Angehörigen leichter zu bewältigen. Die Freiburger Professorin Elisabeth Schramm erläutert im Interview, wie das funktioniert und wie Angehörige und Erkrankte davon profitieren können.

Von Taina Rall

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Prof. Dr. Elisabeth Schramm, Sektionsleiterin Psychotherapieforschung in der Psychiatrie an der Universitätsklinik Freiburg.

© privat

Ärzte Zeitung: Welches waren die wichtigsten Gründe für Sie, den Familiencoach zu entwickeln?

Prof. Dr. Elisabeth Schramm: Es geht uns darum, Angehörige depressiver Menschen zu stärken. Zwar gibt es für sie schon Psychoedukationskurse an Kliniken. Diese erreichen aber aus unterschiedlichen Gründen nur einen kleinen Teil der Betroffenen. Und online gab es bisher gar keine Unterstützungsprogramme, die spezifisch für Angehörige Depressiver entwickelt wurden. Aus unterschiedlichen Studien und aus der sozialen Unterstützungsforschung wissen wir aber, dass durch die Erkrankung auch Angehörige ziemlich belastet sind.

Sie machen sich Sorgen, zum Beispiel, weil sie den depressiven Partner oder Freund nicht mehr richtig erreichen. Und sie müssen viel mehr Aufgaben schultern, beispielsweise im Haushalt, weil der oder die erkrankte Angehörige wegen der Depression antriebslos ist. Von einer Depression ist das ganze Umfeld betroffen. Depression trägt zu Stress im Umfeld bei und so entsteht eine Wechselwirkung.

Deshalb ist es besonders wichtig, etwas für die Angehörigen zu tun. Schaffen sie es, sich Unterstützung zu holen und sich selbst zu entlasten, wirkt sich das auch auf den Verlauf der Depression günstig aus. Grundsätzlich gilt: Zwischenmenschliche und psychosoziale Faktoren haben einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf einer Depression. Wenn also nahestehende Personen gut aufgeklärt sind und wissen, wie sie den Erkrankten am besten unterstützen können, kann das nicht nur zu ihrer eigenen Entlastung, sondern auch zu einem günstigeren Krankheitsverlauf beim Patienten beitragen.

Der Familiencoach umfasst vier Bereiche. Was genau wird Nutzern dort vermittelt?

Schramm: In kurzen Texten und in Videos mit alltäglichen Szenen im Bereich "Depression und Alltag" gibt der Familiencoach grundlegende Tipps für den Umgang mit depressiv Erkrankten und zeigt, was bei typischen Symptomen getan werden kann. Das ist wichtig, um das Verhalten des Erkrankten einordnen zu können. Wenn man gut informiert ist, nimmt man krankheitsbedingte Verhaltensweisen nicht persönlich und kann vermeiden, sich gegenüber dem Erkrankten distanziert und überkritisch zu verhalten.

In den Modulen "Selbstfürsorge" und "Beziehung stärken" erfahren Angehörige, wie sie gut auf sich selbst achten und trotz der Depression mit dem Erkrankten in Verbindung bleiben können. Im Modul "Beziehung stärken" wird auch gezeigt, wie eine Beziehung konstruktiv gestaltet werden kann. Dazu trägt unter anderem bei, die Erkrankten nicht übermäßig zu kontrollieren. Besonders wichtig war uns die Selbstfürsorge. Hier geht es darum, dass der Angehörige sich selbst entlastet, sich nicht überfordert.

Dazu gehört, dass Angehörige gezielt Entlastungsmöglichkeiten suchen und beispielsweise durch Entspannungsübungen und Achtsamkeit im Alltag bei Kräften bleiben. Unter "Was muss ich wissen" finden Nutzer Informationen zu Symptomen, Ursachen und zur Behandlung von Depressionen. Der Familiencoach Depression basiert auf aktuellen Erkenntnissen aus der Depressionsforschung, unter anderem aus der Epidemiologie sowie der Verlaufs- und Suizidpräventionsforschung. Die auf die Interaktion fokussierten Module basieren unter anderem auf Erkenntnissen aus der Social-Support-Forschung sowie der Expressed-Emotions-Forschung.

Worin liegt die größte Stärke des Programms?

Schramm: Eine große Stärke ist es, dass die Nutzer jederzeit auf den Familiencoach zugreifen können. Das Programm ist flexibel und kann kostenfrei genutzt werden. Vor allem die zeitliche Flexibilität macht es möglich, dass die ohnehin stark belasteten Angehörigen zum Beispiel am Wochenende darauf zugreifen können. Das ist insbesondere für Berufstätige ein Vorteil. Und die vielen Informationen können aus den Videos einfach leichter aufgenommen werden als beispielsweise aus einem Sachbuch. Ein Riesenvorteil ist, dass in die Entwicklung des Online-Coachs neben Fachexperten auch Angehörige und Erkrankte von Anfang an eingebunden waren. Zum Beispiel haben die mitwirkenden Angehörigen angeregt, das Thema Suizidgefährdung aufzugreifen, das im Zusammenleben mit Erkrankten eine große Rolle spielt.

Hat das Programm auch Schwächen und wie könnten Lücken geschlossen werden?

Schramm: Ich würde mir wünschen, dass solche Programme begleitet werden, etwa durch Chats oder E-Mails. Dass also die Möglichkeit eines Austauschs besteht. Daran arbeiten wir aber schon, jetzt wird sukzessive eine Chatmöglichkeit für AOK-versicherte Nutzer aufgebaut.

Wie können wir uns den Ablauf der geplanten Videochats vorstellen?

Schramm: Die Angehörigen können anonym Fragen einreichen. Diese werden gesammelt und in einem Livechat unter Moderation eines Experten von mir beantwortet. Dieser Chat wird zunächst alle zwei Monate angeboten, da wir noch nicht wissen, wie groß der Bedarf ist.

Professor Dr. Elisabeth Schramm

  • Aktuelle Position: Sektionsleiterin Psychotherapieforschung in der Psychiatrie an der Universitätsklinik Freiburg.
  • Den Familiencoach Depression hat sie zusammen mit der AOK entwickelt.

Der Familiencoach Depression ist online zu finden unter www.familiencoach-depression.de

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