Ärzte Zeitung, 21.10.2010

Bei der Frage nach dem Nutzen von Prävention herrscht oft Achselzucken

Über Prävention wird gerne geredet. Welchen Nutzen das Ganze hat und was sich dadurch einsparen lässt, wird selten gesagt. Laut Experten liegt dies auch an der fehlenden Evaluation entsprechender Programme.

Bei der Frage nach dem Nutzen von Prävention herrscht oft Achselzucken

Professor Elisabeth Pott: "Gesundheitsökonomen oft nicht kreativ genug."

© BZgA

BERLIN (hom). Programme zu Prävention und Gesundheitsförderung müssen nach Ansicht der Präsidentin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), Professor Elisabeth Pott, künftig stärker auf ihre Wirksamkeit hin untersucht werden. Bislang sei dies höchstens bei etwa fünf Prozent solcher Programme der Fall, sagte Pott bei einer Präventionstagung in Berlin.

Die Akteure steckten oft in einer "schwierigen Lage", da sie nicht belegen könnten, dass das "Gutgemeinte" auch in der Praxis Wirkung entfalte. Zudem fehle es an Studien, anhand derer nachgewiesen werde, dass sich mit einem Ausbau von Prävention erhebliche Kosten im Gesundheitswesen einsparen ließen. "Da sind die Gesundheitsökonomen oft nicht kreativ genug", so Pott.

Ein weiteres Problem hiesiger Präventionspolitik sei, dass es zwar viele gute Ansätze gäbe, diese aber kaum oder überhaupt nicht "in bestehende Regelsysteme integriert sind".

Die Präsidentin des Kneipp-Bundes und frühere Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk, kritisierte, dass sich das deutsche Gesundheitswesen bislang zu sehr an "Reparaturmedizin" statt an Vorsorge ausrichte.

Prävention werde noch immer stiefmütterlich behandelt. So seien die Ausgaben der Krankenkassen für den Bereich Soziale Dienste, Prävention und Impfungen im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich zum Vorjahr "um 23 Prozent" zurückgegangen - was freilich auch damit zu tun haben dürfte, dass 2009 hohe Aufwendungen im Zuge der Massenimpfungen gegen Schweinegrippe anfielen.

Unabhängig davon würden zu wenig Mittel in Vorsorge gesteckt, betonte Caspers-Merk. So wendeten AOK, DAK & Co. im Schnitt 3000 Euro pro Versichertem und Jahr für medizinische Behandlung auf.

"Für Prävention sollen hingegen laut Richtwert drei Euro ausreichen." Die Bundesregierung, allen voran Gesundheitsminister Philipp Rösler, rief Caspers-Merk auf, mehr Geld für die Präventionsforschung bereitzustellen. "Die Regierung muss ihrer Verantwortung endlich gerecht werden."

Die Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Birgit Fischer, sagte, Gesundheitsminister Rösler habe die Stärkung der Prävention zwar zu einem seiner nächsten Reformziele erklärt. Ein "zentrales Präventionsgesetz" sei unter Schwarz-Gelb aber "in weite Ferne gerückt".

Nötig sei jetzt eine Präventionsbewegung jenseits politischer Gleise. "Die Reform von oben funktioniert derzeit nicht. Wir sollten uns daher auf Netzwerke besinnen, lokale Initiativen stärken und neue Partnerschaften gründen", sagte die Kassenchefin.

[25.10.2010, 18:08:34]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die Evaluation der Prävention erfordert Evolution in der Dokumentation!
Die Evaluation der derzeit laufenden Präventionsprogramme scheitert ja schon an den kleinen Dingen: In allen DMP's werden die in der Hypertensiologie und Diabetologie so eminent wichtigen und manchmal auch diabetogen (!) wirksamen Diuretika gar nicht abgefragt, sondern unter "sonstige Blutdrucksenker" subsumiert. Dort können sich dann Torasemid, HCT, Piretanid, Indapamid, das (für die Langzeittherapie) obsolete Furosemid, aber auch Alpha-Blocker, Reserpin, Clonidin u. a. tummeln, ohne dass die Versorgungsforschung davon weiß. Der größte Hypertensiologe aller Zeiten (GRÖHAZ), der Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach, hatte nach der ALLHAT-Studie sogar - irrtümlich - gemeint, die Hypertoniebehandlung sei allein mit den (billigeren) Diuretika zu schaffen.
Die Krebsvorsorgedokumentationen (altes Muster 40a der KBV) bei Männern türmten sich jahrzehntelang bei allen KVen millionenfach. Alle Ärztinnen und Ärzte erhielten dann vor einigen Jahren die KV-Mitteilung, dass diese sorgsam ausgefüllten Formulare getrost in den Praxen weggeworfen werden könnten, da sie eh' bei den KVen aus Personalmangel nicht mehr ausgewertet werden könnten bzw. in den Reißwolf kämen. Noch kurz zuvor hatte man getönt, die Krebsvorsorge beim Mann würde viel zu wenig genutzt. Die Dokumentationen wären doch so wichtig für Evaluation und Versorgungsforschung. – Pustekuchen -, die Männer-Krebsvorsorgedokumentationen waren einfach unbrauchbar und nutzlos, weil sie stümperhaft formuliert und unsystematisch konstruiert waren. Letzteres gilt auch und in besonderem Maße für die sogenannte Gesundheitsvorsorgeuntersuchung (GESU) und deren Dokumentation auf Muster 30 der KBV: Hier stimmen die in der Eigen- und Familienanamnese abgefragten Diagnose- und Organbereiche nicht mit der Auswahl der Neu- und Verdachtsdiagnosen n a c h durchgeführter Vorsorge über ein. Vorher-, Nachher-, Verlaufs- oder Ex-post- Analysen und Evaluationen sind gar nicht möglich. Epidemiologen und/oder Statistiker wurden bei Formularerstellung gar nicht erst gefragt, sondern in der Formularstelle fröhlich vor sich hin gestümpert!
Mit freundlichen, kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM in Dortmund
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