Ärzte Zeitung App, 10.03.2014

Medizinethiker Maio

Medizin ohne Freiräume ist eine Bedrohung

BREMEN. Die moderne Medizin ist eine Bedrohung für die Ärzte. Das sagte der Freiburger Medizinethiker, Professor Giovanni Maio, in seiner Rede vor der Bremer Krebsgesellschaft. Maio sprach aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums des Bremer Arbeitskreises Psychosoziale Krebsnachsorge.

"Besonders für Krebspatienten ist es wichtig, dass Ärzte die Medizin als eine Verbindung von Mitmenschlichkeit und Sachlichkeit verstehen", so Maio. Das sei die "Seele der Medizin." In der Ausbildung zum Arzt lernten junge Mediziner eher eine formalistische Medizin, in der nach Algorithmen entschieden wird - anstelle einer medizinischen Heilkunde als "sozialer Praxis", so Maio.

Besonders Krebspatienten litten darunter. Denn sie seien auf den Arzt und seine soziale Kompetenz besonders angewiesen. "Die Diagnose Krebs stürzt Patienten in Unsicherheit und Angst", sagte der Medizinethiker, "und es gehört zu den ärztlichen Aufgaben, diese Patienten aus der Desorientierung wieder heraus zu holen."

Dazu sollten Ärzte in einer "verstehenden Beziehung mit dem Patienten" heraus finden, was für den Einzelnen jetzt wichtig ist. Natürlich benötigten Krebspatienten effektive und kreative medizinische Hilfe.

"Aber der Arzt soll dem Patienten auch vermitteln, dass er mit der Erkrankung ein vollwertiges Leben führen kann." Das ist eine wesentliche Aufgabe für Ärzte. Und dafür bedürfe es Zeit, die sie oft nicht mehr haben, so Maio.

Denn immer mehr Standardisierungsvorgaben bestimmten den Arbeitsalltag von Ärzten. Der individuelle Zugang zu Patienten werde "oft verunmöglicht". Dagegen habe das, wofür Ärzte einmal angetreten sind - in Empathie und Fürsorge für Patienten zu sorgen - im modernen Medizinbetrieb immer seltener eine Chance. Ärzte fänden keine Freiräume mehr, um sich ganz auf den Patienten einzulassen.

"Solche Medizin ist eine Bedrohung für Ärzte", sagte der Medizinethiker.Im Bremer Arbeitskreis Krebsnachsorge treffen sich vier Mal im Jahr Vertreter aus Ärzteschaft, Hospizdiensten, der Pflege, Seelsorge und der Beratung, um über eine bessere Betreuung von Krebspatienten zu beraten. Erstmals traf sich der Arbeitskreis am 31. Januar 1984. (cben)

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