Ärzte Zeitung online, 07.09.2017
 

Geriatrische Reha

Ambulant vor stationär klappt zu selten

Die ambulante geriatrische Reha hat sich in Sachsen-Anhalt aus Sicht von KV-Chef Burkhard John bewährt. Nötig wären weitere Einrichtungen – gerade in Regionen mit vielen multimorbiden Patienten – doch es hakt auf vielen Ebenen.

Von Petra Zieler

Geriatrische Reha: Ambulant vor stationär klappt zu selten

Training einer Patientin im Rehakomplex Schönebeck mit einer Physiotherapeutin.

© zie

SCHÖNEBECK. Probleme erkennen, Chancen nutzen, so der Tenor der zweiten Demografie-Woche in Sachsen-Anhalt. Das Bundesland hat den höchsten Altersdurchschnitt.

Bundesweit gibt es nur wenige ambulante geriatrischer Rehaeinrichtungen, die meisten, jeweils drei, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Grundsatz "ambulant vor stationär" lernen ältere Menschen dort, ihren Alltag nach Unfällen, langen Krankenhausaufenthalten oder schweren Erkrankungen möglichst wieder allein zu bewältigen.

Voraussetzung sind vernetzte Strukturen, multiprofessionelle Teamarbeit von Ärzten, Therapeuten, Sozialarbeitern. Bundesweit Vorreiter war vor mehr als 15 Jahren der AGR Senioren-Rehakomplex Schönebeck (Salzlandkreis), zu dessen Initiatoren Dr. Burkhard John, Vorstand der KV Sachsen-Anhalt, gehörte.

Nicht ins Pflegeheim – dank Reha

Bis dato wurden dort über 3000 Patienten behandelt und so fit gemacht, dass rund 90 Prozent von ihnen weiter in den eigenen vier Wänden leben können. Mehr noch, fast allen der nach Hause entlassenen Patienten blieb das Pflegeheim auf Dauer erspart. Eine Erfolgsgeschichte – für die Patienten, die Protagonisten, aber auch für Kranken- und Pflegekassen.

Burkhard John zeigt sich überzeugt: "Der ambulanten Betreuung Älterer, der Wiederherstellung von wichtigen Alltagsfähigkeiten gehört die Zukunft. Krankenhausaufenthalte können vermieden, Kosten gespart werden. Betroffene und deren Angehörige gewinnen mehr Lebensqualität."

Warum es dennoch nur wenige ambulante geriatrische Rehaeinrichtungen gibt, konnte auch bei einer Gesprächsrunde, zu der das AGR anlässlich der Demografie-Woche eingeladen hatte, nicht geklärt werden.

Fakt ist, wo es, wie in Sachsen-Anhalt einen höheren Aufwand für die medizinische Versorgung alter, multimorbider Patienten gibt, müsse das Geld der Leistung folgen.

Zwar konnte auch Tino Sorge, CDU-Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Gesundheitsausschusses, keine finanziellen Zusagen geben, dafür versprach er für die kommende Wahlperiode bessere Versorgungsangebote für die älter werdende Gesellschaft. Es bedürfe aber eines langen Atems, ehe Ideen auf Gesetzesebene Flügel wachsen.

AOK warnt vor Mehrfachstrukturen

Obwohl die AOK Sachsen-Anhalt Mitinitiator des AGR Schönebeck war, übt auch sie nun eher Zurückhaltung und fürchtet aufgrund vorhandener Tageskliniken und geriatrischer Krankenhaus-Angebote teure Mehrfachstrukturen.

Hemmnisse auf Ärzteseite dürften hingegen zusätzliche Investitionen sowie fehlende Vergütungsrichtlinien sein. Probleme gebe es deshalb auch bei der Etablierung geriatrischer Schwerpunktpraxen, die ebenfalls auf eine Komplexbehandlung älterer Patienten abzielt und dazu die Vernetzung von Ärzten, Niedergelassenen- und Klinikärzten, Therapeuten, Pflegediensten und Sozialarbeitern vorsieht.

Burkhard John: "Wenn wir wollen, dass alte Menschen so lange wie möglich in ihrem selbstgewählten sozialen Umfeld leben können, braucht es auf allen Seiten mehr Mut." Dass der Früchte tragen kann, beweisen die Schönebecker seit über 16 Jahren.

Bundesweit hat sich die Abnahme der Kapazitäten in der stationären Rehabilitation fortgesetzt. Allein seit 2010 verringerte sich die Zahl der Einrichtungen um sieben Prozent auf 1148, berichtete jüngst das Statistische Bundesamt.

Die Zahl der Betten sank um vier Prozent auf knapp 165.000. Dagegen lag die Zahl der Patienten in einer stationären Reha im vergangenen Jahr bei 1,98 Millionen – und damit um 0,5 Prozent über dem Wert des Jahres 2010. Ganz anders sieht die Entwicklung bei ambulanten Reha-Maßnahmen aus. Ihre Zahl stieg seit 2010 um 21 Prozent auf rund 148.500.

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