Ärzte Zeitung online, 19.07.2019

Pflegekräfte

Das große Werben

Ohne ausländische Pflegekräfte geht in deutschen Kliniken fast nichts mehr. Bevor sie starten können, müssen sie ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen und ihre Abschlüsse anerkennen lassen. Ein Blick hinter die Kulissen zweier großer Kliniken in München und Augsburg.

Von Thorsten Schüller

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Die Sizilianerin Annalisa Maurici auf der Intensivstation für Neugeborene am Klinikum rechts der Isar.

© Thorsten Schüller

Sie hatte ihr Studium zur Krankenpflegerin beendet, doch Chancen auf einen Arbeitsplatz hat Annalisa Maurici in ihrer sizilianischen Heimat nicht gehabt. Eine zeitlang arbeitete die heute 29-Jährige als Babysitterin. Bis sie per E-Mail Kontakt mit einer Vermittlungsagentur aufnahm.

Die bot ihr erst einen fünfmonatigen Deutschkurs an, dann einen Arbeitsplatz im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Im Juli 2015 packte die junge Frau ihre Koffer, zog in die bayerische Hauptstadt und arbeitet seitdem auf der Intensivstation für Neugeborene.

Ähnlich lief es bei dem Spanier Enrique Martinez Campos. Trotz Uni-Abschluss im Bereich Krankenpflege fand der mittlerweile 32-Jährige in seiner andalusischen Heimat lange keine passende Stelle. Ein Jahr war er arbeitslos, seine Frau lebte weit entfernt in Malaga.

Über eine Vermittlungsfirma machte er schließlich ebenfalls erst einen Deutschkurs, dann startete er Ende 2012 in einem Pflegeheim in Nordrhein-Westfalen, ehe er zweieinhalb Jahre später in die Mund- , Kiefer- und Gesichtschirurgie am Klinikum rechts der Isar nach München wechselte.

Silke Großmann hätte gerne mehr von solchen Fachkräften. Die Pflegedirektorin an dem Uniklinikum kämpft gegen den Mangel – einem Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal. 1491 Stellen sind an der Klinik derzeit besetzt, 113 sind vakant. Die Managerin vergleicht ihre Tätigkeit mit einem Kessel, dessen Boden zahlreiche Löcher hat: Kaum ist eines gestopft, tut sich an anderer Stelle ein neues auf. „Der Mangel an Pflegekräften zieht sich durch alle Bereiche“, sagt Großmann.

Bewerber können heute auswählen – und sind wählerisch. Wenn die Münchener Pflegedirektorin 20 neue Mitarbeiter braucht, führt ihre Abteilung Gespräche mit 40. „50 Prozent springen sowieso wieder ab“, weiß Großmann. Selbst wenn die Kandidaten einen unterschriftsreifen Vertrag erhalten, ist nicht sicher, dass sie die Stelle auch wirklich antreten.

Die größte Hürde ist die Sprache

Sämtliche Stellen mit deutschen Fachkräften zu besetzen ist ohnehin unmöglich. So ist Großmann, wie viele andere Personalverantwortliche in Kliniken, auf ausländische Pflegemitarbeiter angewiesen – trotz aller Herausforderungen, die damit verbunden sind.

Die größte Hürde ist nach ihrer Erfahrung die Sprache. Zwar müssen sämtliche Bewerber den Qualifikationsnachweis B2 mitbringen. Doch für eine reibungslose Kommunikation auf den Stationen reicht das oft nicht aus. Deshalb bietet das Klinikum im eigenen Bildungszentrum weiterführenden Sprachunterricht mit Fokus auf den in der Pflege relevanten Wortschatz an.

Manche akademisch ausgebildeten Fachkräfte sind laut Großmann zudem unzufrieden, wenn sie in der Phase, in der ihre ausländischen Zeugnisse durch die Behörden geprüft werden, nur als Pflegehelfer eingesetzt werden können, also unterhalb ihrer Qualifikationsstufe. Bis zur Anerkennung kann es teilweise bis zu einem Jahr dauern. Erst danach können sie als vollwertige Pflegefachkraft tätig und auch dementsprechend bezahlt werden.

Studie: Viele sind unzufrieden

Das bestätigt auch eine Untersuchung einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie zur betrieblichen Integration von Pflegekräften aus dem Ausland. Demnach herrscht oft große Unzufriedenheit wegen der unterschiedlichen Ausbildungen und der Arbeitsteilung zwischen medizinischem Personal, Pflege- und Hilfskräften.

Insbesondere bei der Ausbildung, dem beruflichen Selbstverständnis und der gewohnten Arbeitsorganisation gebe es große Differenzen. In vielen Herkunftsländern würden Pflegekräfte an Hochschulen ausgebildet. Eine hochqualifizierte schulisch-betriebliche Ausbildung wie sie in Deutschland üblich ist, würden die meisten nicht kennen.

Großmann betont hingegen, dass im Klinikum rechts der Isar die Zusammenarbeit mit den ausländischen Pflegekräften überwiegend problemlos verläuft: „Viele unserer Pflegekräfte mit einem ausländischen Abschluss nutzen erfolgreich die Chance, sich an unserem Klinikum weiter zu qualifizieren, sei es im Bereich der fachlichen Kompetenzen bis hin zur Übernahme von Führungsverantwortung.“

Strengere Dienstpläne

Auch Maurici und Martinez Campos fühlen sich in München gut aufgehoben. Selbst mit dem, wie sie es nennen, strengen deutschen Vorschriften und der Pünktlichkeit haben sie sich arrangiert: „Am Anfang war das schon neu für mich – Dienstpläne regeln die Arbeit auf die Minute genau, auch die Arbeitsinhalte sind exakt definiert“, sagt Maurici. „Aber im Grunde finde ich das deutsche System gut so.“

Der Sizilianerin gefällt auch, dass die Ärzte, im Gegensatz zu Italien, die Meinung des pflegenden Personals zu Patienten einholen. Und der Spanier Martinez Campos weiß mittlerweile sogar, was eine deutsche Haftpflichtversicherung ist. „Haftpflicht? Ich hatte nie davon gehört. Als alle sagten, so etwas brauchst du, habe ich eben so einen Vertrag abgeschlossen.“ Auch die Fernbeziehung zu seiner Frau hat ein Ende – sie arbeitet heute in derselben Klinik.

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Der Spanier Enrique Martinez Campo arbeitet in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie

© Thorsten Schüller

Personaler sehen allerdings mit Sorge, dass einige ausländische Mitarbeiter nach einer Weile wieder in ihr Heimatland zurückgehen – sei es aus Heimweh, aus familiären Gründen oder auch, weil sie durch ihre Tätigkeit in Deutschland ihre beruflichen Chancen in der Heimat verbessert haben. Auch die Italienerin Maurici treibt dieser Gedanke gelegentlich um: „Mein Bauch sagt ja, mein Kopf sagt nein“, sagt die Kinderkrankenpflegerin.

„Meine ganze Familie lebt in Italien. Andererseits: Eine Arbeit würde ich dort heute wohl auch nicht finden.“ Aktuell ist eine Rückkehr für sie daher kein Thema – auf ihrer Station fühlt sie sich wohl, sie ist in München gut verankert und ihr Freund wohnt ebenfalls an der Isar. Enrique Martinez Campos hingegen könnte sich vorstellen, nach vielleicht drei Jahren in seine Heimat zurückzukehren, zumal er mit jedem Tag in München Punkte sammelt, die seine Qualifikation und damit auch seine Chancen auf einen Job in Spanien steigern.

Die nackten Zahlen sprechen eine ähnliche Sprache: „Seit 2015 wurden insgesamt 204 spanische und italienische Pflegekräfte am Klinikum rechts der Isar eingestellt, davon sind heute noch 131 Pflegekräfte bei uns tätig“, sagt Großmann. Die meisten ausländischen Pflegekräfte kommen übrigens aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Mitarbeiterbindung ist in diesem Zusammenhang für die Personalverantwortlichen ein entscheidendes Schlagwort. Susanne Arnold, kommissarische Pflegedirektorin am Universitätsklinikum Augsburg, hält es für wichtig, den ausländischen Fachkräften insbesondere am Anfang bei ihrer sozialen Integrierung zu helfen. „Wir unterstützen sie bei der Wohnungssuche, begleiten sie auf Ämter und machen das ein oder andere kulturelle Programm.“ Auch die Eingliederung in die jeweiligen Teams sei von großer Bedeutung, damit sich die ausländischen Mitarbeiter wohlfühlen. Künftig will die Managerin zudem einen dreiwöchigen Einführungskurs ins Leben rufen, in dem neben der Bekanntschaft mit der deutschen Kultur auch die Verbesserung der Sprachkenntnisse und die Einarbeitung auf der Agenda stehen sollen.

All dies verlangt allerdings Ressourcen, also Personal und Zeit. Um den Bedarf an Pflegepersonal zu decken – jährlich müssen allein am Augsburger Klinikum nach den Worten Arnolds etwa 80, 90 Stellen besetzt werden – bildet das Klinikum zudem selber aus. Doch der Bedarf nimmt tendenziell zu, auch weil die Klinik seit Anfang des Jahres in den Status einer universitären Einrichtung erhoben worden ist und die Intensivkapazitäten weiter ausgebaut werden.

Problem Wohnungsnot

Ein Problem können aber weder Großmann noch Arnold lösen – die Wohnungsnot. „Wir haben in München einfach nicht genug bezahlbare Wohnungen“, sagt Großmann. „Und ohne Wohnungen kriegen wir keine neuen Pflegekräfte hierher.“ Die Folgen gehen so weit, dass Stellen nicht besetzt werden können und somit Betten aufgrund Personalmangels nicht belegt werden dürfen. Auch in Augsburg ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ein großes Problem, sagt Arnold.

Darüber hinaus treibt Großmann noch ein anderes Thema um – Zeitarbeitsfirmen, die eigene Pflegekraftkräfte an die Klinik entsenden. Mehr als 50 Stellen sind im Rechts der Isar derzeit auf diese Weise besetzt. Das Problem: Die bei diesen Firmen angestellten Mitarbeiter verdienen in der Regel deutlich besser als bei einer Direktanstellung im Klinikum.

Zum anderen liegen auch die Gesamtkosten, die die Klinik hat, deutlich höher, da die Leasingunternehmen selbst einen Teil des Geldes für sich verbuchen. Das ist auch der Grund, weshalb man am Augsburger Klinikum die Dienste der Zeitarbeitsfirmen nicht mehr in Anspruch nimmt.

Stattdessen plädieren die beiden Pflegedirektorinnen dafür, mehr für die Anerkennung und Attraktivität des Pflegeberufes zu tun. Arnold listet dafür ein ganzes Bündel an Vorschlägen auf: Neben einer besseren Bezahlung für Sonn- und Feiertagsarbeit plädiert sie für eine Reduzierung der Arbeitsbelastung, weniger Überstunden, bessere Karrieremöglichkeiten und mehr Zeit, die die Pfleger mit den Patienten verbringen können.

Unabhängig davon ist sie schon jetzt mit ihren Anwerbeversuchen erfolgreich. Im vergangenen Jahr hat Arnold 60 Anerkennungspraktikanten ans Augsburger Klinikum geholt, darunter acht philippinische Pflegekräfte, die mit Hilfe einer Vermittlungsfirma nach Schwaben kamen. Für dieses Jahr steht die Rekrutierung von 25 Italienern an.

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