Ärzte Zeitung online, 30.03.2017
 

Neue Leistungen

Psychotherapie-Richtlinie steht vor holprigem Start

Der Start der neuen Psychotherapie-Richtlinie am 1. April löst bei den Beteiligten keine Begeisterung aus. Die Kritik überwiegt.

Von Anno Fricke

Psychotherapie-Richtlinie steht vor holprigem Start

Ab 1. April gelten die neuen Psychotherapie-Leistungen.

© shootingankauf / Fotolia

BERLIN. Am Wochenende tritt die Novelle der Psychotherapie-Richtlinie in Kraft. Freude löst das Datum bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) nicht aus. KBV-Chef Dr. Andreas Gassen kündigte eine Klage an. Streitpunkt sind die im Erweiterten Bewertungsausschuss von der Kassenseite und dem neutralen Schlichter gegen das Votum der KBV durchgesetzten Vergütungsregeln.

Neue Leistungen der Psychotherapie

EBM-Nr. 35151: Psychotherapeutische Sprechstunde, je vollendete 25 Minuten, 406 Punkte

EBM-Nr. 35152: Psychotherapeutische Akutbehandlung, je vollendete 25 Minuten, 406 Punkte

EBM-Nr. 35254: Zuschlag zu den EBM-Nrn. 35151 und 35152, 69 Punkte (honorierbar je nach Auslastung der Praxis)

Dass die neuen Leistungen Sprechstunde und Akuttherapie nun mit nur 42,75 Euro für 25 Minuten nun 1,53 Euro weniger bringen sollen als 25 Minuten Richtlinientherapie bezeichnete Gassen am Donnerstag als "versorgungsfeindlich". Die neuen Instrumente starteten damit von Beginn an "unterfinanziert".

Der Beschluss im Erweiterten Bewertungsausschuss unterlaufe die Absicht des Gesetzgebers, einen niedrigschwelligen Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung zu schaffen, ergänzte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister. Er gehe davon aus, dass die Therapeuten nicht mehr als die von der Richtlinie geforderten 100 Minuten für therapeutische Sprechstunden in der Woche anbieten werden. Die Praxen seien auch ohne die neuen Angebote schon ausgelastet.

Die Bewertung der Akutbehandlung, die ja Klinikeinweisungen vermeiden helfen solle, sei von den Kassen fachlich falsch eingeschätzt, zeigte sich der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer Dr. Dietrich Munz enttäuscht.

Auf Kassenseite zeigt die Kritik keine Wirkung. "Wir erwarten, dass Psychotherapeuten zukünftig Sprechstunden in ausreichendem Umfang für die Patienten anbieten", sagte GKV-Spitzenverbandsvorstand Johann-Magnus von Stackelberg am Donnerstag. Die Terminvergabe durch die Terminservicestellen der KVen sei eine Verbesserung für die Versicherten.

Skepsis am Erfolg der Richtlinie äußerte der neue Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde Professor Arno Deister. "Sie wird in dem Maße erfolgreich sein, in dem sie es schafft, die Verbindung der Sektoren zu verbessern", sagt Deister im Interview mit der "Ärzte Zeitung".

Der GKV-Spitzenverband hält dagegen. In einem Statement zu den neuen Leistungen im Bereich der ambulanten Psychotherapie konterte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes: „Die gestern vom Bewertungsausschuss beschlossenen Vergütungen der psychotherapeutischen Sprechstunden und der Akutbehandlungen sowie weitere Neuregelungen führen zu zusätzlichen Einnahmen der Psychotherapeuten von ca. 100 Millionen Euro."

Bei durchschnittlich 23 durchgeführten Therapiestunden pro Psychotherapeut pro Woche sei noch Luft nach oben. "Es ist bedauerlich, dass die KBV reflexhaft über zu wenig Geld jammert, nur weil die Beitragszahler über ihr nicht das Füllhorn ausschütten“, so Lanz.

Die Psychiatrie steht in diesem Jahr noch mehrmals im Mittelpunkt. Der Weltgesundheitstag am 7. April ist der "Volkskrankheit Depression" gewidmet. Bis zum 30. Juni müssen die Vorgaben für die Umsetzung eines Gesetzes stehen (PsychVVG), das das Home Treatment psychiatrischer Patienten ermöglicht.

[30.03.2017, 17:34:06]
Gerhard Leinz 
Hinrloses Eigentor
Die Krankenkassen wollen die "Akutbehandlung". Das war als "Riesenfortschritt" angekündigt. Doch die Therapeuten, die diese Leistungen erbringen werden nun bestraft, da die niedriger vergütete Akutbehandlung ( (812 Punkte) auf die Zahl der abrechenbaren psychotheraopeutischen Leistungen (841 Punkte) angerechnet wird. Das heißt die Therapeuten verlieren pro Sitzungen Akutbehandlung ca. (841-812) = 29 X 0,10 = 2,9 Euro. Das ist für Therapeuten schon relevant bei dem im Vergleich zu anderen Arztgruppen unterirdischen Einkommen!
Glauben die Krankenkassen tatsächlich, das die mit viel "Tantam" angekündigte neue Leistung "Akutbehandlung" in relevanten Umfang erbracht werden wird? Oder ist geplant die Psychotherapeuten verstärkt die Verantwortung ("machen nicht das was Sie sollen") für die steigenden Zahlen der Krankenhausbehandlungen bei psychischen Störungen zu "überlassen"?

Gerhard Leinz - Kiel zum Beitrag »

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