Ärzte Zeitung online, 03.11.2017
 

Notfallversorgung

Abklärungspauschale wird von Kliniken kaum angesetzt

4,74 Euro für einen Patienten, der aus dem Notdienst an die reguläre ambulante Versorgung verwiesen wird: Den Kliniken war das immer zuwenig. Dass sie diese Leistung aber so gut wie gar nicht abrechnen, kommt jetzt doch überraschend.

Von Christoph Winnat

Abklärungspauschale wird von Kliniken kaum angesetzt

Fehl am Platz? Viele Patienten sehen in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser eine Anlaufstelle, wenn sie akut erkrankt sind und nicht sofort einen Arzttermin bekommen können.

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

BERLIN. Die Anfang April dieses Jahres eingeführte sogenannten "Abklärungspauschale" zur Notfallversorgung (EBM-Ziffern 01205 und 01207) befeuerte zunächst einmal vor allem einen alten Streit: Ambulant tätige Ärzteschaft und Krankenhäuser sind traditionell über Kreuz, was Patientensteuerung und Honorarverteilung im Notdienst betrifft.

Während die Kliniken übervolle Ambulanzen beklagen, entgegnen die Vertragsärzte, hier würden zahllose Patienten versorgt, obwohl sie ohne echte Notfallindikation vorstellig werden. Den Kliniken, so rechnete unlängst etwa das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) vor, sei der Run auf die Ambulanzen ganz willkommen, um insbesondere in Regionen mit hoher Bettendichte Kunden zu gewinnen.

Laut KBV lassen nun erste Zahlen eine mehr als verhaltene Anforderung der Abklärungspauschale erkennen: Bislang werde die Pauschale "in weniger als einem Prozent der Fälle" abgerechnet, ließ KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister am Donnerstag verlauten. Alle anderen Patienten, unkt Hofmeister, "scheinen offenbar so schwer krank zu sein, dass sie in den Notaufnahmen weiterbehandelt werden müssen". Dagegen sprächen jedoch "zahlreiche Statistiken". Insofern sei die Aufregung der Kliniken über die vermeintlich zu geringe Dotierung der Abklärungspauschale "ein Sturm im Wasserglas". Dass die Abklärungspauschale "offenbar seltener verwendet wird", deute darauf hin, erläutert KBV-Sprecher Roland Stahl, "dass das Problem angeblich übervoller Notfallambulanzen offenbar bundesweit nicht so besteht wie immer gerne behauptet".

Unter Berufung auf nationale Abrechnungsdaten sowie nationale und internationale Studien macht KBV-Vize Hofmeister geltend, "etwa zehn Prozent der Patienten, die eine Notfallambulanz im Krankenhaus aufsuchen, benötigen keine dringliche Diagnostik und Therapie".

Was die Kliniken nun aber bei denjenigen Patienten abrechnen, die sie eigentlich an die ambulante Versorgung zu verweisen hätten, oder ob sie einfach nur Honorar – in Hofmeisters Worten "neues Geld für eine Leistung, die erbracht wird" – liegen lassen, war trotz wiederholter Nachfrage bei der KBV nicht in Erfahrung zu bringen. "Wir sind gerade am Anfang der Validierung", entschuldigte sich Stahl.

Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), bezeichnete Hofmeisters Äußerungen als Versuch, "indirekt den Krankenhäusern zu unterstellen, falsch abzurechnen". Das, so Baum, sei "schlicht eine Frechheit". Die Abklärungspauschale – Baum wörtlich: "Wegschickgebühr" – sei "ein Hohn für die Ärzte in den Notaufnahmen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Patienten auch in den Sprechzeiten von niedergelassene Ärzten in die Kliniken geschickt werden und damit natürlich Behandlungen auslösen, die über eine Abklärung hinausgehen."

[05.11.2017, 10:56:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
KBV-Abklärungspauschale - Lachnummer einer "Komischen Bundes-Vereinigung"?
Die neue Abklärungspauschale in den Klinik-Notfallambulanzen kann bei dem Massenansturm von Notfallbehandlungen im von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) dilettantisch kalkulierten Zwei-Minutentakt nicht funktionieren.

Ist es Naivität oder Ignoranz, wenn neben dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), dem Orthopädie-Kollegen Dr. med. Andreas Gassen, auch der Hausarzt-Vertreter in der KBV, der 2. Vorstandsvorsitzende Kollege Stephan Hofmeister behauptet, die Abklärungspauschale sei „nach wie vor nicht richtig verstanden“ worden? Diese Pauschale sei eingeführt worden, weil es angeblich Fälle gebe, in denen Patienten mit Bagatellerkrankungen oder nur für ein Rezept eine Notfallambulanz aufsuchten.

Gassen weiter: „Diese Pa­tien­ten soll der Kran­ken­hausarzt dann zum niedergelassenen Arzt schicken. Für diese Abklärung hat das Krankenhaus bisher kein Geld bekommen“, ist eine krasse Fehleinschätzung. Denn selbstverständlich wurden derartige "Bagatellfälle" zur Quersubvention aufwändiger echter Notfälle voll abgerechnet, entsprechend dem gleichmacherischen Durchschnitts-Vergütungs-Prinzip mit Regelleistungsvolumina (RLV) in der haus- und fachärztlichen, vertragsärztlichen Praxis.

Im Wortlaut heißt es bei der KBV: "Abrechnungshinweise zur Abklärungspauschale GOP 01205 und 01207 - Die Abklärungspauschale kann abgerechnet werden, wenn ein Patient in die reguläre vertragsärztliche Versorgung weitergeleitet werden kann, weil er kein Notfall ist. Damit wird die Abklärung der Behandlungs-Notwendigkeit und Koordination der weiteren Behandlung vergütet.
Die Ausschlüsse sind die gleichen wie bei den bestehenden Notfallpauschalen (GOP 01210, 01212, 01214 und 01216 und 01218). Zudem dürfen neben der Abklärungspauschale nicht die EBM-Kapitel 33, 34, und 35 (bildgebende Diagnostik) abgerechnet werden." (Zitat Ende) http://www.kbv.de/html/1150_25783.php

Von der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft (DKG) und vielen Ärzte-Verbänden wird als Aprilscherz kritisiert, dass die beiden folgenden Gebührenordnungspunkte zum 1. April 2017 im Einheitlichen Bewertungsmaßstab EBM nicht annähernd korrekt kalkuliert wurden:

- GOP 01205: berechnungsfähig am Tag (Tag = 7-19 Uhr; ohne Wochenenden, Feiertage & 24./31.12); Bewertung: 4,74 Euro (45 Punkte); einmal im Behandlungsfall
- GOP 01207: berechnungsfähig in der Nacht (Nacht = 19-7 Uhr; ganztägig an Wochenenden, Feiertagen & 24./31.12); Bewertung 8,42 Euro (80 Punkte); einmal im Behandlungsfall

bilden nicht mal ansatzweise Bereitschafts-, Untersuchungs- und Abklärungs-Aufwendungen bzw. Kosten für "die Abklärung der Behandlungs-Notwendigkeit und Koordination der weiteren Behandlung" ab. Denn schließlich besteht bei jeder Art von Behandlungsvertrag mit Patientinnen und Patienten eine Fürsorge- und Garantenpflicht seitens des verantwortlichen und koordinierenden Arztes für die angemessene Versorgung und gezielte Weiterleitung.

Solch banale, grundlegend arztrechtliche Tatsachen müssten eigentlich einem KBV-Vorstand bekannt sein. Stattdessen besteht nach betriebswirtschaftlichen Kalkulationen allein mit der Vorhaltung, Einrichtung, Ausstattung und logistisch-personellen Besetzung von klinischen Notfallambulanzen ein krasses Minusgeschäft. Nur die schlichte Eingabe der Abklärungspauschale-Abrechnungs-Ziffern in ein hochgerüstetes EDV-System generiert schon keinen angemessenen Honorarumsatz!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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