Ärzte Zeitung online, 17.03.2017

Zukunft

Mensch und Maschine vor der Fusion

Müssen Ärzte in der Zukunft Mischwesen – halb Mensch, halb Roboter – behandeln? Der Technikexperte Gerd Leonhard wagt eine Prognose.

Von Christina Bauer

MÜNCHEN. "Sind wir die letzten nicht-augmentierten Menschen?" Technologieforscher und Berater Gerd Leonhard befasste sich beim diesjährigen Kongress der Stiftung Münch mit der Fusion von Mensch und Maschine. Meist seien Smartphone, Medizingerät und Co. heute noch außerhalb des Körpers. Es gebe aber auch bereits Beispiele einer physischen Verknüpfung. Das gelte längst nicht mehr nur für Kranke. Leonhard führte Beispiele aus den USA an. Dort hätten sich bereits Gesunde die Beine amputieren lassen, um leistungsfähigere Prothesen anzubringen.

Entwicklung exponentiell

Die medizintechnische ebenso wie die EDV-Entwicklung schreite schnell voran, so der Forscher. Maschinen würden rasch leistungsfähiger und preiswerter. Das sei keine lineare Entwicklung, sondern eine exponentielle. Typisch für solche Entwicklungen sei, dass die mittelfristigen Veränderungen meist überschätzt würden. Diev langrfristigen – Leonhard nennt einen Zeitraum von zehn Jahren – würden aber unterschätzt. Eine Änderung könne zu Beginn unauffällig anrollen, dann jedoch rasant enorme Maße annehmen. Leonhard betonte, die Gesellschaft werde sich dazu verhalten müssen. "Technik hat keine Ethik". Es sei Aufgabe von Menschen, Firmen und Gesellschaften, die sich aus dem Fortschritt ergebenden Fragen zu diskutieren. Etwa die, was Maschinen autonom können dürfen und was nicht. Oder die, bei welchen Prozessen eine Automatisierung sinnvoll sei

Drei Bereiche sieht der Forscher als Innovationsmotoren an: Zum einen die künstliche Intelligenz (KI) mit selbstlernenden Systemen. Zudem die Möglichkeit der Manipulation von Genen durch die CrisprCas9-Technik. Schließlich das sogenannte Internet der Dinge. Gerade diese Faktoren bildeten die Basis für weitreichende Veränderungen naher Zukunft. In etwa 25 Jahren, meint Leonhard, müsste die Verknüpfung des menschlichen Neokortex mit Computerprogrammen möglich sein. Bis dahin werde der ständige vernetzte Austausch längst eine völlige Selbstverständlichkeit sein.

Die Online-Vernetzung werde zum selbstverständlichen Lebenselement. Die medizinische Versorgung könne von Innovationen profitieren. Mit großen Datenmengen gefütterte Systeme könnten Diagnostik und Therapie maßgeblich verbessern. Kein Arzt könne allein je über eine vergleichbare Expertise an Fällen verfügen. Zudem ließen sich Ressourcen sparen. Das sei gerade angesichts einer alternden Gesellschaft, drohenden Fachkräftemangels und ständig steigender Kosten bedeutsam. So können telemedizinische Angebote dazu beitragen, dass ein Arzt überall Patienten behandeln kann. Derselbe Arzt könne dann mehr Menschen betreuen, oder dem einzelnen mehr Zeit widmen. Schließlich böten die Entwicklungen einigen Firmen die Möglichkeit, sehr viel Geld zu verdienen. Erstmals seien 2016 weltweit mit Daten größere Summen umgesetzt worden als mit Erdöl.

Gegenargument Datenschutz

Gesellschaften eigneten sich neue Technologien unterschiedlich schnell an. Insbesondere würden Pro- und Contra-Argumente jeweils anders gewichtet. Bedeutsame Gegenargumente technologischer Innovation seien vor allem Datenschutz-, Ausspähungs- und Kontrollrisiken. Menschen müssten die Frage beantworten, inwiefern Neuerungen eine Er- oder Entmächtigung für sie bedeuteten. Ob etwa eine omnipräsente Technologiebeeinflussung die persönliche Entscheidungsfreiheit einschränken und damit zur totalitären Kontrolle ausarten könne. Die EU-Position, digitale Grundrechte zu erarbeiten, hält Leonhard für sinnvoll. Zudem stelle sich die Frage, ob es bald so etwas geben müsse wie eine Human Protection Agency. Innovationen sollten Raum lassen für menschliche Ineffizienz. "Wir sollten Technologie nutzen, nicht Technologie werden."

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