Ärzte Zeitung online, 05.09.2019

Digital Health

Medizin der Zukunft im Visier

Die Zeichen der Zukunft stehen in der Versorgung klar auf Digitalisierung. Wohin die Reise gehen könnte, zeigte der Healthcare Hackathon in Berlin.

Von Sarah Weckerling

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Professor Jörg Debatin, Chairman des Health Innovation Hub, eröffnete den Healthcare Hackathon Berlin. Sarah Weckerling

© Sarah Weckerling

BERLIN. Unter dem Motto „Gesundheit neu denken“ hat der erste Berliner Healthcare Hackathon Anfang September digitale Lösungen für die Zukunft der Versorgung interaktiv an die Öffentlichkeit gebracht.

Insgesamt 25 Entwickler-Teams hatten sich mit ihrer jeweiligen technischen Neuerung angemeldet und bekamen vor Ort 24 Stunden Zeit, um im lockeren Wettbewerb ihr Projekt mit Unterstützung von Gesundheitsexperten und Fachpersonal aus IT-Unternehmen wie Google und IBM um neue Features zu erweitern und zu optimieren.

Auf die Stockwerke der Berliner Kalkscheune verteilt arbeitete man in fünf verschiedenen, offen zugänglichen Themenbereichen: Notfallmedizin, Pflege, Künstliche Intelligenz, Apps und Robotik. Besucher konnten den Entwicklern dabei jederzeit über die Schulter schauen. Im Laufe der Wettbewerbszeit fanden einige Teams in gemeinsamer Mission zusammen, sodass am Ende 22 verschiedene Projekte gegeneinander antraten.

„Wollen Innovationen erlebbar machen“

„Wir wollen hier die Innovation im Gesundheitswesen erlebbar machen und jungen Talenten die Gelegenheit geben, mit ihrem Know-how in spielerischer Atmosphäre zu experimentieren. Wir zeigen, was möglich wird, wenn man die Entwickler fachlich unterstützt und einfach mal machen lässt“, sagte Dirk Uphus, Leiter des IT-Servicecenters der Universitätsmedizin Mainz, bei einer öffentlichen Führung vor Ort.

Den Hackathon in Berlin organisierte der Health Innovation Hub des Gesundheitsministeriums unter der Schirmherrschaft von Gesundheitsminister Jens Spahn. Das große Hauptevent wurde angelehnt an jene Hackathons, die bereits im Juni dieses Jahres in Mainz sowie in den vergangenen drei Jahren in Kiel stattgefunden haben.

Die Idee stammt ursprünglich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und hat sich sich seither zum Kieler Exportschlager entwickelt.

Notfall-App für Ersthelfer

Unter den in Berlin weiterentwickelten Lösungen befanden sich zahlreiche innovative Apps wie beispielsweise eine Notfall-App, die registrierte Ersthelfer per GPS direkt zum Ort des Geschehens lotst, und eine Einarbeitungs-App für Pflegekräfte, in der Schulungsvideos per QR-Code abgerufen werden können. Die Resultate wurden auf dem Publikumstag am 3. September vorgestellt und anschließend von einer Fachjury prämiert.

Mehrere Teams erhielten die Chance, die weitere Umsetzung ihres Projekts künftig mit Entscheidungsträgern zu besprechen. So übernahm Professor Claudia Schmidtke, Patientenbeauftragte der Bundesregierung, die Schirmherrschaft über eine App, die alle mit der ePA verbundenden Patientenrechte im digitalen Gesundheitswesen systematisch mit einer Cloud-Technologie abbilden und verwalten möchte, damit der Patient die Hoheit über seine Daten behält.

KI-gestütztes Stethoskop

Im ambulanten Bereich überzeugte unter anderem das Team „Sanascope“, das ein KI-gestütztes Stethoskop zur schnelleren und genaueren Erkennung von Lungenentzündungen entwickelte. Das Team wird nun versuchen, sein Produkt für die ländliche Versorgung umzusetzen.

Auch die App „Ärztelatein ADE“, die medizinische Fachsprache für Patienten verständlich machen möchte, wurde prämiert: Das Team wird zu einem Workshop nach Mainz fahren, um sein Produkt im Bereich Design Thinking auf den neuesten Entwicklungsstand zu bringen.

Jens Spahn zeigte sich bei seinem Besuch besonders beeindruckt von einer KI-gestützten App zur Schichtplanoptimierung im Krankenhaus. Das Entwicklerteam hinter dem Projekt gewann einen moderierten KI-Workshop beim BMG. Über einen weiteren eintägigen Workshop und Besuch beim BMG durfte sich aus dem Bereich Pflege auch das Team für die digitale Gesten-gestützte Pflegedokumentation freuen.

„Jeder, der schon einmal eine Keimkrise im Krankenhaus miterlebt hat, weiß, was es bedeutet, wenn man alles ohne Berührung und ohne Stift und Zettel dokumentieren kann, kommentierte Professor Jörg Debatin, Chairman des Health Innovation Hub.

Budget erhöht

Noch während der Entscheidungsphase erhöhte die Jury in Abstimmung mit dem BMG das Budget für die Sachpreise von ursprünglich 20.000 auf 25.000 Euro.

Im Unterschied zu klassischen Preisverleihungen gab es kein Podium, wie Professor Debatin berichtet: „Wir haben geschaut, welcher Preis zu welchem Projekt passt, insofern gibt es keinen ersten, zweiten und dritten Platz, sondern insgesamt 12 Gewinner.“

Alle teilnehmenden Teams wurden abschließend dazu aufgerufen, nun konkrete Geschäftsmodelle zu erarbeiten, um bei einem weiteren Hackathon im nächsten Jahr wieder dabei zu sein und der Öffentlichkeit ihre Fortschritte zu demonstrieren.

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