Ärzte Zeitung, 27.08.2010
 

Interview

"Heiße Tipps bringen Anlegern nur wenig"

Die goldenen Zeiten in den 90er Jahren werden so bald nicht wieder kommen. Das Auf und Ab an den Märkten macht es schwer, hohe Renditen an der Börse zu erzielen. Wie Anleger dennoch erfolgreich sein können, erläutert Dr. Ulrich Stephan von der Deutschen Bank im Interview.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Stephan, Bankmanager sind doch geradezu prädestiniert, als Geldanleger erfolgreich zu sein. Sie haben meistens etwas Geld zur Anlage übrig, und sie kennen sich bestens aus. Wo sind Sie mit Ihrem Geld unterwegs?

Dr. Ulrich Stephan: Ich versuche beide Enden der Skala zwischen Sicherheit und Rendite abzudecken. Zum einen habe ich eine Immobilie in einer Kleinstadt, die ich gut kenne, zur Vermietung gekauft. Das ist bodenständig.

"Heiße Tipps bringen Anlegern nur wenig"

"Auch die vergangenen zehn Jahre waren für Anleger kein verlorenes Jahrzehnt." Dr. Ulrich Stephan, Global Chief Investment Officer

© Sven Bratulic

Auf der anderen Seite investiere ich mit mehr Renditechancen, wofür ich auch etwas mehr Risiko in Kauf nehme, in Aktien und Unternehmensanleihen. In der Mitte des Marktes bin ich nur wenig investiert, Staatsanleihen beispielsweise bringen so wenig Rendite, dass nach Abzug von Inflationsrate und Steuern Anleger sogar eine gewisse Kapitalvernichtung in Kauf nehmen.

Ärzte Zeitung: Und haben Sie auch heiße Tipps für Ärzte, die zur Deutschen Bank kommen?

Stephan: Solche Tipps für Investments sind immer mit Vorsicht zu genießen. Die Anlage von Geld ist etwas, an das man sehr diszipliniert und mit Professionalität herangehen muss. Für Anleger ist es wichtig, ihre Präferenzen zu kennen und zu wissen, welche Risiken sie in Kauf nehmen wollen und können. Diese Faktoren sollten kontinuierlich überprüft und angepasst werden. Bei der Geldanlage ist es wie beim Arzt, der nach der Anamnese weiß, welches Medikament dem Patienten am besten hilft. Nur kann es sein, dass die Behandlung nicht anschlägt oder Nebenwirkungen auftreten.

Ärzte Zeitung: Leben wir in guten Zeiten für Anleger? In den vergangenen zehn Jahren ging es ganz nach oben, dann wieder runter und wieder hoch. Nun ist der Dax mal wieder unter 6000 Punkte gefallen. Sitzen wir jetzt schon wieder auf dem absteigenden Ast?

Dr. Ulrich Stephan

Aktuelle Position: Global Chief Investment Officer der Deutschen Bank für Privat- und Geschäftskunden.

Werdegang/Ausbildung: Dr. Stephan stammt aus einer Medizinerfamilie. Studium der Betriebswirtschaft und VWL; Trainee-Programm bei der Deutschen Bank; 1997 Promotion an der Uni Köln und am MIT.

Karriere: Ab 2001 bei der Deutschen Bank Chief Investment Officer für Anlagestrategien und Portfoliomanagement (Privatkunden); ab 2008 Leitung Private Banking (Privatkunden).

Privates: verheiratet, 4 Kinder

Stephan: Zunächst möchte ich sagen, dass die ersten zehn Jahre des neuen Jahrhunderts kein verlorenes Jahrzehnt für Geldanleger waren, wie es gelegentlich gesagt wird. Das gilt nur für bestimmte Indizes wie etwa den Dax. Aber schon beim MDax sieht es anders aus, und erst recht in einigen Emerging Markets, also den Ländern, die auf dem Sprung stehen, Industrieländer zu werden.

Ärzte Zeitung: Und die aktuelle Lage?

Stephan: Die ist gar nicht so schlecht. Im zweiten Quartal haben wir ein hohes Wachstum in Deutschland gehabt und es gibt nicht fünf Millionen Arbeitslose, wie erwartet wurde, sondern 3,4 Millionen. Sicher ist das immer noch zu viel, aber die Lage ist nicht mit der Situation in den Jahren nach 1929 zu vergleichen, als die große Weltwirtschaftskrise kam. 82 Prozent der Unternehmen lagen mit ihren Quartalsberichten oberhalb der Erwartungen. Wir hören aus den Unternehmen, dass die meisten gut dastehen und auch in den kommenden Monaten ausreichend Gelegenheit haben werden, Geschäfte zu machen. Für dieses Jahr prognostiziert die Deutsche Bank 3,5 Prozent Wachstum in Deutschland, für 2011 immer noch 1,5 Prozent. Dann werden wir leicht über dem Niveau vor Beginn der Krise liegen.

Ärzte Zeitung: Und warum fällt dann der Dax, wenn es fast allen Unternehmen so gut geht?

Stephan: Es gibt natürlich auch Risiken. In den USA bleibt das Wachstum etwas hinter den Erwartungen zurück. Wenn die USA nicht verstärkt Arbeitsplätze aufbauen, dann könnte der Aufwärtstrend der Kapitalmärkte in der Tat schwächer werden. Zeiten wie in den 80-er und 90er Jahren, als Anleger bei einer kleinen Kursdelle kaufen und dann den Wert im Depot liegen lassen konnten, sind vorbei. Anleger müssen heute wesentlich aktiver beobachten und reagieren.

Ärzte Zeitung: Wie soll das ein Arzt schaffen, der einen Zwölf-Stunden-Tag hat?

Stephan: Es gibt sicher auch Ärzte, die intensiv und auch erfolgreich auf dem Kapitalmarkt aktiv sind. Aber wenn man versucht, alle Geschehnisse am Markt genau zu verfolgen, da kann man schon die Orientierung verlieren. Manchmal muss man einfach mal einen Schritt zurücktreten und sich überlegen, was da eigentlich gerade wirklich passiert.

Ich empfehle Anlegern, die das nicht wollen, sich zunächst über ihre Ziele klar zu werden - was wollen sie mit der Geldanlage erreichen? Zweitens müssen sie wissen, welche Risiken sie tragen können und welche sie tragen wollen - sie müssen mit ihren Anlagen ja auch noch gut schlafen können. Und schließlich geht es darum, sich jemanden zu suchen, der das Geld nach den eigenen Präferenzen und dem gewählten Risikoprofil professionell anlegt.

Die konkreten Anlageentscheidungen können im Dialog getroffen werden. Man kann auch einer Bank oder an einem Vermögensverwalter ein Mandat über die Anlage erteilen, das einen Rahmen absteckt. Natürlich wird auch dann regelmäßig besprochen, ob sich die wirtschaftlichen, privaten oder beruflichen Umstände geändert haben, was eine Anpassung der Strategie erforderlich machen könnte.

Ärzte Zeitung: Das setzt viel Vertrauen beim Anleger voraus. Ist das nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre und nach manch kritischem Bericht in der Presse noch vorhanden?

Stephan: Anleger können Vertrauen haben, wenn der Berater zunächst verstehen will, wo die Risikopräferenzen liegen. Dann ist es wichtig, dass die Angebote transparent sind, dass zum Beispiel Funktion, Kosten und Risiken in aussagekräftigen Produktinformationsblättern erläutert werden. Und es sollte regelmäßig begleitende Gespräche geben, in denen die Risiken und die Erwartungen abgeglichen werden.

Ärzte Zeitung: Auch wenn Sie "heiße Tipps" ablehnen - haben Sie vielleicht doch noch den einen oder anderen konkreten Hinweis für Anleger? Sie hatten ja selbst beschrieben, dass Sie sich eine Immobilie zur Vermietung gekauft haben. Könnte das eine Option für viele Anleger sein?

Stephan: Immobilien zur Vermietung sind eine interessante Möglichkeit für Investoren, gerade wenn wie jetzt auch die Finanzierungskosten moderat sind. Mit der Miete können Zinsen und Tilgung geleistet werden und im Ruhestand bessert sie die Rente auf. Außerdem sind die Immobilienpreise in Deutschland ja seit Jahren kaum gestiegen. Wichtig ist nur eins: die Lage. Und wer den Aufwand einer Vermietung scheut, Immobilien aber trotzdem für attraktiv hält, für den sind entsprechende Fonds eine Möglichkeit - offene oder geschlossene Immobilienfonds.

Ärzte Zeitung: Sind Zertifikate eigentlich wieder ein Thema für Anleger? Die waren ja nach der Lehman-Pleite erstmal ziemlich verpönt bei Anlegern.

Stephan: Anleger haben in der Krise gelernt, dass sie bei Zertifikaten auf die Bonität des Emittenten achten müssen. Ich weise allerdings immer darauf hin: Die Lehman-Insolvenz hat niemand vorher gesehen. Man kann nicht alles vorhersagen.

Aktuell haben wir ein echtes Sägezahnmuster im Dax: Er pendelt zwischen 5800 und 6300 Punkten hin und her. Gerade mit Zertifikaten kann man einen solchen Marktverlauf durchaus profitabel nutzen. Wichtig ist nur, dass man versteht, wie die Struktur des Papiers funktioniert. Wenn nicht, sollte man es besser nicht kaufen.

Ärzte Zeitung: Bei welchen Aktien lohnt es sich einzusteigen?

Stephan: Interessant ist es, sich Dividendenrenditen von Aktien anzuschauen. Die sind zurzeit teilweise höher als die Renditen auf Unternehmensanleihen. Deshalb kann eine Dividendenstrategie - Papiere zu kaufen, die eine hohe Dividende versprechen - erfolgreich sein. Der Kursverlauf ist nicht allein entscheidend für die Rendite. Anleger sollten allerdings nicht aus Angst vor Verlusten alle Liquidität in Staatsanleihen oder in Tagesgeld parken, wie teilweise zu beobachten ist. Die Renditen in solchen so genannten sicheren Häfen sind so niedrig, dass dort Kapital nach Abgeltungsteuer und Inflation tatsächlich vernichtet wird. Das muss nicht sein.

Das Interview führte Hauke Gerlof.

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