Ärzte Zeitung online, 14.09.2017
 

Weiterbildung

Forschung ohne Nachsitzen

Während der Facharztweiterbildung in der Forschung tätig zu sein und die Zeit auch anerkannt zu bekommen, ist schwierig. Seit 2011/2012 setzt sich ein Modellprojekt der Ärztekammer Westfalen-Lippe genau hierfür ein. Organisatoren und junge Ärzte berichten über ihre Erfahrung.

Von PD Dr. Stephanie Joachim

Forschung ohne Nachsitzen

PD Dr. Stephanie Joachim im Gespräch mit Dr. Carolin Kreis, PD Dr. Andrea Steinbicker, Bettina Köhler (Ressortleiterin Aus- und Weiterbildung ÄKWL) und Dr. Markus Wenning (v. l. n. r.).

© Pressestelle ÄKWL/Dercks

Herr Dr. Wenning, welche Vorgaben gibt es für das Projekt? Was ist die maximale Forschungszeit, die anerkannt werden kann?

Dr. Markus Wenning: Rechtliche Rahmenbedingung ist die EU-Richtlinie 2005/36/EG, Anhang V Nummer 5.1.3., die die Mindestzeiten für die Weiterbildung vorgibt. Solange diese eingehalten werden, ist eine Anerkennung der Forschungszeit möglich. Die von der EU vorgegebene Mindestweiterbildungszeit liegt aber sowieso unter der in Deutschland vorgegebenen. Die Anerkennung von Fremdfächern zeigt auch, dass diese Mindestzeiten Richtwerte sind, die man absenken kann.

Wie genau gestaltete sich Ihr Forschungsaufenthalt während der Weiterbildung, Frau Dr. Steinbicker?

PD Dr. Andrea Steinbicker: Während meiner Weiterbildung war ich zwei Jahre in den USA. In Amerika habe ich zu 100 Prozent in der Forschung gearbeitet und war im Bereich der Anämieforschung tätig, speziell ging es um molekulare Grundlagen der Eisenregulation und um die Entwicklung künstlicher Blutprodukte. Vorher habe ich schon ein halbes Jahr in Münster im Labor gearbeitet und parallel Dienste in der Klinik gemacht. Nachdem ich aus den USA zurückgekehrt war, arbeitete ich Vollzeit in der Klinik. Nach dem Abschluss meiner Facharztweiterbildung nahm ich eine Stelle an, die aufgeteilt war in 50 Prozent klinische Tätigkeit und 50 Prozent Forschung. Nach der Berufung zur Oberärztin für Anästhesie am Uniklinikum Münster mache ich weiterhin beides: Ich bin klinisch tätig und leite das Forschungslabor.

Wurde der Forschungsaufenthalt in den USA von Ihrem Chef unterstützt? Wie wurde er finanziert?

Steinbicker: Mein Chef an der Uniklinik Münster hat meinen Forschungsaufenthalt sehr stark gefördert. Zusätzlich haben mich die beiden Chefs des Labors in den USA bei der Erstellung eines DFG-Antrags auf ein Stipendium unterstützt, durch das ich letztlich den Aufenthalt finanzieren konnte.

Welche Forschungstätigkeit haben Sie während der Weiterbildung durchgeführt, Frau Dr. Kreis?

Dr. Carolin Kreis: Ich komme aus der Unfallchirurgie. In dieser Disziplin habe ich bereits während meines Studiums meine Promotion geschrieben – eine experimentelle Arbeit zur Wirksamkeit von Tigecyclin in der Therapie der Osteomyelitis. Im zweiten Jahr der Weiterbildung habe ich über das Förderprogramm des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung Münster (IZKF) eine einjährige Rotationsstelle für das Institut für Klinische Mikrobiologie bekommen. Während dieser Zeit habe ich parallel in Forschung und Klinik gearbeitet, danach wieder Vollzeit in der Klinik. Meine Forschungsprojekte führte ich parallel mit Hilfe von Doktoranden, Drittmitteln und Medizinischen Fachangestellten weiter. Inzwischen bin ich als Fachärztin für Unfallchirurgie zu 100 Prozent klinisch tätig und forsche nebenher.

Hatten Sie das Gefühl, dass Ihnen operativ Nachteile entstanden sind, da Sie weniger Zeit im OP verbrachten?

Dr. Kreis: Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich praktisch benachteiligt war. Ich habe die Forschungsrotation recht am Anfang meiner Weiterbildung gemacht, zu dem Zeitpunkt, als man an die leichten Eingriffe herangeführt wird. Das konnte ich relativ schnell aufholen. Ich durfte auch in der Forschungszeit selbstständig Dienste machen. Das Gefühl, dass man Nachteile gegenüber Kollegen hat, die nicht in die Forschung gehen, oder dass diese bevorzugt werden, hatte ich nicht.

Und wie sind Ihre Erfahrungen mit der Anerkennung von Forschungszeiten in diesem Modellprojekt?

Dr. Kreis: Bei mir war anfangs noch unsicher, wie viel anerkannt wird, da ich ganz zu Beginn des Modellprojekts in die Forschung gegangen bin. Mir wurde zunächst eine Anerkennung der Hälfte der Zeit zugesichert. Da ich das Forschungsjahr gemacht habe, weil es mir persönlich wichtig war und ich Lust darauf hatte, hätte ich das in Kauf genommen. Als ich dann meine Unterlagen eingereicht habe, hatte sich das Programm aber schon weiterentwickelt und die Forschungszeit wurde vollständig anerkannt.

PD Dr. Steinbicker: Bei mir war es etwas anders, da ich mit der Forschung insgesamt sieben Jahre in der Weiterbildung war. Ich war das erste Jahr in der Unfallchirurgie tätig und erst im fünften und sechsten Jahr in den USA. Das heißt, ich war schon mehr als drei Jahre in der Anästhesie, als ich erfahren habe, dass so etwas anerkannt wird. Es wäre definitiv von Vorteil, wenn man vorab weiß, dass die Forschungszeit anerkannt wird. So verliert man keine Zeit, vor allem, wenn man ein ganzes Jahr in die Forschung will. Ein wichtiger Punkt ist auch die Vergütung der Stellen. Es wäre wichtig, weiter nach TV-Ä (Anm. d. Red.: Tarifvertrag für Ärzte) bezahlt zu werden, um keinen Nachteil gegenüber den rein klinisch tätigen Kollegen zu haben.

Würden Sie sich wieder für dieses Projekt entscheiden?

Dr. Kreis: Ja! Für Leute, die sich für die Forschung interessieren, ist es sehr attraktiv und kann nur empfohlen werden. Ich würde raten, es in der ersten Hälfte der Weiterbildung zu machen, wenn man in der Klinik eingearbeitet ist und auch schon Dienste machen kann.

Dr. Steinbicker: Ich kann es auch nur empfehlen und würde es auch wieder machen. Die Verbindung, die man zwischen Klinik und Labor knüpfen kann, ist sehr wichtig.

Soll dieses Projekt einmal den Modellstatus ablegen? Ist es auch auf andere Ärztekammern übertragbar?

Dr. Wenning: Wichtiger als die Ärztekammer ist der Weiterbilder. Dieser muss sich zuverlässig kümmern und ein entsprechendes Standing bei seiner Ärztekammer haben, um dort Überzeugungsarbeit leisten zu können.

Wichtig ist, dass es eine schriftliche Zusage für die Anerkennung gibt, da man Verlässlichkeit braucht. Diese Zusage gilt dann allerdings nur für die Ärztekammer, von der man das Schreiben bekommen hat. Außerdem ist wichtig, dass der Weiterbilder voll dahinter steht und beispielsweise beim Ausfüllen des Antrags hilft. Auch die Anfrage an die Kammer sollte von ihm ausgehen.

Aus meiner Sicht sind für die Weiterbildung nicht die Zeiten entscheidend, sondern die Kompetenzen. In einem kompetenzbasiertem Modell hat man kein Problem damit, dass Forschung anerkannt wird. Ich hoffe, dass sich das durchsetzen wird.

Dr. Steinbicker: Ich halte es für sinnvoll, erst im zweiten Jahr der Weiterbildung an die Ärztekammer heranzutreten, damit man Zeit hat, sich zu orientieren.

Wie geht es mit dem Modellprojekt weiter?

Dr. Wenning: Wir sind dabei, dass Clinical Scientist Programme anerkannt werden – an der Uni Münster wird das beispielsweise gerade geplant. Die Anerkennung muss aber individuell erfolgen, um zu prüfen, ob das Vorhaben wirklich umsetzbar ist und ob sich der Weiterbilder wirklich darum kümmert.

Das Interview ist ein Nachdruck aus:

Karger Kompass Ophthalmol 2017;3:129–130. DOI: 10.1159/000477082

www.karger.com/Article/FullText/477082

Das Modellprojekt

- Seit 2011/2012 gibt es das Modellprojekt der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) für die Anerkennung von Forschungszeiten in der Weiterbildung. Bislang wurden 12 Teilnehmern Forschungszeiten anerkannt.

- Voraussetzung für die Anerkennung ist das Erstellen eines Zeitplans durch den Weiterbilder, der darstellt, wie trotz Forschungszeiten die Inhalte und Kompetenzen der Weiterbildungsordnung innerhalb der Mindestweiterbildungszeit erfüllt werden.

- Kontakt zum Modellprojekt: Dr. Markus Wenning, Geschäftsführer der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Gartenstraße 210–2014, 47147 Münster, markus.wenning@aekwl.de

Die Interviewpartner

- Dr. Markus Wenning ist geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

- PD Dr. Andrea Steinbicker ist Oberärztin der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Uniklinik Münster und hat während ihrer Facharztweiterbildung an dem Modellprojekt teilgenommen.

- Auch Dr. Carolin Kreis, mittlerweile Fachärztin für Unfallchirurgie an der Uniklinik Münster hat an dem Projekt der ÄKWL teilgenommen.

Die Interviewpartner

- Dr. Markus Wenning ist geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe.

- PD Dr. Andrea Steinbicker ist Oberärztin der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie an der Uniklinik Münster und hat während ihrer Facharztweiterbildung an dem Modellprojekt teilgenommen.

- Auch Dr. Carolin Kreis, mittlerweile Fachärztin für Unfallchirurgie an der Uniklinik Münster hat an dem Projekt der ÄKWL teilgenommen.

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