Ärzte Zeitung, 13.12.2010

Hintergrund

"Gesundheitszentren werden in zehn Jahren die Krankenhäuser schlagen"

Gesundheitsexperte Heinz Lohmann ist sich sicher: An einer effektiven und konsequenten Vernetzung kommen Kliniken und Praxen in Zukunft nicht mehr vorbei.

Von Sabine Schiner

"Gesundheitszentren werden in zehn Jahren die Krankenhäuser schlagen"

"Viele Patienten überprüfen im Internet die Diagnose des Arztes." (Professor Heinz Lohmann, Gesundheitswirtschaftler)

© Lohmann Konzept

Meine Praxis, meine Klinik, meine Apotheke, mein Patient - wer heute im Gesundheitswesen nicht über den Tellerrand hinausschaut, der wird spätestens in zehn Jahren Probleme bekommen: Gesundheitsexperten sind überzeugt, dass Kooperationen die Zukunft gehört.

"Gesundheitszentren werden in zehn Jahren die Krankenhäuser schlagen", sagte der Hamburger Gesundheitswirtschaftler Professor Heinz Lohmann auf einer Diskussionsrunde des Vereins Gesundheitswirtschaft Rhein-Main in Frankfurt am Main.

Ähnlich strukturiert wie ein großes Einkaufszentrum mit vielen unterschiedlichen Geschäften werde es auch in der Medizin zunehmend Zentren geben, die unter einem Dach Fachkrankenhaus, MVZ, Ärztehaus, Facharztklinik, Apotheke, Reha, Wellness und Sanitätshaus vereinen - samt speziellen Abteilungen wie OP-Logistik und Medizintechnik.

Klar ist für den Gesundheitsunternehmer und früheren Vorstandssprecher der ehemaligen Hamburger LBK Kliniken auch, dass es dazu ein zentrales Management braucht.

Da das Patienteninteresse im Mittelpunkt stehe, werde der Wandel von den zunehmend souveränen Patienten angetrieben: "Bereits heute gehen viele Menschen nach einem Arztbesuch ins Netz, um zu schauen, ob das, was der Arzt ihnen erzählt hat, durch ihre Recherchen gedeckt ist."

Treibende Gründe für einen Wandel seien auch die Demografie und der zunehmende Mangel an Nachwuchskräften. "Wir brauchen Netzwerke um die medizinische Versorgung in den Regionen sicherzustellen", sagte die Professorin Andrea Morgner, Leiterin des Bereichs Netzwerke des Uniklinikums Carl Gustav Carus in Dresden. Strategische Allianzen sind ihrer Meinung nach unverzichtbares Rüstzeug.

Netzwerke kümmern sich um den regionalen Bedarf

Seit zwei Jahren gebe es in Sachsen eine Managementgesellschaft unter Federführung der Uni, die mit Vertretern aus Forschung, Wirtschaft, Politik sowie mit Kliniken und niedergelassenen Ärzten zusammenarbeitet. Die Kooperation kümmert sich unter anderem um die regionale Bedarfsplanung und hat einen Weiterbildungsverbund auf den Weg gebracht.

"Wir engagieren uns nicht aus Altruismus", so Andrea Morgner. "Wir werden alle auch Wettbewerber bleiben." Glaubt man den Gesundheitswirtschaftlern, wird in zehn Jahren der Wettbewerb um die Gunst der Patienten vollends entbrannt sein.

"Patienten engagieren sich mehr, wissen mehr und geben mehr aus -das ist heute schon zu sehen", sagte Lohmann. Die Nachfrage der Menschen fördere Angebote und führe zu einem flächendeckenden selektiven Kontrahieren. Eine weitere Folge der Fokussierung auf die Patienten: Das derzeitige System wandele sich um in ein prozessorientiertes System.

Der Wettbewerb um die Gunst der Patienten steigt

"Patienten interessierten sich mehr für Produkte und weniger für Institutionen", sagte der Gesundheitsexperte. Zudem werde die Medizin zunehmend standardisiert und individualisiert. "Das ist kein Widerspruch", erklärte Lohmann am Beispiel der Produktion von PKW. "Die Fahrzeuge kommen vom Band - aber es gibt sie in allen möglichen Varianten."

Ein Beispiel der individualisierten, ganzheitlichen Medizin sei der Orthopädie-Konzern Biomet in Berlin: Das Unternehmen produziere nicht nur künstliche Hüft- oder Kniegelenke, es habe auch ein Pflegemanagement-Programm entwickelt. Nach der Op absolvieren die Patienten die Reha in Gruppen, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Der Wandel mache auch an den Grenzen der ambulanten und stationären Sektoren nicht halt. Um im Wettbewerb um die Patientengunst bestehen zu können, müsse künftig sektorenübergreifend gearbeitet werden. Möglich sei dies auf Seite der Gesundheitsanbieter etwa durch Kooperationen und Verbünde.

Es werde Gesundheitsveranstalter geben, die als Managementgesellschaften die Leistungen von Anbietern einkaufen, bündeln und an Krankenkassen weiterverkaufen. "In Ansätzen ist das heute schon bei der Integrierten Versorgung vorhanden", so Lohmann.

Um die zunehmend komplexer werdenden Prozesse im Gesundheitswesen handhaben zu können, brauche es zudem eine "digitale Industrialisierung" der Medizin, mit allem, was dazugehört: Anbietervernetzung, Patientenmanagement, Behandlungslösungen, Ressourcenmanagement, Zulieferintegration.

Zukunftsmusik? Derzeit jedenfalls, so Lohmanns Eindruck, funktioniere das System noch in vielen Kliniken und Praxen durch Improvisation -doch damit, so seine Prophezeiung, wird in spätestens zehn Jahren Schluss sein. Anders seien die Herausforderungen nicht zu stemmen.

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