Ärzte Zeitung, 02.06.2009

Ohne die Mutter gibt es keinen Therapieerfolg

Bei der Adipositas- Therapie von Kindern ist die Mithilfe der Mütter nötig. Allerdings erkennen viele Eltern das Problem gar nicht. Für sie ist ihr dickes Kind nur "etwas pummelig".

Von Ursula Armstrong

Übergewichtige Mütter nehmen Anzeichen von Adipositas bei ihren Kindern meist nicht wahr.

Foto: moodboard©www.fotolia.de

Schätzungen zufolge sind etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland übergewichtig. Das sind etwa 1,9 Millionen Betroffene, die Hälfte davon sind sogar adipös. Die Folgen sind massiv: Übergewicht verursacht bereits bei Kindern erste Gefäßschäden, eine Veränderung der Carotis sowie eine Vorstufe von Diabetes. Außerdem hat das frühe Übergewicht häufig Langzeitfolgen für das Skelettsystem.

Doch gegen das Übergewicht anzukämpfen, ist nicht so einfach. Denn funktionieren kann es nur, wenn auch der Lebensstil der Kinder erheblich verändert wird. Voraussetzung für den Erfolg ist die Mitarbeit der Familie, vor allem der Mütter. Doch hier gibt es ein Problem: Die meisten Eltern von dicken Kindern erkennen nicht, dass ihr Kind übergewichtig ist. Sie halten es für kräftig oder ein bisschen pummelig. So das erschreckende Ergebnis einer Studie von Jessica Doolen und ihrem Team von der University of Nevada in Las Vegas.

Die US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen haben 15 Studien, die seit 1996 in Großbritannien, Australien, Italien und den USA zu dem Thema veröffentlich worden sind, ausgewertet und verglichen (Journal of the American Academy of Nurse Practitioners 21, 2009, 160). In den meisten Untersuchungen ging es um Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren. Alle Studien haben ein Missverhältnis zwischen der Realität und der elterlichen Wahrnehmung ergeben.

In einer britischen Studie aus dem Jahr 2005 zum Beispiel wurde in 1082 Familien erfragt, wie das Gewicht der Kinder zwischen drei und fünf Jahren eingestuft wird. 41 der Kinder waren nach objektiven Kriterien übergewichtig. Doch nur Eltern von sieben Kindern haben das erkannt. 104 der kleinen Kinder waren noch nicht dick, hatten aber ein deutliches Risiko für Übergewicht. Doch das sahen nur die Eltern von zwei Kindern so. Andersherum: 94 Prozent der betroffenen Eltern konnten das Gewicht ihrer Kinder nicht korrekt einordnen.

Wenn Eltern ihre Kinder richtig als übergewichtig einstuften, dann ging es meist um die Mädchen, zeigen verschiedene Untersuchungen. Jungen wird Übergewicht offenbar noch eher zugestanden. Ein "kräftiger Bub" - das wird oft positiv bewertet.

Erst bei Teenagern wird die Sicht der Eltern kritischer.

Bei Teenagern übrigens ist das Missverhältnis nicht mehr ganz so krass: 60 Prozent der Mütter von Teenagern schätzten das Gewicht ihrer Kinder korrekt ein, so das Ergebnis einer amerikanischen Studie aus 2004. Generell zeigte sich, dass vor allem Eltern, die selbst übergewichtig waren, ihre dicken Kinder als "genau richtig" oder ein wenig pummelig einschätzten. Eltern geben also nicht nur ihre Veranlagung weiter, sie sind wahrscheinlich auch schlechte Vorbilder.

Das macht Veränderungen in der Praxis sehr schwierig. Denn Voraussetzung für die erforderliche Mitarbeit der Mütter ist, dass sie das Problem erkennen. Entscheidend sei eine gemeinsame Therapie. Mütter und Kinder müssten gemeinsam dazu motiviert werden, so Professor Patricia T. Alpert, eine der drei Wissenschaftlerinnen aus Las Vegas, zur "Ärzte Zeitung". Auch andere Personen aus dem sozialen Umkreis könnten einbezogen werden.

Alpert lässt die Kinder selbst bestimmen, zu welchen kleinen Veränderungen sie bereit sind. Für alles, was sie erreicht haben, können sie sich Punkte geben. Jeden Monat wird der Plan neu durchgegangen. Viele Patienten motiviere es, wenn sie innerhalb der ersten drei Monate bereits Erfolge erleben, erklärt die Ernährungswissenschaftlerin. Den Lebensstil zu verändern, ist immer ein langwieriger Prozess. Wichtig sei, mit kleinen Schritten zu beginnen.

Für Fachkreise:
Auch Abspeckmuffel lassen sich motivieren

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