Ärzte Zeitung, 15.08.2012

Terminpool

Schneller Draht zum Facharzt

Vor Überweisungen zum Kardiologen graust es vielen Patienten. Der Grund: die langen Wartezeiten auf einen Termin. Rascher geht es für Patienten der Hausärztin Christamaria Schlüter. Sie greift auf einen Terminpool zu.

Von Dirk Schnack

Schneller Draht zum Facharzt

Praxismanagerin Alex Lehnert (li.) sucht auf Wunsch einen Termin im Pool des Ärztenetzes Hamburg bei einem Facharzt.

© Schnack

HAMBURG. Der Patient von Hausärztin Dr. Christamaria Schlüter muss dringend zur kardiologischen Abklärung überwiesen werden. Schon das Wort Kardiologe verbindet der Patient gedanklich mit langer Wartezeit.

Da es sich um keine Routineuntersuchung handelt, entscheidet sich die Hausärztin für den Terminpool und weist ihre Mitarbeiterin Alex Lehnert an, für den Patienten einen Termin in der gleichen Woche verbindlich auszumachen.

Pool bietet zwei Termine bei Kardiologen in der Nähe an

Die Hausarztpraxis Schlüter

Dr. Christamaria Schlüter wollte eigentlich keine Niederlassung. Bis 1998 arbeitete sie als Urlaubsvertretung und hatte die Hausarztpraxis in der Nähe von Hagenbecks Tierpark schon wegen ihrer angenehmen Atmosphäre schätzen gelernt. Grund: ein Patientenmix aus allen Schichten, der zugleich ein breites medizinisches Spektrum bot.

Als der Inhaber starb, wurde Schlüter die Praxis angeboten - sie griff entgegen ihren ursprünglichen Plänen zu und hat dies bis heute nicht bereut. In der Praxisgemeinschaft mit Henrik Heinrichs beschäftigt sie fünf Angestellte. Neben der medizinischen Qualität sind Schlüter Service und Freundlichkeit wichtig. Sie behandelt rund 1000 Patienten im Quartal.

Zugleich ist sie seit einiger ZeitVorstandsmitglied im "Ärztenetz Hamburg", einem Zusammenschluss von über 280 niedergelassenen Ärzten aus 130 Haus- und Facharztpraxen sowie Krankenhäusern, Apotheken und anderen Gesundheitsberufen. (di)

Die Praxismanagerin Lehnert ruft die als Favorit auf dem PC gespeicherte Website des Ärztenetzes Hamburg auf, in dem ihre Chefin Mitglied ist. Sie tippt auf den Link Terminpool, gibt einen Zugangscode ein und wählt "Kardiologie" aus.

Auf dem Bildschirm bauen sich freie Termine bei drei Kardiologen auf, die in der Nähe von Schlüters Praxis in Hamburg-Lokstedt praktizieren. Zwei davon noch in der gewünschten Woche.

Ein Dienstag-Vormittag-Termin passt dem Patienten, der seine Vorbehalte zu Wartezeiten bei Kardiologen revidiert. "Ein toller Service", sagt er am Tresen der Praxis.

Der Patient geht zufrieden aus der Praxis - dies ist auch der Anspruch von Christamaria Schlüter. "Der Terminpool ist für uns ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Er beweist den Patienten, dass wir eine gut organisierte Praxis sind", sagt die Hausärztin.

Weil sie von dem Instrument so überzeugt ist, reichte sie es als Vorschlag für den Innovationspreis 2011 von "Ärzte Zeitung" und UCB Pharma ein und kam mit dem Modell auch in die engere Auswahl.

Zahl der Termine wächst

Freundlichkeit ist ein wichtiges Merkmal in Schlüters Praxisgemeinschaft mit Kollege Henrik Heinrichs. Die fünf Mitarbeiter und die beiden Praxisinhaber selbst treten jedem Patienten freundlich gegenüber und erhalten dies in den meisten Fällen auch zurück.

Doch es gibt natürlich auch ernste Themen, und manchmal ärgern sich Patienten schlicht und einfach - etwa wegen eines Termins bei einem Facharzt, der erst in zwei Monaten möglich ist.

Weil kein Patient einen Überblick über freie Zeiten bei den Fachärzten der Region haben kann, haben Ärzte des Hamburger Netzes vor Jahren den Terminpool entwickelt. "Die Zahl der Termine, die wir hier für unsere Patienten aussuchen können, wächst langsam, aber stetig", sagt Schlüter.

Die virtuelle Rezeption spart nicht nur Zeit und führt zu einer höheren Zufriedenheit, sondern ist aus ihrer Sicht eine wichtige Qualitätsverbesserung. Und: "Wir sind für die Krankenkassen als Vertragspartner interessanter geworden", berichtet die im Vorstand des Netzes aktive Hausärztin.

Bei den Verhandlungen mit den Betriebskrankenkassen über den IV-Vertrag "Gesundheit im Netz" etwa war der Terminpool ein wichtiges Argument der Ärzte, das von den Kassen auch honoriert wurde.

Terminpool macht Ärzte für Kassen attraktiver

Und wenn trotz des Pools kein Termin in der gewünschten Zeit verfügbar ist? "Dann hat die virtuelle Rezeption trotzdem geholfen. Wir haben dem Patienten damit gezeigt, dass wir uns kümmern und er sicher sein kann, dass auch wirklich nichts frei ist", sagt Schlüter.

Denn gerade das Thema Wartezeit sei bei manchen Patienten negativ besetzt. Wenn andere Patienten schneller einen Termin bekommen, verbinden sie dies zum Teil mit Beziehungen. "Der Terminpool hilft uns, das Thema zu versachlichen", lautet ihre Erfahrung.

Schlüter nutzt das Instrument ungefähr einmal pro Woche - nur bei fachärztlichen Überweisungen, die keinen Aufschub dulden. Dies betrifft hauptsächlich die Fachrichtungen Kardiologie und Neurologie.

Sie freut sich aber auch, dass sie bei Bedarf Termine bei HNO-ärztlichen Kollegen oder bei Augenärzten im Terminpool findet. Denn: "Nicht jeder Patient ist in der Lage, seine Situation so zu schildern, dass er zeitnah einen Termin bekommt.

Das kann in Einzelfällen dazu führen, dass wichtige Untersuchungen zu spät erfolgen", sagt die Hausärztin.

Bei dem gerade verabschiedeten Patienten kann sie sicher sein, dass die kardiologische Abklärung noch in der gleichen Woche erfolgt: "Das gibt auch mir ein Gefühl der Sicherheit."

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