Ärzte Zeitung, 01.10.2012

Tinnitus - na und?!

Dr. Walters Rollenwechsel

"Tinnitus - na und?!" Mit diesem Programm informiert Dr. Uso Walter betroffene Patienten ausführlich. Nur nicht in seiner Praxis.

Von Ilse Schlingensiepen

Neues Therapiekonzept für Tinnitus-Patienten

Der HNO-Arzt Dr. Uso Walter schlüpft bei seinen Vorträgen in der Klinik aus dem Arztkittel in Alltagskleidung.

© Ilse Schlingensiepen

DUISBURG. Wenn Dr. Uso Walter Patienten die Teilnahme an seinem Programm "Tinnitus - na und?!" empfiehlt, dann schickt er sie erst einmal wieder weg aus seiner Praxis in der Duisburger Innenstadt.

Denn der erste Baustein des strukturierten Behandlungskonzepts für Patienten mit einem chronischen Tinnitus ist ein einstündiger Vortrag. Ihn hält Walter nicht in seiner Praxis, sondern im Malteser Krankenhaus St. Anna.

"Um der Beratung der Patienten so viel Zeit einzuräumen, wie es notwendig und sinnvoll ist, muss man sie aus der Sprechstunde auslagern", sagt der 48-jährige HNO-Arzt.

Um Betroffene über die Hintergründe des Tinnitus und den richtigen Umgang mit der Krankheit zu informieren, sei rund eine Stunde notwendig - undenkbar im Praxisalltag!

Eine Art Coach

Der Schritt aus der Praxis heraus hat einen weiteren Grund. "Bei einem chronischen Krankheitsbild muss sich das Arzt-Patienten-Verhältnis ändern", findet Walter.

Der Patient muss vieles selbst in die Hand nehmen, der Arzt wird zu einer Art Coach.

"Das ist leichter außerhalb der Praxis zu vermitteln." Die Vorträge hält Walter nicht in seinem Arztkittel, sondern in Alltagskleidung. "Wenn ich meine Rolle ändere, fällt es auch dem Patienten leichter, seine Rolle zu ändern."

Walter bietet das Programm "Tinnitus - na und?!", mit dem er sich im vergangenen Jahr für den Innovationspreis von UCB und Springer Medizin beworben hat, seit 2006 an.

Fünfmal im Jahr hält er die Vorträge in der Klinik, jeweils vor 30 bis 40 Patienten. "Das Interesse nimmt nicht ab."

Das sieht er als Indiz dafür, wie wichtig den Betroffenen die ausführliche Information über ihr Krankheitsbild ist. Zum Vortrag erhalten die Teilnehmer eine Broschüre, in der sie die wesentlichen Inhalte nachlesen können.

"Zwei Drittel sind nach dem Vortrag zufrieden, weil sie wissen, was sie selbst tun können", so der HNO-Arzt. Den anderen Patienten bietet er Einzelgespräche an, basierend auf einem strukturieren Fragebogen zu den Beschwerden und der Komorbidität.

"Es macht deutlich mehr Spaß"

Das Gespräch mündet in der Zusammenstellung eines individuellen Therapieplans.

Ziel des Programms ist es, die akustische Verarbeitung der Ohrgeräusche ebenso zu beeinflussen wie das vegetative Nervensystem, den Bewegungsapparat und die Psyche der Patienten. Diese müssen die Teilnahme am Tinnitus-Programm selbst bezahlen.

Das Standardangebot kostet maximal 75 Euro, wer nur den Vortrag und die Broschüre möchte, zahlt 15 Euro. Die Patienten hätten keine Probleme mit diesem Aspekt des gewandelten Arzt-Patienten-Verhältnisses, sagt Walter. "Es ist noch nie am Preis gescheitert."

"Tinnitus - na und?!" macht nicht nur die Patienten zufriedener, sondern auch den Arzt. "Es ist ein Schritt, um wieder mehr Qualität in der Praxis bieten zu können", sagt er. Die Arbeit sei dadurch befriedigender geworden.

Die Erfahrung zeige, dass Ärzte auch bei der Versorgung von chronisch Kranken vernünftige Qualität anbieten können, wenn sie die zeitintensiven Dinge in Vorträge oder ins Internet verlagern.

"Es macht deutlich mehr Spaß, wenn man sich intensiv mit den Leuten befassen kann." Walter hat einen Blog eingerichtet, in dem er den Patienten Informationen und Tipps bietet. "Beim nächsten Praxisbesuch können wir darüber sprechen."

Auch finanziell lohne sich das Engagement - nicht nur wegen der zusätzlichen Umsätze. "Solche Angebote bringen immer auch neue Privatpatienten", weiß er.

Vorträge auch auf DVD

Inzwischen kommen auch Patienten aus den Niederlanden in seine Duisburger Praxis, weil sie zu Hause kein entsprechendes Beratungsangebot finden.

Nach Walters Meinung müssen sich HNO- sowie andere Fachärzte in Zukunft generell mehr spezialisieren und Schwerpunkte bilden - und sich punktuell gegenseitig Patienten schicken.

Das Beispiel des Arztes macht inzwischen Schule. Seit 2010 bieten Kollegen im HNOnet NRW das Programm an, inzwischen sind es rund 80. "Bei der Ausdehnung des Angebots haben wir auch die Tinnitus-Liga ins Boot geholt", sagt er.

Den Vortrag gibt es inzwischen auf DVD - für Ärzte, die keinen Vortrag halten oder Patienten, die nicht bis zum nächsten Termin warten wollen. Dr. Uso Walter hat Ärzte in Süddeutschland geschult, die das Programm ebenfalls anbieten wollen. Geplant ist auch eine E-Learning-Plattform für Ärzte.

Wettbewerb "Die innovative Arztpraxis" - drei iPads zu gewinnen

Dr. Wolfs Rollenwechsel

Der Wettbewerb "Die innovative Arztpraxis" von UCB und Springer Medizin geht in die zweite Runde. Auch 2012 gibt es wieder drei iPads zu gewinnen.

Innovationen bringen das Gesundheitswesen in Deutschland voran. Auch viele niedergelassene Ärzte entwickeln in ihren Praxen innovative Ideen, um die Versorgung ihrer Patienten zu verbessern, um den Aufwand in den Praxen angesichts eines wachsenden Patientenzustroms zu begrenzen und nicht zuletzt um den wirtschaftlichen Ertrag zu steigern.

Innovationen helfen Praxen auch, im Wettbewerb mit größeren Zentren zu bestehen. Doch nicht immer setzen sich gute neue Ideen durch - einfach, weil sie nicht bekannt werden. Das wollen die Fachverlagsgruppe Springer Medizin, zu der auch die "Ärzte Zeitung" gehört, und das Biopharmaunternehmen UCB mit dem Innovationspreis ändern.

"Auch für den Innovationspreis 2012 suchen wir wieder kreative Ärzte, die die Versorgung verbessern", sagt Steffen Fritzsche von UCB. Der Preis wird am 24. November 2012 beim Bundeskongress Privatmedizin in Köln vergeben.

Haben Sie Interesse? Dann bewerben Sie sich bis 31. Oktober: www.aerztezeitung.de/extras/innovationspreis/

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