Erfolgsrezept
Ärzte Zeitung, 28.09.2016

15-minütige Triage

Schnellerer Zugang zu Psychotherapie

Patienten mit psychischen Erkrankungen müssen häufig lange warten, bis sie einen Therapieplatz erhalten. Ein Psychotherapeut aus Goslar hat ein Konzept entwickelt, das neuen Patienten einen schnellen Termin zur Einschätzung ihrer Probleme ermöglicht.

Von Christian Beneker

Schnellerer Zugang zu Psychotherapie

Dr. Wolfgang Baur war früher als Hausarzt tätig.

© Christian Beneker

GOSLAR. Ob die Chemie zwischen Patient und Therapeut wirklich stimmt oder eben nicht, ist bereits in 15 Minuten entschieden. Das sagt der Psychotherapeut Wolfgang Baur aus Goslar in Niedersachsen. Um die enorm langen Wartezeiten auf eine Psychotherapie zu verkürzen, hat der 67-jährige Baur ein eigenes Organisationsprinzip für seine Praxis erdacht, das ausschließlich auf direkten Kontakt mit den Patienten setzt. Seine simple Idee ist so pfiffig, dass sie es unter die Top-Platzierten des Wettbewerbes "Die innovative Arztpraxis 2015" gebracht hat, den die Verlagsgruppe Springer Medizin zusammen mit UCB Innere Medizin initiiert hat.

Zu Beginn der 50-minütigen Psychotherapiegespräche an jeder vollen Stunde von 9 bis 11 Uhr und um 16 Uhr kann es Baurs Patienten widerfahren, dass sie 10 bis 15 Minuten warten müssen, bis sich der Doktor ihnen widmen kann. Denn in dieser Zeit kommen vermehrt spontan Patienten mit ihrem Problem zu Baur – und haben Vorfahrt. Denn zu Beginn einer jeden Therapiestunde stellt Baur bis zu 15 Minuten zur Verfügung. Darin klärt er mit dem unangemeldeten Patienten, was Sache ist. "Braucht der Patient vor allem eine Medikation? Habe ich es womöglich mit einem suizidalen Patienten zu tun? Kann ich mir vorstellen, mit ihm zu arbeiten und er mit mir?"

Wartezeit von einem halben Jahr

Die 15-minütige Triage entscheidet darüber, welchen Behandlungsverlauf Baur für den Patienten anbietet. "Ich merke schnell – wo geht das hin?", sagt Baur im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Manchmal trennen sich die Wege von Arzt und Patient auch nach dem Erstgespräch, erzählt Baur. Durch diese Methode werden aber die Kandidaten, die wirklich eine Einzeltherapie benötigen, schnell klar. Immerhin hat auch Baur für Einzelgespräche eine Wartezeit von einem halben Jahr. Die anderen Patienten lädt Baur in der Regel zur Gruppentherapie ein.

Wegen der Direkt-Kontakt-Methode gibt es in der Baur'schen Praxis auch keine Online-Terminbuchung, keine Fragebögen vor Therapiebeginn, nicht einmal eine telefonische Terminvereinbarung. Wenn zu Beginn einer vollen Stunde einmal zwei neue Patienten in der Praxis erscheinen sollten, dann muss einer eben eine Stunde warten, oder die Triage-Gespräche laufen so flott, dass Baur zwei in 15 Minuten schafft.

Das Angebot steht und fällt mit der Entscheidung, Gruppentherapie anzubieten. "Wer das nicht möchte, kann dieses Modell nicht einsetzten", erklärt Baur. Patienten, die nach den 15 Minuten einer Gruppentherapie zustimmen, werden schriftlich eingeladen. Alle zehn Wochen beginnt eine neue Gruppe mit zwölf Teilnehmern. "Mitunter zeigt sich auch da noch, dass Gruppenmitglieder doch Einzeltermine brauchen."

Die Patienten seien "hoch erfreut" über die Methode und das Tempo, sagt der Psychotherapeut. "Viele Patienten berichten, sie hätten sich, bevor sie zu mir kamen, die Finger für einen Termin wund telefoniert", berichtet Baur. "Oder sie wurden von den Termin-Service-Stellen der KV an eine Praxis in 40 Kilometer Entfernung vermittelt."

Erbstück aus der Hausarzt-Zeit

Die frühe Bewertung der Patienten ist ein Erbstück aus Baurs Zeit als Hausarzt. "Ich hatte schon als Hausarzt die Zusatzbezeichnung Psychotherapie und habe im laufenden Betrieb zehn-minütige Triagegespräche angeboten. Sie zeigten schnell, ob mein Patient psychotisch war oder nur ein paar Entspannungsübungen braucht." Die hausärztliche Haltung hat Baur sozusagen über die Pensionierung als Hausarzt 2013 in sein zweites Berufsleben als Psychotherapeut hinübergerettet. "Ich arbeite old-styled", sagt er, "ich will den Kontakt zu den Patienten."

Erfolgs-Rezept – Der Praxis-Preis 2016

Bewerben Sie sich jetzt mit Ihren Ideen für die Praxis

Seit fünf Jahren loben UCB Innere Medizin und die Fachverlagsgruppe Springer Medizin, zu der auch die "Ärzte Zeitung" gehört, unter dem Namen "Die innovative Arztpraxis" den Praxis-Preis für Ärzte mit größeren oder kleineren Ideen für eine bessere Versorgung und/oder für eine effiziente Praxisführung aus. Es geht um Erfolgs-Rezepte für die eigene Praxis:

 

Haben Sie eine Idee umgesetzt, die Ihnen hilft, den Praxisalltag zu verbessern? Haben Sie sich Gedanken gemacht, wie Sie Ihre Patienten strukturiert versorgen können? Wissen Sie , wie sich die Kommunikation im Praxis-Team oder mit anderen Praxen oder Einrichtungen optimieren lässt? Oder haben Sie vielleicht eine kleine Idee entwickelt, die Ihre Praxis voranbringt, an die noch niemand gedacht hat?

Dann lassen Sie Ihre Ideen fliegen und machen Sie mit beim diesjährigen Wettbewerb "Erfolgs-Rezept – der Praxis-Preis 2016"! Ärzte und auch ihre Praxisteams können bis zum 30. November mitmachen und ihre Idee in den Wettbewerb einbringen. Wer die unabhängige Jury und die Internet-Nutzer auf www.aerztezeitung.de mit seinem Projekt, Konzept oder Geistesblitz zur Optimierung der Versorgung beeindruckt, kann wertvolle Preise gewinnen.

Die Bewerbung erfolgt online: Unter www.aerztezeitung.de/erfolgsrezeptfinden Sie ein Formular, auf dem Sie Ihre Idee und deren Umsetzung kurz beschreiben können.

Das gibt es zu gewinnen: Die drei Gewinnerteams stellen im Hause von Springer Medizin in Berlin ihre Konzepte persönlich vor. Zu gewinnen gibt es außerdem einen dreitägigen Ausbildungslehrgang mit Abschluss "Geprüfte Assistenz für Versorgung und Prävention" von der Unternehmensberatung HCC Better Care GmbH, Köln, sowie Buchpreise von Springer Medizin und HCC. (ger/mh)

Weitere Informationen über den Wettbewerb und Bewerbung online unter www.aerztezeitung.de/erfolgsrezept Bewerbung bis 30. November

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