Geriatrie

"Bei Betagten ist Anämie eher Regel als Ausnahme"

Schon mit wenigen Laborparametern kommt man der Ursache einer Anämie auf die Spur.

Von Peter Stiefelhagen Veröffentlicht: 10.05.2019, 14:05 Uhr

WIESBADEN. Die Anämie ist ein Symptom, dessen Inzidenz mit dem Alter deutlich steigt. Diese beträgt bei 65-Jährigen circa 20 Prozent und steigt auf fast 50 Prozent bei 90-Jährigen. "Bei betagten Patienten ist die Anämie eher die Regel als die Ausnahme", so Professor Bernhard Wörmann von der Medizinischen Klinik der Charité in Berlin. Dabei handele es sich nicht um eine harmlose Laborkrankheit.

Vielmehr geht eine Anämie mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einher. Die Fallneigung steigt, die kognitiven Fähigkeiten nehmen ab, ebenso die Mobilität und die körperliche Leistungsfähigkeit. Und auch der Verlauf vieler anderer Erkrankungen ist bei Anämie ungünstiger.

Das Spektrum der Ursachen ist breit. Es umfasst maligne Erkrankungen, endokrine bzw. metabolische Störungen, unzureichende Nutrition, chronisch entzündliche Erkrankungen, Hämolyse, Blutverlust und Medikamente. "In den meisten Fällen ist die Ursache multifaktoriell", so Wörmann beim Internistenkongress in Wiesbaden.

Bei der differentialdiagnostischen Abklärung sollte man zunächst zwischen einer hyporegeneratorischen und einer hyperregeneratorischen Anämie unterscheiden. Bei ersterer sind die Retikulozyten vermindert, bei letzterer erhöht. Die häufigsten Ursachen der hyporegeneratorischen Anämie bei Älteren sind die aplastische Anämie, das myelodysplastische Syndrom und Verdrängungen der Erythropoese bei Leukämie, Lymphom oder Knochenmarkskarzinose vor allem beim Mamma-, Prostata- und Lungenkarzinom.

Bei den nutritiven Ursachen steht der Eisenmangel im Vordergrund gefolgt von einem Vitamin B12 oder Folsäuremangel. "Aber man sollte auch an einen Kupfermangel denken", so Wörmann. Der chronisch entzündlichen Anämie liegt ein funktioneller Eisenmangel zugrunde, das heißt: das Eisen kann nicht aus den Depots freigesetzt werden. Beim unkomplizierten Eisenmangel, zum Beispiel bei einer chronischen leichten Blutung, findet sich neben der mikrozytären hypochromen Anämie eine verminderte Retikulozytenzahl, und das Ferritin ist erniedrigt.

"Bei einer entzündungs- oder tumorassoziierten Eisenmangelanämie ist das Ferritin dagegen erhöht", so Wörmann. Das gleiche gilt für den älteren Patienten, da das Alter per se eine leichte Inflammation induziert. Deshalb wird empfohlen, den Grenzwert für Ferritin bei alten Menschen auf 45 μg/L oder sogar auf 100 μg/L anzuheben. Ein weiteres Kriterium für die Abgrenzung eines einfachen Eisenmangels von einer Altersanämie oder Entzündungsanämie ist das Hepcidin. Es ist bei ersterem erniedrigt, im Alter oder bei Entzündung oder Tumor erhöht.

Bei einem Vitamin B12- oder Folsäuremangel, die nur selten nutritiv bedingt sind, findet sich eine makrozytäre hyperchrome Anämie. Typischerweise ist das LDH stark erhöht. Auch bei einem Kupfermangel ist die Anämie makrozytär und es findet sich meist eine Neutropenie und eine Neuropathie. Eine hyporegeneratorische Anämie ist auch die renale Anämie. Gleiches gilt für die Hyperthyreose und den Testosteronmangel.

Die Hämolyse ist der Prototyp einer hyperregeneratorischen Anämie. MCV, Retikulozyten, LDH und indirektes Bilirubin sind erhöht, das Haptoglobin stark vermindert. "Es gibt angeborene und erworbene Ursachen für die Hämolyse", so Wörmann. Am häufigsten sind Immunhämolysen, Infektionen, Urämie, Vergiftungen und Hypersplenismus.

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