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Infektionen

Deutsche überschätzen Ebola-Gefahr und unterschätzen Masern

Im Mittelpunkt medialer Berichterstattung stehen zumeist große globale Bedrohungen wie Ebola und Zika. Doch Public-Health-Experten haben ganz andere übertragbare Erkrankungen im Visier. Dazu zählen zum Beispiel Masern und Influenza.

Von Martina Merten Veröffentlicht:

In den vergangenen zwei Jahren standen zwei Infektionen im Mittelpunkt der internationalen Berichterstattung: Ebola in Westafrika und Zika in Lateinamerika. Diese Art öffentlicher Wahrnehmung von Infektionskrankheiten muss sich ändern, findet Professor Elke Schäffner. "Wir müssen andere Outbreaks in den Mittelpunkt rücken", betonte die Public Health Professorin an der Charité Universitätsmedizin Berlin bei einer Global Health Konferenz des Robert Koch-Instituts (RKI) und des Zentrums Virchow Villermé in Berlin. Der Fokus insbesondere auf das Ebola-Virus lasse in Vergessenheit geraten, dass gerade Infektionserkrankungen wie Masern, Influenza oder das Noro-Virus einen weitaus größeren Einfluss auf den deutschen Alltag haben. Auch wenn, wie Dr. Maria van Kerkhove von der Weltgesundheitsorganisation ergänzte, Ebola die Art und Weise, wie die Welt auf Ausbrüche reagiert, zum Positiven verändert habe.

Entdecken und Überwachen

Bei Ausbrüchen von Masern, Durchfällen oder Influenza werden auf kommunaler wie auf nationaler Ebene sogenannte Rapid-Response-Aktivitäten in Gang gesetzt, erläuterte Dr. Udo Götsch vom Frankfurter Gesundheitsamt. Dazu zählt neben der Quarantäne, Isolation und Überwachung der betroffenen Personen auch die Entwicklung von Anweisungen für Kliniken und Praxen, so Götsch. Auf nationaler Ebene – also beim RKI – geht es nach Angaben des dortigen Experten Dr. Andreas Gilsdorf um zwei Dinge: um die Feststellung des Ausbruches (detection) und um dessen Überwachung (surveillance). Bei besonders gravierenden Ausbrüchen (Beispiel: EHEC) wird ein Kontrollraum eingerichtet. Von diesem Kontrollraum aus werden wochenlang alle Aktivitäten innerhalb Deutschlands koordiniert und kommuniziert. Täglich finden dann Gilsdorf zufolge vier bis fünf Telefonkonferenzen statt, zum Beispiel mit nationalen oder international tätigen weiteren Infektionsexperten der WHO. Auch die Medien müsse das RKI während jedes Ausbruches ständig bedienen.

Seit 2013 existiert beim RKI die Projektgruppe "Modellierung von Infektionskrankheiten". Unter Leitung von Professor Dirk Brockmann entwickelt die Gruppe Computermodelle, die versuchen, den Einfluss eines Ausbruches auf Europa oder die USA vorherzusagen. "Lokales Denken ist in vielen Situationen nicht länger angebracht. Wir müssen uns in den Erreger hineinversetzen, und den interessieren traditionelle Grenzen nicht", so Brockmann, der an der Humboldt Universität lehrt, zur "Ärzte Zeitung". Weltweit gibt es Brockmann zufolge etwa ein Dutzend solche Projektgruppen, die sich untereinander austauschen. Allen gemein sei, dass quantitative Aussagen bei Ausbrüchen noch nicht wirklich möglich sind. Schließlich, so der gelernte Physiker, seien die momentanen Berechnungen "Worst-case"- Modelle – also Vorhersagen dazu wie viele Fälle vorkommen, wenn keiner interveniert.

WHO unterstützt mit Expertenwissen

Bei der Weltgesundheitsorganisation gehen täglich 5000 Meldungen über potenzielle Infektionsrisiken durch Bakterien oder Viren ein, berichtete van Kerkhove von der Weltgesundheitsorganisation bei der Berliner Konferenz. 300 dieser Meldungen verfolge die WHO aktiv, in 30 Fällen entsende ihre Organisation Personen an die betroffenen Stellen, um die Fälle vor Ort beurteilen zu können. Zudem gibt es van Kerkhove zufolge als verlängerten Arm der Weltgesundheitsorganisation bereits seit dem Jahr 2000 das "Global Outbreak Alert and Response Network (GOARN)". Dessen Aufgabe ist es, betroffene Länder bei der Bewältigung von Ausbrüchen zu unterstützen und sie auf potenzielle Ausbrüche vorzubereiten. Seit der Gründung von GOARN haben mehr als 400 Experten in mehr als 50 Fällen in über 40 Ländern beratend zur Seite gestanden.

Bei allen Ausbrüchen ist es nach Ansicht der Experten wichtig, miteinander zu kooperieren. "Man muss sich darauf verlassen können, was die Ebene unter einem tut", betonte RKI-Experte Gilsdorf.

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