Direkt zum Inhaltsbereich

Offene Beine

Hautzellen aus der Spraydose

Selbst unter optimaler Therapie heilen üblicherweise nur 30 bis 70 Prozent aller venösen Beingeschwüre binnen drei Monaten ab. Höhere Heilungsraten bietet eine neue Zelltherapie zum Aufsprühen.

Veröffentlicht:

MIAMI (BS). Für eine neuartige Behandlungsform bei chronisch venösen Bein-Ulzera werden allogene Hautzellen verwendet. Diese sind kein Ersatz für die defekte Haut, vielmehr sollen sie - mithilfe der freigesetzten Wachstumsfaktoren - Regenerationsprozesse in der Wunde anregen.

Dazu wurde ein Spray (provisorischer Name HP802-247) entwickelt. Dieses enthält, eingebettet in eine Fibrinmatrix, allogene Keratinozyten und Fibroblasten.

Die Zellen werden aus der Vorhaut von Neugeborenen gezüchtet und dann durch Gammastrahlung am weiteren Wachstum gehindert. Dass die Therapie funktioniert, belegt eine randomisierte placebokontrollierte Phase-II-Studie an 228 Patienten mit chronischen venösen Beingeschwüren (Lancet 2012; online 3. August).

In der Studie waren zwei verschiedenen Zellkonzentrationen (0,5 x 106 oder 5 x 106/ml) alle sieben oder alle 14 Tage im Vergleich zur alleinigen Applikation des Trägermediums im Abstand von sieben Tagen getestet worden.

Alle Patienten hatten außerdem eine Kompressionstherapie erhalten. Die Ulzera mit einer Größe von 2-12 cm2 hatten seit mindestens sechs Wochen und höchstens zwei Jahren bestanden.

Nach der zwölfwöchigen Studientherapie hatten sich die Wundflächen in allen aktiven Behandlungsgruppen signifikant stärker reduziert als in der Kontrollgruppe.

Am stärksten geschrumpft waren sie bei der 14-tägigen Behandlung mit der niedrigeren Zelldosis, nämlich um 91 Prozent, und damit um relative 16 Prozent mehr als ohne Zelltherapie (Verkleinerung um 80 Prozent).

Auch ein vollständiger Wundverschluss wurde in diesem Therapiearm am häufigsten erreicht: Nach zwölf Wochen betrug die Heilungsrate 70 Prozent gegenüber 46 Prozent mit der Kontrollbehandlung.

Hoffnungsschimmer bei chronischen Wunden?

Wenn die anfängliche Ausdehnung der Wunde berücksichtigt wurde, erhöhte die Therapie die Heilungschancen sogar um 83 Prozent. Im Median wurde der Wundverschluss schon 21 Tage früher erreicht.

Nebenwirkungen wurden unter den Zelltherapien nicht häufiger berichtet als unter der Kontrolltherapie, es ergaben sich keine Sicherheitsbedenken.

Die Studienautoren um Professor Robert S. Kirsner von der University of Miami leiten aus dieser und vorausgegangenen Untersuchungen ab, dass mit der von ihnen erprobten Zelltherapie etwa 60 bis 70 Prozent aller venösen Beinulzera innerhalb von zwölf Wochen komplett zur Abheilung gebrachten werden können.

"Die Behandlung hat das Potenzial, die Heilung von offenen Beinen erheblich zu verbessern - ohne dass Haut transplantiert werden muss." Letzteres birgt den Nachteil, dass dem Patienten eine weitere Wunde zugefügt wird und er länger auf die Therapie warten muss.

Professor Matthias Augstein von der Universitätsklinik Hamburg bestätigt in einem Kommentar die Notwendigkeit neuer Therapien für die Behandlung von venösen Beinulzera, zusätzlich zur unverzichtbaren Basistherapie durch Kompression.

Laut Augstein belaufen sich die Behandlungskosten für venöse Beingeschwüre pro Patient in Deutschland auf etwa 10.000 Euro. Die Behandlungskosten würden vor allem durch eine erfolglose Ausdehnung konservativer Behandlungsmaßnahmen in die Höhe getrieben.

Vor diesem Hintergrund "könnten die vorübergehend höheren Ausgaben für zusätzliche Zell- und Gewebstherapien als Investition in eine bessere Heilung gerechtfertigt sein", schreibt Augstein.

Insbesondere für die schwierig zu behandelnden chronischen Wunden mit venöser und arterieller Ursache wären solche Therapien ein Hoffnungsschimmer.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Aktualisierte S2k-Leitlinie

Neue Empfehlungen zur Akne-Behandlung bei Kindern

Vernarbende Alopezie

Führen GLP-1-Rezeptoragonisten zu Haarausfall?

Das könnte Sie auch interessieren
Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

© piyato | iStock

Vaginalmykose im Fokus

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

© iStock / okskukuruza

Vaginale Gesundheit

Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
 Abb. 1: Anwendung von Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1,8]

Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

Topische steroidfreie Behandlungsoption bei atopischer Dermatitis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Incyte Biosciences Germany GmbH, München
Abb. 1: MATTERHORN-Regime beim GC/GEJC: ereignisfreies Überleben (EFS)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Perioperativ behandeln – kurativ denken

Durvalumab-basierte Therapie bei drei Tumorentitäten

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Übersicht

Impfungen gegen Atemwegserreger: Das sind die aktuellen Empfehlungen

Lesetipps
Cannabis-Blatt

© yellowj / stock.adobe.com

Cannabis

Cannabinoide bei Schmerzen: Wann einsetzen, wie dosieren?

Thermostatisches Heizkörperventil, das die Raumtemperatur zur Energieeinsparung regelt.

© MPfoto71 / CHROMORANGE / picture alliance

Start des Gebäudemodernisierungsgesetzes

Heizungstausch geplant? Diese neuen Regelungen kommen auf Eigentümer zu

Steve Roczen und MFA-Auszubildender

© Zentrum Familienmedizin GbR

Porträt

Steve Roczen: Darum ist der MFA-Beruf für Männer interessant