Digitalisierung in der Onkologie
Krebsmedizin digital: Kommt die dezentrale Zentren-Versorgung?
Alle reden über Zentrenbildung - aber wie ist das mit wohnortnaher Krebsversorgung kompatibel? Digitalisierung könnte die Antwort geben.
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Berlin. Es klingt wie die Quadratur des Kreises: „Wir brauchen viel mehr Spezialisierung in der Krebsmedizin, im Prinzip für jedes einzelne Krankheitsbild“, sagte Prof. Dr. Frank Griesinger von der Hämatologie/Onkologie am Pius-Krankenhaus in Oldenburg.
Der Grund ist, dass die Krebstherapien immer langfristiger und immer komplexer werden. Gleichzeitig wissen alle, dass der Fachkräftemangel weiter zunehmen wird. Mehr Spezialisierung bei gleichzeitig weniger Personal, kann das gehen?
Neue Zentren als Dienstleister für Spitzenversorgung
Bei einer Veranstaltung im Rahmen der gemeinsam von Ärzte Zeitung und Daiichi Sankyo ausgerichteten Reihe „Onkologie 2050“ wurde das intensiv diskutiert. Sowohl Griesinger, der auch Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie (AIO) ist, als auch der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, Dr. Johannes Bruns, setzen große Hoffnungen in die Digitalisierung.
Denn mit deren Hilfe könnte eine überschaubare Zahl hochspezialisierter Zentren mit möglichst wohnortnahen Versorgerinnen und Versorgern verzahnt werden. Ziel müsse eine Krebsversorgung auf höchstem Niveau sein, ohne dass die Betroffenen lange Anfahrtswege auf sich nehmen müssten, so Bruns: „Ein Hausarztmodell wird in der Onkologie nicht reichen, aber eine dezentrale Versorgung vor Ort, das geht schon.“
Digitale Infrastruktur muss leistungsfähig sein
Eine digitale Infrastruktur muss in einer solchen Versorgungslandschaft zweierlei leisten: Zum einen müssen alle relevanten Daten überall verfügbar sein. Hier könnte eine elektronische Patientenakte (ePA) ins Spiel kommen. Gleichzeitig braucht es digital hinterlegte Versorgungspfade, die Qualitätssicherung und Zertifizierung ermöglichen und die gewährleisten, dass Patienten, die von einer – und sei es virtuellen – Zentreneinbindung profitieren, diese auch bekommen.
Für Letzteres müsse in der digitalen Dokumentation mit strukturierten Daten gearbeitet werden, so Griesinger. Die entstehenden Daten-Pools könnten in weiteren Ausbaustufen dann auch für klinische Studien genutzt werden, bis hin zur Generierung synthetischer Kontrollgruppen. So eine für Deutschland neuartige Versorgungslandschaft bilde sich allerdings nicht von selbst aus bestehenden Strukturen heraus, so Bruns. Sie müsse politisch gewollt und umgesetzt werden.
Zentren müssen Dienstleistungsfunktion haben
Damit, herkömmliche Maximalversorger im Rahmen einer Krankenhausreform einfach in Krebszentren umzuetikettieren, sei es nicht getan. Und auch die mittlerweile mehreren Nationalen Zentren für Tumorerkrankungen (NCT) seien dafür nicht geeignet, da sie primär auf Forschung, nicht auf Versorgung ausgerichtet seien. „Die neuen Zentren müssen eine Dienstleistungsfunktion haben. Sie müssen Durchsatz machen und dürfen nicht mit den anderen Versorgern um DRG-Erlöse konkurrieren.“
Ein Vorbild könnten die Herzzentren sein, die es an mehreren Orten in der Republik gibt und die ebenfalls in erster Linie Versorgungsaufgaben übernehmen. Diese neuen Krebszentren – Bruns empfahl, mit vier oder fünf zu starten – müssten dann mit den ambulanten Versorgern verzahnt werden in einer Weise, dass am Ende Flächendeckung erreicht wird.
Auch Patienten brauche digitale Hilfe
Digitalisierung sei auch patientenseitig nötig, betonte Prof. Dr. Pia Wülfing, Gründerin von PINK! Die Brustkrebsplattform ist seit Kurzem nicht nur online, sondern auch als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugänglich.
Sie bemüht sich um eine laientaugliche Vermittlung von Krankheitskompetenz und vor allem von Wissens um eine leitliniengerechte Versorgung: „Ärztliche Information ist wichtig, aber sie reicht nicht. Wir brauchen spezialisierte Portale mit qualitativ hochwertigen Informationen. Wenn wir die nicht haben, dann googeln die Leute.“
Potenziale der Pflege besser nutzen
Trotz aller Digitalisierung werden moderne Versorgungsstrukturen für die Krebsmedizin koordinierende Instanzen benötigen, die keine Algorithmen, sondern Menschen sind. Kerstin Paradies, Vorstandssprecherin der Konferenz onkologischer Kranken- und Kinderkrankenpflege (KOK), sieht an solchen Versorgungsschnittstellen ein ideales Aufgabenfeld für onkologisch spezialisierte Pflegekräfte.
Auch hier seien aber politische Weichenstellungen nötig: Pflegende würden im deutschen Gesundheitswesen immer noch eher als Handlanger behandelt, statt darüber zu reden, wie sie in speziellen Versorgungsszenarien gezielt geschult und eingesetzt werden könnten. Diskutiert werde nicht über Aufgabenfelder in eigener Verantwortung, sondern allenfalls über die Delegation ärztlicher Leistungen, so Paradies.
Gleichzeitig würden immer neue Berufsgruppen geschaffen, die Tätigkeiten übernehmen sollen, für die Pflegekräfte oft besser geeignet wären: „Pflegefachberufe haben die fachliche Kompetenz, um Schnittstellen in der Versorgung zu bedienen. Wir brauchen keine Grabenkämpfe.“





