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Deutsche Psychiater

Kritischer Blick aufs DSM-5

Im neuen DSM-5 werden die Grenzen psychischer Störungen neu definiert. Euphorie will darüber aber nicht aufkommen. Die deutschen Psychiater warnen, die Änderungen der US-Kollegen kritiklos zu übernehmen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Depressiv: Nach dem DSM-5 ist man das bereits nach zwei Wochen Trauer.

Depressiv: Nach dem DSM-5 ist man das bereits nach zwei Wochen Trauer.

© Tyler Olson / fotolia.com

FBERLIN.Nicht jedes seelische oder soziale Leid darf zur psychischen Krankheit erklärt werden, Krankheitsdiagnosen seien auf medizinisch relevante Leiden zu beschränken, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) (Wann wird seelisches Leiden zur Krankheit? Zur Diskussion um das angekündigte Diagnosesystem DSM-5. Stellungnahme der DGPPN vom 15. April).

Professor Andreas Heinz, Vorstandsmitglied der DGPPN stellt darin klar: "Das DSM-5 ist zunächst ein nationales Diagnosesystem für die USA und dient als Grundlage der klinischen und epidemiologischen Forschung."

Die Gesellschaft begrüßt, dass das neue Manual den beschriebenen Trend einer Ausweitung psychischer Erkrankungen zumeist nicht noch fördert. Einige Beschwerdebilder werden nicht in die Diagnoseliste aufgenommen.

Dazu gehören vor allem Risikozustände, zum Beispiel für Psychosen / Schizophrenie, oder das Burnout-Syndrom. "Die DGPPN begrüßt diese Entscheidungen", sagte der Experte aus Berlin.

Trauer ist keine Krankheit

DGPPN-Past-Präsident Professor Peter Falkai macht jedoch auf zwei Entwicklungen aufmerksam, die aus Sicht der Gesellschaft im DSM-5 kritisch zu beurteilen sind: Die geplante Einführung bestimmter Krankheitsdiagnosen und die damit verbundene Verschiebung von diagnostischen Grenzen zwischen "krank" und "gesund".

So ordnet das DSM-5 zum Beispiel längere Trauerphasen nach dem Tod eines nahestehenden Menschen der Krankheit Depression zu. Die Begründung: Auch Menschen, die in der Trauer Hilfe suchen, soll Beratung und Therapie angeboten werden können.

Der Preis allerdings sei, dass in diesem Fall das natürliche Nachlassen der Trauerempfindung und die meistens erhaltene Fähigkeit zur Selbstregulation ignoriert werden.

"Es wäre ein radikales gesellschaftliches Umdenken, Trauer zu einer Krankheit zu machen. Damit würden wir natürliche Anpassungsprozesse pathologisieren", sagte DGPPN-Präsident Professor Wolfgang Maier aus Bonn in einem Interview mit der Zeitschrift InFo Neurologie & Psychiatrie (2013; 15(5): 8-9).

Die Therapie von Trauer sollte dem Gesundheitssystem nicht aufgebürdet werden. Auch könne der Umstand, dass einige Trauerprozesse langfristig in Depressionen übergehen, "diese radikale Wende in der Bewertung von Trauer nicht rechtfertigen", erläuterte Maier.

Grenzen werden verwischt

Kritisch betrachtet die DGPPN auch die Zusammenführung von Substanzabhängigkeit und schädlichem Gebrauch. Dadurch werde etwa die Grenze zwischen dem Auftreten sozialer Probleme im Umgang mit Substanzen wie Alkohol und einer eigentlichen Alkoholabhängigkeit verwischt.

Dies könne einerseits Menschen mit problematischem Konsum den Zugang zum Hilfssystem erleichtern, andererseits auch dazu führen, dass in Ländern mit strikteren Alkoholgesetzen schneller ein problematischer Alkoholkonsum diagnostiziert werde - die Diagnose je nach Region also unterschiedlich gestellt werde.

Die DGPPN stellt fest, dass einige der im DSM-5 neu geplanten psychischen Beeinträchtigungen keinen Krankheitswert besitzen, weil sie natürliche Anpassungs- oder Alterungsprozesse abbilden.

Der Experte aus Bonn kritisierte im Interview mit InFo Neurologie & Psychiatrie etwa die "leichten neurokognitiven Störungen" als eigenständige Diagnose.

Ärzte könnten zwar damit eine unterdurchschnittliche Gedächtnisleistung feststellen, aber letztlich wenig dagegen tun. Auch sei in diesem Stadium noch unklar, ob daraus eine Demenz wird.

"Ich kann einem Patienten sagen, wahrscheinlich bleibt es eine Altersvergesslichkeit, zu 40 Prozent wird es in vier Jahren eine Demenz. Ein erhöhtes Risiko dürfen Ärzte aber nicht schon als Krankheit definieren."

Die Zurechnung von Risikostadien zu Krankheiten werde den Betroffenen nichts nutzen, erläuterte Maier.

Die DGPPN befürchtet zudem, dass die Leistungsansprüche bei einer Ausweitung des diagnostischen Spektrums das medizinische Versorgungssystem überlasten und damit "eine gerechte Verteilung der begrenzten Ressourcen unseres Gesundheitswesens gefährden - vor allem zum Nachteil jener psychisch schwer erkrankten Menschen, die unbedingt medizinische Hilfe benötigen".

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