Epilepsierisiko

Lichtshow bei Konzerten bringt Hirn aus dem Takt

Die Lichteffekte bei Musikfestivals werden immer spektakulärer – und sind für fotosensible Menschen nicht ungefährlich: Das Risiko für epileptische Anfälle ist dabei mehr als dreifach erhöht.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Abstrakte Darstellung einer Lichtshow während eines Konzerts: Die Stroboskopischen Effekte von Lichtern können wohl Anfälle auslösen.

Abstrakte Darstellung einer Lichtshow während eines Konzerts: Die Stroboskopischen Effekte von Lichtern können wohl Anfälle auslösen.

© Dmytro Aliokhin - stock.adobe.com

Frage: Stellen stroboskopische Lichteffekte bei Konzerten ein Anfallsrisiko dar?

Antwort: Kasuistiken, Experimente und epidemiologische Daten sprechen dafür, dass ein Großteil der epileptischen Anfälle auf Konzerten mit elektronischer Tanzmusik von stroboskopischen Lichteffekten ausgelöst wird.

Bedeutung: Für eine kleine Zahl von Konzertbesuchern kann die Lightshow gefährlich sein.

Einschränkung: Nur wenige Anfälle auf Konzerten registriert, das macht statistische Aussagen problematisch.

AMSTERDAM/NIEDERLANDE. Zugegeben, den absoluten Zahlen zufolge kommt es während elektronischer Musikfestivals eher selten zu epileptischen Anfälle: Niederländische Ärzte um Dr. Newel Salet vom VU Medisch Centrum in Amsterdam haben gerade einmal 40 solcher Konvulsionen bei über 400.000 Konzertbesuchern in einem Jahr aufgespürt. Allerdings traten die meisten der Anfälle nachts auf, was den Verdacht zu bestätigen scheint, wonach die stroboskopischen Lichteffekte während der Konzerte Krampfanfälle begünstigen (BMJ Open, online 11.06.2019).

Konzerte mit elektronischer Tanzmusik und gewaltigen Lichteffekten seien möglicherweise besonders riskant für junge Menschen mit einer latenten fotosensiblen Epilepsie, scheiben die Internisten und Neurologen. Zu den anfallsprovozierenden Lichtblitzen im 15- bis 25-Hz-Bereich kommen in der Regel noch ohrenbetäubende Elektrobeats, eine ausgeprägte Schlafdeprivation sowie diverse Drogen. Zusammen könnten diese Faktoren bei entsprechend veranlagten Personen in einen epileptischen Anfall münden.

Aura vor dem Zusammenbruch

Dies beschreiben die Forscher am Beispiel eines 20-jährigen Mannes, der während eines Elektromusikfestivals kollabierte. Er gab an, kurz vor dem Zusammenbruch auf die Bühne geschaut und ein unangenehmes Aura-ähnliches Erlebnis gehabt zu haben.

Dabei habe er ein starkes Verlangen gespürt, seine Augen von den stroboskopischen Blitzen abzuwenden, die er für seine Missempfindungen verantwortlich machte. Er verlor für einige Minuten das Bewusstsein, seine Freunde berichteten den Ärzten anschließend über tonisch-klonische Zuckungen, begleitet von Bissen auf die Zunge und Urinabgang.

Der Mann gab an, weder Alkohol noch andere Drogen oder Medikamente eingenommen zu haben, auch habe er bislang keine epileptischen Anfälle gehabt. Nachdem er sich wieder erholt hatte, ließ er sich einige Wochen später auf ein Experiment ein: Völlig übermüdet schaute er sich ein Handyvideo des Konzerts an, dass einer der Ärzte, der ebenfalls auf dem Konzert war, zufällig zur Zeit des Anfalls aufgenommen hatte.

Im EEG erkannten die Ärzte während der stroboskopischen Blitze, die mit seinem Anfall zeitlich einhergegangen waren, erneute epileptoforme Entladungen. Auch dieses Mal bemerkte der Mann Aura-ähnliche Veränderungen. Die Ärzte nehmen daher an, dass die Lichtblitze während des Konzerts tatsächlich den Anfall ausgelöst haben.

Die Ärzte vergleichen...

Um zu schauen, wie häufig das insgesamt der Fall ist, analysierten sie Berichte von Rettungskräften und Ärzten, die im Jahr 2015 Patienten auf 28 größeren elektronischen Tanzmusikfestivals in den Niederlanden versorgten. Berücksichtigt wurden nur Events mit stroboskopischen Lichteffekten. An diesen Festivals nahmen über 400.000 Personen teil, knapp 2800 benötigten ärztliche Hilfe.

Die Ärzte um Salet differenzierten zwischen Konzerten am Tag und in der Nacht oder in dunklen Räumen. Tagesbesucher hielten sie mit Blick auf die stroboskopischen Effekte für nicht oder kaum exponiert, dies betraf rund 40 Prozent der Besucher.

Insgesamt fielen 39 Personen während der Konzerte durch epileptische Anfälle auf, 9 davon wurden in der nicht exponierten, 30 in der exponierten Gruppe registriert. Berücksichtigten die Forscher die Dauer der Konzerte, war die Inzidenz in der exponierten dreieinhalbfach höher als in der nicht exponierten Gruppe.

Danach ist bezogen auf 100.000 Personen und einer Konzertdauer von neun Stunden mit 78 Anfällen zu rechnen, wenn die Teilnehmer in dieser Zeit stroboskopischen Lichteffekten ausgesetzt sind, aber nur mit 17 Anfällen unter nicht exponierten Besuchern.

Ecstasy wenig bedeutsam

Rund ein Drittel der exponierten sowie der nicht exponierten Anfallspatienten hatte Ecstasy genommen – hier gab es keine großen Unterschiede.

Die Forscher um Salet gehen aufgrund ihrer Resultate davon aus, dass der Großteil der epileptischen Anfälle auf Elektromusikkonzerten tatsächlich von den Lichteffekten ausgelöst wird.

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