In Vergessenheit geraten?

Menschen mit Behinderung leiden in der Pandemie oft stärker

Wer die staatlichen Maßnahmen gegen Corona intellektuell nicht versteht, kann Ängste oder auch Aggressionen entwickeln. Die Politik habe in der Krise die Belange von beeinträchtigten Menschen zu wenig im Blick, beklagen Vertreter der Behindertenhilfe.

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Leben mit Behinderung – und zusätzlich unter Corona-bedingten Einschränkungen. Menschen mit Beeinträchtigungen treffen die Einschränkungen oft besonders hart.

Leben mit Behinderung – und zusätzlich unter Corona-bedingten Einschränkungen. Menschen mit Beeinträchtigungen treffen die Einschränkungen oft besonders hart.

© thomas hansson / stock.adobe.com

Hildesheim. Sorgen um die Gesundheit, finanzielle Not oder einfach nur Langeweile: Die Corona-Pandemie belastet jeden; Menschen mit Beeinträchtigungen treffen die Einschränkungen jedoch besonders hart. „Nach den guten Fortschritten im Bemühen um Inklusion bedeutet Corona fast eine Rolle rückwärts“, sagt Ulrich Stoebe, Direktor der Diakonie Himmelsthür.

Der größte Träger der Eingliederungshilfe in Niedersachsen unterstützt vorwiegend Menschen mit geistigen Behinderungen. Einige hätten wegen der Pandemie-Berichte im Fernsehen übergroße Ängste entwickelt, daraus resultierten teilweise auch Aggressionen, berichtet Stoebe. „Ihr Alltag wurde komplett über den Haufen geworfen. Die psychische Belastung ist groß, gerade weil viele den Corona-Sachverhalt nicht nachvollziehen können.“

„Bei Gesetzentwürfen zu wenig berücksichtigt!“

Werden Menschen mit Behinderungen in der Pandemie vergessen? Knapp eine Million bezogen 2018 bundesweit Leistungen der Eingliederungshilfe. Weder die Einrichtungen noch die Betroffenen würden bei den relevanten Gesetzentwürfen ausreichend berücksichtigt, beklagt der Verband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP). Für das Personal sei keine Corona-Prämie vorgesehen. „Auch viele Menschen mit Behinderung müssen mit einem schweren Krankheitsverlauf rechnen, wenn sie sich mit COVID-19 anstecken“, sagt die frühere Gesundheitsministerin und Vorsitzende der Lebenshilfe, Ulla Schmidt (SPD). Daher müssten auch deren Betreuer die Möglichkeit erhalten, sich vorrangig impfen zu lassen.

Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung an diesem Donnerstag (3. Dezember) will auf die Rechte der Betroffenen aufmerksam machen.

Während des ersten Lockdowns gab es ein Besuchsverbot in Heimen und Wohngruppen, auch die Behindertenwerkstätten wurden geschlossen. Im Juni begann eine schrittweise Öffnung. Allerdings können zum Beispiel in der Tagesförderstätte am Hauptsitz der Diakonie Himmelsthür in Hildesheim pro Gruppe nur 15 statt sonst 30 Frauen und Männer betreut werden. Zudem bleiben immer diejenigen zusammen, die auch zusammen wohnen – eine Kohortenbildung ähnlich wie in den Schulen. Vor Corona wurde gerade dies vermieden. Jetzt droht ein Lagerkoller. „Sie vermissen Sport, Einkaufstouren und selbst die Busfahrten“, erzählt Marianne Heller, Fachbereichsleiterin Tagesförderstätten. „Der Stresspegel ist deutlich höher.“

Negative – aber auch positive – Auswirkungen

Für die niedersachsenweit rund 30 Standorte der Diakonie Himmelsthür wurde ein Hygienekonzept entwickelt. Täglich muss eine Balance zwischen dem Bedürfnis nach Selbstständigkeit und körperlicher Nähe und dem Infektionsschutz gefunden werden. In einer Wohngruppe in Bad Salzdetfurth hatte es im Mai einen Corona-Ausbruch gegeben: 32 Menschen infizierten sich – eine 46 Jahre alte Bewohnerin starb.

Nach der ersten Phase der Pandemie stellte der Psychologische Dienst der Diakonie laut Stoebe bei vielen Menschen Verschlechterungen fest. Beraubt um die Beschäftigung abseits der Wohngruppe, zogen sie sich zurück und verloren erlernte Fähigkeiten. In der Zeit des Besuchsverbots seien einige Wohngemeinschaften aber auch enger zusammengerückt, erzählt der Direktor. Aus der Not heraus seien sogar neue Hobbys wie Häkeln oder Gitarre spielen entdeckt worden.

Trotz einzelner Ausbrüche sei es richtig, die sozialen Einrichtungen während des Teil-Lockdowns offenzuhalten, sagt Christian Germing, der sich im Verband Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie engagiert. In den Werkstätten werden nach seiner Einschätzung die Abstands- und Hygieneregeln gut umgesetzt. „Menschen mit geistiger und vor allem psychischer Behinderung brauchen eine feste Tagesstruktur.“ Einige von ihnen hätten sogar Angst vor ihrem Urlaub, weil dann die Struktur verloren gehe, sagt der Leiter des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld im Münsterland. „Die komplette Schließung im Frühjahr war auch für die Angehörigen eine große Belastung.“ So hätten Eltern im Alter von über 80 Jahren tagsüber anstelle der Werkstätten die Betreuung und teils auch Pflege ihrer erwachsenen Kinder übernommen. (dpa)

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