Direkt zum Inhaltsbereich

Interview

Vier Patienten pro Quartal mit familiärer Hypercholesterinämie

Wenn ein Mensch mit familiärer Hypercholesterinämie ein kardiovaskuläres Ereignis erlebt, ist es eigentlich schon zu spät. Bei der frühen Identifikation dieser Risikopatienten helfen Mitarbeiterinnen des CaRe-High-Registers.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Bei familiärer Hypercholesterinämie treten kardiovaskuläre Ereignisse schon in jungen Jahren auf.

Bei familiärer Hypercholesterinämie treten kardiovaskuläre Ereignisse schon in jungen Jahren auf.

© pixologicstudio / iStock / Think

Ärzte Zeitung: Wie viele Menschen mit familiärer Hypercholesterinämie (FH) sind pro Quartal in einer Hausarztpraxis zu erwarten?

Professor Winfried März: Das dürften durchschnittlich vier bis fünf Patienten sein. Bei einer Prävalenz von etwa 1:250 gehen wir in Deutschland von rund 360.000 Patienten mit FH aus. Vielleicht zwei Prozent der Betroffenen sind diagnostiziert.

Woran liegt das?

Prof. Winfried März

  • Aktuelle Tätigkeiten: März lehrt am Klinischen Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik an der Medizinischen Universität Grazund ist assoziierter Wissenschaftler an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg; Direktor der SYNLAB Akademie Mannheim der SYNLAB Holding Deutschland GmbH; Vorsitzender der DACH-Gesellschaft für Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen e.V., Leiter der CaRe High-Registerstudie

  • Schwerpunkte: Epidemiologie und Genetik von Herz-, Gefäß- und Nierenerkrankungen, Behandlung von Fettstoffwechselstörungen;Autor und Ko-Autor von mehr als 700 Publikationen in internationalen Peer-Review-Zeitschriften

März: Die Erkrankung verläuft lange symptomlos und die in Lehrbüchern beschriebenen Hauterscheinungen, also Xanthome an Finger- oder Fußgelenken, Xanthelasmen im Augenbereich oder auch der weiß-blaue korneale Arcus, treten aus uns unbekannten Gründen heute seltener auf. Des Weiteren haben wir es bislang weder in der Öffentlichkeit noch unter Ärzten ausreichend geschafft, für das Thema FH und die damit verbundenen Gefahren zu sensibilisieren.

Gehäufte Herzinfarkte in Familien werden doch aber bemerkt...

März: Richtig, die Kolleginnen und Kollegen sehen: die Familienmitglieder werden nicht alt. Aber noch zu selten wird dann die Verbindung zu einem möglicherweise genetisch bedingt drastisch erhöhten Serum-Cholesterin hergestellt.

Hinzu kommt, dass ein hoher Cholesterin-Spiegel in der Öffentlichkeit leider nach wie vor bagatellisiert wird. Wünschenswert wäre zudem die Integration des LDL- und HDL-Cholesterinspiegels in den Check-up 35.

In einem Modellprojekt war die Machbarkeit eines Kaskaden-Screenings auf FH untersucht worden. Inzwischen gibt es mit dem Projekt CaRe High (Cascade Screening and Registry for High Cholesterol) ein deutschlandweites Register für Patienten mit FH. Wie ist die Resonanz?

März: Sie wird zunehmend besser, inzwischen haben wir etwa 650 Patienten in das Register aufgenommen. Kaskaden-Screening heißt ja, dass wir über Indexpatienten mit FH in der Verwandtschaft weitere Betroffene früh identifizieren, um dann eine adäquate Therapie anbieten können. Dazu benötigen wir dringend die Zusammenarbeit mit Primärärzten.

Wie aufwändig ist das?

März: Wir haben den Aufwand für Allgemeinmediziner und hausärztlich tätige Internisten deutlich reduziert. Natürlich geht es hier vordergründig um Versorgungsforschung, aber primär geht es um Patientenschicksale und das Verhindern potenziell fataler kardiovaskulärer Ereignisse in noch jungen Jahren.

Wie läuft das Screening ab?

März: Die hausärztliche Aufgabe ist lediglich, den Indexpatienten über die Registerstudie aufzuklären. Willigt der Patient in die Teilnahme ein, kommen unsere Studienmitarbeiterinnen vor Ort, um die Anamnese zu erheben, bevorzugt in der Arztpraxis. Mit dem Ausfüllen von Patientenbögen hat der Arzt also schon nichts mehr zu tun.

Der Indexpatient wird von unseren Mitarbeitern angehalten, Angehörige der Familie, die womöglich ebenfalls hohe Cholesterinspiegel haben, über das Projekt zu verständigen. Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist es nur auf diese Weise möglich, potenziell von FH betroffene Angehörige von Indexpatienten anzusprechen.

Wer ist denn ein potentieller Indexpatient?

März: Wesentliche Kriterien sind ein frühes Infarktereignis beim Patienten selbst oder bekannte frühe Ereignisse in der Familie, die erwähnten Hauterscheinungen, die auf FH hinweisen können, und ein LDL-Cholesterin über 190 mg/dl. Wenigstens zwei dieser drei Kriterien sollten erfüllt sein, damit diese Patienten ins Register aufgenommen werden.

Wie geht es dann für die registrierten Patienten weiter?

März: Uns geht es lediglich um die Identifizierung betroffener Patienten und die Dokumentation. Wir geben keinerlei therapeutische Empfehlungen ab. Sämtliche weitere Diagnostik und therapeutische Maßnahmen liegen im Ermessen des behandelnden Arztes, dessen Fragen wir jedoch gerne diskutieren. Die stufenweise Eskalation der medikamentösen Therapie ist ja nicht besonders schwierig. Problempatienten sollten an eine Lipid-Ambulanz überwiesen werden. Entsprechende Ansprechpartner mit Kontaktdaten finden sich auf der Homepage der Lipid-Liga.

Weitere Informationen: CaRe High ist ein Projekt der DACH-Gesellschaft für Prävention von Herz-Kreislauf- Erkrankungen e.V. (www.dach-praevention.eu; www.fhscore.eu; www.check-dein-Herz.de)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Sonderbericht

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Das könnte Sie auch interessieren
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

An der Frankfurt School of Finance & Management im Norden der Mainmetropole wird auch in diesem Jahr der Tag der Privatmedizin 2026 ausgerichtet. Die Veranstaltung ist für den 21. November angesetzt. (Archivbild)

© Frankfurt School of Finance & Management

Update

Praxiswissen und Innovation

Privatmedizin: Anregungen für die Praxis in Frankfurt am 21. November

Logo Cardisio

© FOMF

Forum für medizinische Fortbildung

Eviplex: KI-gestützte Recherche speziell für den medizinischen Alltag

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Übersicht und Metaanalyse

Probiotika könnten Arthrose-Beschwerden lindern

Lesetipps
Ältere Frau sitzt auf dem Boden und hält sich den Kopf.

© LIGHTFIELD STUDIOS / stock.adobe.com

Stürze vermeiden!

Synkopen wegen Blutdruck-Schwankungen: Worauf es dann ankommt