HINTERGRUND

Wer hat das meiste zum Klonen von Schaf Dolly beigetragen?

Von Ute Dickerscheid Veröffentlicht:

Das Klonschaf Dolly hatte keinen biologischen Vater. Und zehn Jahre nach der Geburt des berühmtesten Schafes der Welt am 5. Juli 1996 ist auch die geistige Vaterrolle des Klonforschers Dr. Ian Wilmut umstritten.

Als Wilmut das erste aus einer erwachsenen Zelle geklonte Säugetier im Februar 1997 der Öffentlichkeit präsentierte, wurden er und das Schaf weltberühmt. Seine "Vaterrolle" hat Wilmut jedoch vor einem schottischen Gericht inzwischen herabgestuft. Dort hat der Wissenschaftler nach einem Bericht des "Daily Telegraph" etwa drei Jahre nach Dollys Tod im Jahr 2003 - das Klonschaf mußte eingeschläfert werden - eingeräumt, daß nicht er, sondern sein damaliger Kollege Dr. Keith Campbell Dolly maßgeblich geschaffen hat.

Wer nun endgültig als der Schöpfer Dollys und damit als Pionier des modernen Klonverfahrens in die Geschichte eingehen soll, ist nur schwer zu klären. Das Roslin-Institut in Edinburgh in Schottland, die Geburtsstätte Dollys, äußert sich dazu nur vage. Ein Sprecher verweist auf Teamarbeit, alle an dem beteiligten Projekt hätten dazu beigetragen, heißt es diplomatisch. Wilmut habe eine "überwachende Rolle" gehabt, so das Institut.

Vor Gericht soll der Forscher Medienberichten zufolge bereits zugegeben haben, daß "66 Prozent" des Verdienstes an Dollys Schöpfung an Campbell gingen. Demnach hätte der Zellbiologe auch als Erstautor genannt werden sollen, doch dieses Privileg hat sich Wilmut selbst gesichert. Publiziert wurde der Forschungsbericht im Februar 1997 in "Nature" (385, 1997, 810).

Wilmut hat ein Patent zum Klonen menschlicher Embryonen

    Das Klonschaf mußte mit sechs Jahren eingeschläfert werden.
   

Wilmut hatte bereits in seinem Buch "Dolly" geschrieben, daß der Labortechniker Bill Ritchie und der Forscher Campbell die 277 Embryonen konstruierten, von denen eines zu Dolly führte. Doch nun sagte er nach Angaben der britischen Zeitung "Guardian" auch vor dem schottischen Gericht auf die Frage ob der Satz: "Ich (Wilmut) habe Dolly nicht geschaffen", richtig sei, "Ja". Dabei war Dolly bei dem Prozeß nur ein Nebenschauplatz gewesen. Vielmehr ging es nach Medienangaben um einen Streit mit dem indischen Molekularbiologen Prim Singh, der sich von Wilmut in einem anderen Fall übergangen fühlte.

Wilmut selbst hat inzwischen ein Patent zum Klonen menschlicher Embryonen erhalten. Er will damit - wie berichtet - Therapien gegen Motorneuronen-Erkrankungen entwickeln. Das Schaffen von Klonbabys, die dasselbe Erbgut wie irgendeines gesunden Erwachsenen haben, lehnt er jedoch strikt ab.

Plädoyer fürs Klonen in Ausnahmefällen

Das Klonen von Menschen lehnt Wilmut aber nicht generell ab. In seinem Buch "After Dolly" plädiert er dafür, daß die bei Dolly entwickelte Methode in bestimmten Fällen auch bei Menschen angewendet werden soll. Wenn das Risiko bestehe, daß Kinder mit schweren Erbkrankheiten wie Zystische Fibrose oder Veitstanz geboren werden, dann müsse das Klonen erlaubt sein.

Wilmut beschreibt im Buch folgendes Procedere: Einem Embryo mit Erbfehler werden Zellen entnommen. Gentechnisch wird deren Erbgut korrigiert. Dieses Erbgut werde dann zum Klonen eines gesunden Embryos genutzt, der auch ausgetragen wird, schlägt Wilmut vor. Abgesehen von ethischen Problemen scheinen derzeit jedoch auch die technischen Hürden zum Klonen von Menschen kaum überwindbar.

Dolly selbst starb recht jung. Im Februar 2003 wurde das Schaf wegen einer fortschreitenden Lungenerkrankung im Alter von sechs Jahren eingeschläfert. Normalerweise werden Schafe zwischen zwölf und dreizehn Jahre alt, und Dollys früher Tod nährte Befürchtungen von Forschern, daß Klonen zu vorschneller Alterung führt.

Die Klonforscher versprachen, daß der Tod ihrer Kreatur nicht umsonst gewesen sei. Dolly als Märtyrerin für die moderne Medizin oder als eine Vorläuferin für neue Tiere, die der Wissenschaft Organe als Transplantate für Menschen liefern können. Seit Dolly ist alles anders, alles scheint möglich. (dpa)

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Aktuelle Forschung

Antikörper – die Verkuppler der Krebsmedizin

Noch keine in vivo-Daten

Bakterielle Enzyme wandeln Blutgruppen A und B in 0 um

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Es gibt tierexperimentelle Studien, wonach Mikroplastik entzündungsverstärkend wirkt, wenn durch ein zusätzliches Agens die Tight junctions zwischen Darmzellen zerstört sind. Wenn also zu einer hohen Mikroplastik-Konzentration zusätzlich pathogene Faktoren hinzukommen, könnte dies entzündungsfördernd wirken, etwa bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

© Rochu_2008 / stock.adobe.com

Forschung

Beeinflusst Mikroplastik chronische Erkrankungen?

Charlotte Kleen

© Babett Ehrt/ Lichtbildwerkstatt

Porträt

Wie Charlotte Kleen Medizin in ihrer ganzen Breite kennenlernt

Mädchen geht chemischen Experimenten in einem Klassenzimmer nach, die Haare stehen ihr zu Berge.

© Andrey Kiselev / stock.adobe.com

Inkretinmimetika

GLP-1: Wie aus dem kleinen Hormon ein Rockstar wird