Big Brother zwischen Windeln und Babybrei

Der Kinderschutzbund zeigt sich "entsetzt", Pädiater geißeln die kommerzielle Ausbeutung von Kleinkindern: Die RTL-Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" erntet vor der ersten Ausstrahlung nur Kritik.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Hallo, kleiner Mann! Basti (18) und Tamara (17, v. l.) kümmern sich um Lasse, der von der Mutter gebracht wird.

Hallo, kleiner Mann! Basti (18) und Tamara (17, v. l.) kümmern sich um Lasse, der von der Mutter gebracht wird.

© Foto: RTL

Teenager dürfen mit echten Babys experimentieren, ab dem 3. Juni kann ihnen jeder dabei zuschauen. Der Kölner Privatsender RTL nennt sein neues Format selbst ein "Experiment". Einen Monat lang absolvierten vier Teenager-Paare "einen Crashkurs zum Erwachsenen-Dasein", wie es auf der Homepage des Senders heißt.

Jedes Paar wohnte im eigenen Haus, übte das Zusammenleben, Geldverdienen und die Bewältigung des Haushalts. Dann überließen "vier Familien aus ganz Deutschland für vier Tage den Teenagern das Schönste, was sie besitzen: ihre Babys", formuliert es RTL. Die leiblichen Eltern konnten "ihre Babys 24 Stunden am Tag aus dem gegenüber liegenden Haus beobachten und das Experiment jederzeit abbrechen". Zudem waren eine Kinderpsychologin und eine Ärztin vor Ort. Im Notfall habe auch Expertin Katja Kessler eingreifen können. Die ausgebildete Zahnärztin ist die Frau von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, zusammen haben sie vier Kinder. Jahrelang hat sie Textbeiträge zu den Oben-ohne-Mädchen in der "Bild"-Zeitung verfasst und Dieter Bohlen beim Schreiben seiner Bücher geholfen.

Vorbild für das Doku-Format ist die BBC-Sendung "The Baby Borrowers", die im Sommer 2008 für heftige Kritik in Großbritannien sorgte. Seit Ankündigung der deutschen Version schlagen auch hierzulande die Wellen hoch. "Diese Sendung setzt die Kinder einem hohen Risiko aus", sagt Paula Honkanen-Schoberth, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes. "Indem RTL diese Kinder existenziellen Ängsten aussetzt, nimmt der Sender die Entstehung einer Bindungsstörung bei den Kindern billigend in Kauf."

Ähnlich sieht es der Landesverband Schleswig-Holstein des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. "Zum Vergnügen der Zuschauer werden Kleinkinder in einer der sensibelsten Phasen der seelischen Entwicklung tagelang von ihren Eltern getrennt und fremden Teenagern übergeben", heißt es in einer Stellungnahme. Die Kinderkommission des Deutschen Bundestags protestiert dagegen, Kinder zu Versuchskaninchen zu degradieren, und fordert RTL auf, die Serie nicht auszustrahlen. Die Bundespsychotherapeutenkammer schließlich fordert strengere Mediengesetze, welche Säuglinge vor TV-Experimenten schützen.

RTL sieht in der umstrittenen Sendung eine positive pädagogische Absicht.

Bislang ficht RTL die Kritik nicht an. Die Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" sei von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen geprüft worden, die der Doku-Soap gar eine "positive pädagogische Absicht" zuschreibe, heißt es von Seiten des Privatsenders. Ins selbe Horn stößt auch RTL-Expertin Katja Kessler: "Jeder Teenager, der nach der Sendung mit der Erkenntnis ins Bett geht: Ich lass das noch mal mit der Fortpflanzung, ich fasse erst mal Fuß in meinem eigenen Leben, bevor ich neues produziere, ich mache 'ne Ausbildung, ich verdiene eigenes Geld, ist ein Riesen-Sieg."

Und die Leih-Mütter? Eine von ihnen äußerte sich jetzt anonym in der Online-Ausgabe der Frauenzeitschrift "Brigitte". Sie sei während des Experiments stets in der Nähe des Babys gewesen, so Katrin B., und habe immer eingreifen können. Ausschlaggebend für ihre Teilnahme sei weniger das Geld denn die Lust gewesen, hinter die Kulissen des Fernsehens sehen zu dürfen. Ihrem elfmonatigen Sohn sei es gut gegangen: "Ganz sicher war er nicht traumatisiert, wie irgendwelche Experten, die die Sendung noch gar nicht gesehen haben, jetzt behaupten. Das hätte ich als Mutter doch gemerkt."

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