Genomische Prägung
Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstädter-Preis an Epigenetik-Forscher verliehen
50 Prozent Gene von der Mutter, 50 Prozent vom Vater? Ja, aber! Mit Ihrer Entdeckung der genomischen Prägung stellten Davor Solter und Azim Surani die Annahmen über Vererbung auf den Kopf. Dafür wurden sie mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis ausgezeichnet.
Veröffentlicht:
Professor Azim Surani (links) und Professor Davor Solter (rechts) bei der Verleihung des Preises in der Paulskirche in Frankfurt.
© Uwe Dettmar
Frankfurt. Oft vergehen viele Jahre, bis sich die Bedeutung einer Entdeckung für die nachfolgende Wissenschaft abschätzen lässt. Im Fall der Entdeckung der genomischen Prägung durch die Entwicklungsbiologen Davor Solter und Azim Surani im Jahr 1984 war die Tragweite jedoch vergleichsweise früh klar: Gene wirken nicht nur durch ihre DNA-Sequenz, sondern auch durch epigenetische Faktoren, die über ihre Aktivität entscheiden. Mit dieser Erkenntnis legten sie den Grundstein für die moderne Epigenetik.
Am Samstag den 14. März wurden Professor Solter und Professor Surani für ihre wissenschaftliche Arbeit mit dem Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstädter-Preis 2026 ausgezeichnet.
Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis
Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis ist mit 120.000 Euro dotiert und wird traditionell an Paul Ehrlichs Geburtstag, dem 14. März, in der Frankfurter Paulskirche verliehen.
Mit ihm werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geehrt, die sich auf dem von Paul Ehrlich vertretenen Forschungsgebiet besondere Verdienste erworben haben, insbesondere in der Immunologie, der Krebsforschung, der Hämatologie, der Mikrobiologie und der Chemotherapie.
„Es ist uns ein großes Anliegen, Forschung auszuzeichnen, die die wesentlichen Aspekte von Paul Ehrlichs Arbeit enthält. Hierbei handelt es sich um sehr gewissenhafte und sorgfältige Arbeit“, begründet Professor Thomas Boehm, Vorsitzender des Stiftungsrats, die Entscheidung.
Aktive und inaktive Gene bestimmen Entwicklung
In der Genetik galt zuvor die Annahme, dass jede Körperzelle eines Säugetiers in gleichem Maße Genmaterial der Mutter und des Vaters enthält. Dies würde bedeuten, dass sich im Zellkern zwei aktive Kopien jedes Gens befinden. Unabhängig voneinander gingen Surani und Solter der Frage nach, ob – wenn Gene wirklich jeweils zu 50 Prozent vererbt werden – eine Embryonalentwicklung nicht auch mit zwei mütterlichen bzw. zwei väterlichen Kopien möglich sein sollte.
Um diese Frage zu beantworten, wandten die Biologen eine von Solter entwickelte Technik an: die Transplantation der Kerne von Keimzellen (Pronuclei) in Mäusen. Das Ergebnis: Die Kombination zweier männlicher Pronuclei führte zwar zur Plazentabildung, der Embryo blieb jedoch unterentwickelt. Die Kombination zweier weiblicher Pronuclei führte zu unzureichender Plazentabildung.
Der Grund: Von beiden Kopien jedes Gens, die jeweils von Mutter und Vater beigesteuert werden, sind manche einseitig durch molekulare Marker abgeschaltet. Es ist also entweder nur die mütterliche oder die väterliche Kopie aktiv.
Neben der Embryonalentwicklung hat die genomische Prägung inzwischen auch Bedeutung in der Medizin. Im Jahr 1991 wurden die ersten geprägten Gene identifiziert: IGF2 und IGF2-R. Ein Verlust der genomischen Prägung des IGF2-Gens ist mit der Entstehung von Darmkrebs, Glioblastomen und Nierentumoren assoziiert. Geprägte Gene sind außerdem an der Entwicklung und Funktion des Gehirns beteiligt. Störungen des Imprintings führen zu schweren Entwicklungssyndromen. Ebenso wird vermutet, dass sie an der Entstehung von Autismus und Epilepsie beteiligt sind. (help)









