Direkt zum Inhaltsbereich

Flüchtlinge

Breites Spektrum an Erkrankungen

Migranten haben häufig dieselben akuten und chronischen Erkrankungen wie die einheimische Bevölkerung, aber es gibt viele Besonderheiten, etwa bei Infektionen und Hämoglobinopathien.

Von Nicola Siegmund-Schultze Veröffentlicht:
Viele Kollegen - wie hier Detlev Niebuhr von der Malteser-Migranten-Medizin aus Hamburg - engagieren sich ehrenamtlich für die medizinische Versorgung der mehr als eine Million Flüchtlinge in Deutschland.

Viele Kollegen - wie hier Detlev Niebuhr von der Malteser-Migranten-Medizin aus Hamburg - engagieren sich ehrenamtlich für die medizinische Versorgung der mehr als eine Million Flüchtlinge in Deutschland.

© Georg Wendt/dpa

MANNHEIM. Ein 17-jähriger, afrikanischer Patient wird mit offenen, gelblich-weißen Ulzera an beiden Beinen in eine Notaufnahme eingeliefert. Über seine Herkunft möchte er keine genaue Auskunft geben, vermutlich ist er Sudanese.

Eine Staphylodermie, eventuell durch methicillinresistente S. aureus, ist eine erste Hypothese der Ärzte. Aber Ultraschall und Laboruntersuchungen führen schließlich zu einer völlig anderen Ursache: Der Jugendliche hat eine Sichelzellkrankheit mit rezidivierenden Ulzera nach vaso-okklusiven Krisen.

Dr. August Stich, Infektionsexperte und Tropenmediziner von der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, stellte diese Kasuistik beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Mannheim vor.

Es ist eine von vielen besonderen Kasuistiken, die beim Kongress präsentiert wurden. Mehr als eine Million Menschen sind seit dem vergangenen Jahr nach Deutschland eingereist und müssen gesundheitlich versorgt werden.

Herkunftsland oft nicht bekannt

Das Spektrum der Herkunftsländer ist groß und wechselt, ebenso wie das der Transitländer. "Natürlich sollte man die Patienten dazu befragen, aber bei einem großen Teil sind die Angaben nicht sicher: weder zur Herkunft, noch zu den Transitländern, noch zur Anamnese inklusive vorangegangener ärztlicher Versorgung oder zu den Impfungen", sagte Stich, "das erschwert die Diagnose."

Denn Prävalenzen genetischer oder übertragbarer Erkrankungen, bei denen auch die Inkubationszeit von Bedeutung ist, seien Anhaltspunkte - im Normalfall.

Bislang gibt es keine repräsentativen Daten zu den Gesundheitsproblemen von Flüchtlingen nach Ankunft in Deutschland, sagte Thomas Löscher, emeritierter Professor für Infektions- und Tropenmedizin der LMU München.

Die Daten größerer Einrichtungen und eine Umfrage unter DGIM-Mitgliedern aber weisen darauf hin: Migranten haben häufig dieselben akuten Erkrankungen wie die einheimische Bevölkerung, in den Wintermonaten Grippe, Erkältung Windpocken.

Hinzu kommen - situationsbedingt - gastrointestinale Infektionskrankheiten durch Noroviren, Salmonellen, Shigellen oder Campylobacter. Besondere Probleme machen in Erstaufnahmeunterkünften Skabies (Krätze) und vereinzelt das Läuserückfallfieber. Bei den chronischen Erkrankungen seien Diabetes oder Hypertonie am häufigsten, der Anteil der Chroniker an den Migranten nehme zu.

Womit müssen Ärzte rechnen?

Womit also müssen Ärzte bei der Untersuchung von Flüchtlingen rechnen? "Mit allen akuten und chronischen Erkrankungen, die deutsche Patienten auch bekommen", sagt Stich. Und sie müssten an seltene Erkrankungen denken

- aufgrund von Mangelernährung und Hypovitaminosen (Skorbut durch Vitamin-C-Defizienz, Pellagra und Anämie durch Vitamin-B-Mangel oder Osteomalazie durch Vitamin-D-Defizienz),

- an Hämoglobinopathien durch häufigere genetische Disposition wie Sichelzellanämie oder Thalassämie,

- an übertragbare Erkrankungen durch erhöhte Prävalenz in Herkunfts- oder Transitländern. Das sind etwa Tuberkulose, auch mit extrapulmonalen Manifestationen, Virushepatitiden, Meningitis und tropische Erkrankungen wie Malaria, Leishmaniose, auch mit kutanen Manifestationen, Dengue-Fieber und andere hämorrhagische Fieber und - selten - auch Lepra.

"Das Spektrum der medizinischen Problemstellungen unterscheidet sich bei Flüchtlingen erheblich von dem der einheimischen Bevölkerung", sagte Stich. Hinzu kämen häufig Traumata und posttraumatische Belastungsstörung.

"Dringend notwendig sind jetzt kontinuierliche spezifische Fortbildungen, eine individuelle medizinische Versorgung der Migranten und eine systematische Erfassung ihrer Erkrankungen und des Therapieverlaufs nach Ankunft in Deutschland."

Ihr Newsletter zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

© AndreasReh, Ljupco, tinydevil, shapecharge | istock

rHWI

Überzeugende Real-World-Daten zur Langzeitprophylaxe

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

© Dr_Microbe | Adobe Stock

In vitro-Studien

Antibiotikum mit antimykotischen Zusatznutzen

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Therapie bei unkomplizierter Zystitis

© Dr_Microbe | Adobe Stock

Evidenz, Resistenz & Wirksamkeit

Therapie bei unkomplizierter Zystitis

Anzeige | MIP Pharma GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: WAYPOINT-Studie: schnelle und signifikante Reduktion des SNOT-22-Scores über 52 Wochen

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [6]

Schwere, unkontrollierte CRSwNP

Wirkansatz an epithelialen Alarminen

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Abb. 1: Signalkaskade der kardiovaskulären Inflammation

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [9]

Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt

Therapie der kardiovaskulären Inflammation senkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APONTIS PHARMA Deutschland GmbH & Co. KG

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Tipps

Sommerhitze: Das ist wichtig bei älteren Patienten

Kürzer ist oft besser

Wann ein Antibiotikum früher abgesetzt werden kann

Lesetipps
Mehrere Menschen im Gespräch

© Jacob Lund / stock.adobe.com

Wohlbefinden stärken

Wie sich psychische Erkrankungen im Praxisteam vorbeugen lassen

Frau mit Restless-Legs-Syndrom liegt im Bett und wackelt mit den Beinen.

© Andrey Popov / stock.adobe.com

Achtung vor RLS-Mimics

Restless-Legs-Syndrom: Mit 5 Kriterien zur Diagnose