Direkt zum Inhaltsbereich

Autismus

Brille entschlüsselt Gefühle

Etwa 100 Gefühle können sich laut Forschern im Gesicht zeigen. Immer bessere Software kann inzwischen zumindest einige Emotionen erkennen. Nun könnte eine intelligente Brille auch Autisten helfen.

Von Cathérine Simon Veröffentlicht:
Traurig, fröhlich, überrascht? Jens Garbas zeigt, wie die Software seinen Gesichtsausdruck analysiert.

Traurig, fröhlich, überrascht? Jens Garbas zeigt, wie die Software seinen Gesichtsausdruck analysiert.

© Ebener/dpa

ERLANGEN. Schaut jemand traurig oder fröhlich, verärgert oder überrascht? Was die meisten Menschen mit einem Blick erfassen, fällt Autisten extrem schwer. Meist müssen sie langwierig lernen, was ein Lächeln oder Stirnrunzeln bedeutet.

Eine Software des Fraunhofer-Instituts in Erlangen könnte autistischen Menschen den Alltag bald erleichtern.

In eine Datenbrille eingebaut, zeigt sie dem Träger nicht nur, ob sein Gegenüber eine Frau oder ein Mann ist und sein ungefähres Alter. Auch grundlegende Emotionen kann das Programm erkennen und anzeigen.

Bei einem breiten Lächeln zeigt sich neben dem Wort "happy" ein roter Balken. Formt sich der Mund zu einem O und werden die Augen aufgerissen, soll der Balken bei "surprised" ausschlagen.

Perfekt funktioniert das Ganze zwar nicht, doch die Fraunhofer-Software "Shore", kurz für "Sophisticated high speed object recognition engine", und ähnliche Programme liegen zumindest bei den sogenannten Basis-Emotionen Ärger, Trauer, Angst, Freude, Überraschung und Ekel ziemlich richtig.

Prinzip: maschinelles Lernen

"Studien haben gezeigt, dass diese in etwa 90 Prozent der Fälle korrekt angezeigt werden", sagt die Berliner Emotionsforscherin Isabel Dziobek. Und das ist schon erstaunlich, denn "Menschen können um die 100 Emotionen im Gesicht ausdrücken", wie die Psychologin sagt.

Jens Garbas vom Erlanger Fraunhofer-Institut und sein Team arbeiten seit rund zehn Jahren an der Software. Das Prinzip dahinter ist maschinelles Lernen.

Die Forscher haben das Programm mit mehr als 30.000 Beispielbildern gefüttert und hinterlegt, ob Mann oder Frau zu sehen ist, wo sich Mund, Nase und Augen befinden und welche Emotion zu sehen ist.

Von Konsumforschern wird die Software bereits zur Werbewirkungs- und Marktforschung eingesetzt. Sie können damit etwa erfassen, wie Menschen auf einen Spot reagieren und welche Szenen positiv oder negativ bewertet werden.

Und es gibt bereits Fotoapparate, die erst auslösen, wenn das Motiv lächelt.

Auch in Geschäften wird solche Software genutzt. Die Läden können so erfahren, ob eher Frauen oder Männer kommen, in welchem Alter die Kunden sind, zu welcher Tageszeit sie kommen und wie sich die Kunden im Geschäft bewegen.

Ein Schild zur Videoüberwachung reiche hier als Hinweis, erklärt Garbas. "Die bloße Auswertung ist hier ein geringerer Eingriff als wenn die Daten gespeichert würden."

Auch Display-Werbung, die auf den Betrachter reagiert, gibt es längst. Menschen-Roboter mit der installierten Software fragen etwa: "Sie schauen so traurig. Soll ich Ihnen einen Witz erzählen?" Die Forscher haben noch viele weitere Ideen.

"Die Software könnte überall genutzt werden, wo Menschen mit Maschinen interagieren", sagt Garbas. Oder auch im Sicherheitsbereich: Wenn erfasst werden soll, "welche mittlere Einstellung eine Menschenmasse hat".

Ziel ist, dass die Software immer feiner zwischen Emotionen unterscheiden kann - etwa ob ein Lächeln echt ist oder gespielt. Bei einem richtigen Lächeln zeigen sich Fältchen um die Augen. Mehr Muskeln sind aktiv.

Hilfe im Kontakt mit Fremden

Die neueste Idee der Erlanger ist, die Software auf eine Datenbrille aufzuspielen und so für Autisten zu nutzen. Friedrich Nolte vom Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus hält die Idee grundsätzlich für sinnvoll.

So eine Brille könne Autisten helfen, wenn sie zu einem Termin mit Fremden gehen: "Wenn man die Leute nicht kennt, ist es schwieriger, ihre Gefühle einzuschätzen."

Dennoch bleibe die Brille eine Krücke. Nolte hält es für sinnvoller, Autisten mit Übungsprogrammen beizubringen, Emotionen selbst zu erkennen. "Eine Sprache zu lernen ist besser als einen Simultanübersetzer danebenstehen zu haben", vergleicht er.

An solchen Programmen arbeitet Isabel Dziobek. Mit der Software kann man trainieren, 40 Gefühle zu erkennen - etwa indem man die obere und die untere Hälfte eines Gesichts zusammensetzt.

Die Gefühle wurden in knapp 8000 Video- und Audiosequenzen von 70 Schauspielern dargestellt.

Mit der Software könnten nicht nur Autisten üben, sondern auch Menschen in Berufen bei Zoll, Polizei oder Pflege, die Gefühle besonders genau erkennen müssen, sagt Dziobek.

Datenschutz-Probleme sieht der Fraunhofer-Forscher Garbas nicht. "Die ganze Berechnung findet im Gerät statt, und die Info wird ohne Bezug zur Person gespeichert." Identifiziert werden die Menschen also nicht.

Auch Miriam Meder vom bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht sieht wenig Probleme, weil keine Daten die Brille verlassen.

Eine Einverständniserklärung der Nutzer sei nur nötig, wenn Bilddaten oder andere personenbezogene Daten gespeichert oder weitergegeben würden oder wenn ein Drittanbieter, etwa eine App, hinzukomme. (dpa)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Fehlende Folgediagnosen verfälschen das Bild

Zi: Endometriose wird in Abrechnungsdaten häufig unterschätzt

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Verlauf des Rett-Syndroms

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Rett-Syndrom

Diagnose und Verlauf einer herausfordernden Erkrankung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Acadia Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München
Abb. 1: Folgen einer Fehldiagnose bei Menschen mit einer Seltenen Erkrankung (SE), die angaben, dass ihre SE oder die SE einer von ihnen betreuten Person mindestens einmal falsch diagnostiziert wurde (n=4.756)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Neuromyelitis-Optica-Spektrum-Erkrankungen

Weshalb das rechtzeitige Erkennen und Behandeln wichtig ist

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alexion Pharma Germany GmbH, München
Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

© William / Generated with AI / Stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Ofatumumab zeigt günstiges 8-Jahres-Sicherheitsprofil

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Interview zum Urologie-Kongress

Wie wird KI die Urologie verändern, DGU-Präsidentin Krege?

An der Spitze des Gemeinsamen Bundesausschusses

G-BA-Vorsitzende Sonja Optendrenk sieht sich als Streiterin der Selbstverwaltung

Lesetipps
Ältere Frau bei einer Psychiotherapie

© Herbie / Fotolia

Multimodale Therapie

Dystonien: Welche alternativen Therapieansätze gibt es?

Smartphones mit Gemini und Chat-GBT

© Lorenzo Di Cola | NurPhoto / picture alliance

Künstliche Intelligenz

Warum die KI eine Hausärztin fälschlicherweise für tot erklärte

Eine ältere Frau stützt ihr Gesicht mit ihren Händen ab.

© Alexey Klementiev / photos.com

Risikofaktoren im Blick

So spüren Sie eine Post-Stroke-Depression auf